Studie

Judenhass ist »alltagsprägend« - auch in Baden-Württemberg

Oliver Hildenbrand (l, Bündnis 90/Die Grünen), Minister für Soziales, Arbeit und Gesundheit in Baden-Württemberg, und Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus, halten bei einer Pressekonferenz den Jahresbericht antisemitische Vorfälle in den Händen. Foto: picture alliance/dpa

Baden-Württembergs neuer Sozialminister Oliver Hildenbrand (Grüne) zeigt sich alarmiert: »Antisemitismus gehört leider auch hier bei uns in Baden-Württemberg zum Alltag.« Es sei beschämend, »dass eine Kippa auf dem Kopf, ein Davidstern um den Hals oder eine Israelfahne in der Hand zur Gefahr werden können«, sagte er am Montag in Stuttgart. Der Minister kam zur Vorstellung des Jahresberichts der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Baden-Württemberg.

Der Bericht zeige, dass sowohl Jüdinnen und Juden als auch Kritiker von Antisemitismus regelmäßig angefeindet würden, sagte Hildenbrand. Demnach hat es im vergangenen Jahr im Schnitt fast an jedem Tag einen judenfeindlichen Vorfall gegeben - wobei dies nur die registrierten Fälle sind. Die neue Meldestelle, die im Januar 2025 ihre Arbeit aufnahm, dokumentierte insgesamt 335 antisemitische Vorfälle.

Spitze des Eisbergs ragt aus Dunkelfeld

Aus allen Regierungsbezirken, aus Städten wie ländlichen Regionen wurden demnach judenfeindliche Vorfälle gemeldet, vor allem aus dem Alltagsleben. Robert Ogman, Projektleiter von Rias Baden-Württemberg, sprach von der »Spitze des Eisbergs«. Es sei von einem »großen Dunkelfeld« auszugehen.

Benjamin Steinitz, der Geschäftsführer des Bundesverbands Rias, sagte: »Antisemitismus prägt auch in Baden-Württemberg in bedrückender Weise den Alltag von Jüdinnen und Juden.« Judenhass drohe sich »in unserer Gesellschaft zu normalisieren«. Im Bundesgebiet seien 8.700 antisemitische Vorfälle dokumentiert worden. Baden-Württemberg sei das zwölfte Bundesland, das inzwischen eine solche Meldestelle habe. Erste systematische Auswertung

Diese »erste systematische Auswertung« für das Bundesland im Südwesten mache deutlich: »Antisemitische Vorfälle prägen das Leben von Jüdinnen und Juden: auf der Straße, im Internet, an Bildungseinrichtungen oder im direkten Wohnumfeld«, so der Jahresbericht, der einige drastische Beispiele nennt.

In Reutlingen seien zwei Juden auf offener Straße von einem Mann mit den Worten »Scheiß Juden« und »Schwuchtel« beleidigt worden. Der Mann habe einen der beiden jüdischen Männer aufgefordert, seine Kippa zu verdecken.

»Auf Facebook erhielt eine Jüdin wiederholt Drohungen, darunter ein Bild einer Zyklon-B-Dose mit dem Kommentar ‚Noch auf Lager‘.« Zyklon B war ein Giftgas, das die Nationalsozialisten seit 1941 in Gaskammern von NS-Konzentrationslagern zur systematischen Ermordung von weit mehr als einer Million Menschen - die meisten von ihnen Juden - einsetzten.

40 Vorfälle an Hochschulen und Schulen

Im Jahresbericht 2025 der Meldestelle Rias Baden-Württemberg sind auch 25 antisemitische Vorfälle an Hochschulen und 15 an Schulen dokumentiert. In mehreren Fällen seien jüdische Schülerinnen und Schüler beleidigt, ausgegrenzt oder angegriffen worden.

Ein Beispiel: »Im Regierungsbezirk Freiburg wurde ein jüdischer Schüler in der Schule antisemitisch gemobbt und eine Treppe hinuntergestoßen.« Mitschüler riefen demnach: »Es interessiert niemanden, wenn du stirbst.« Der Jahresbericht listet zudem 115 Versammlungen mit antisemitischen Vorfällen und Äußerungen auf, die oft auf das Handeln der israelischen Regierung bezogen waren.

Der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, äußerte vor Journalisten den Eindruck, dass bestimmte Hochschulen im Land »von Netzwerken als Bühnen benutzt« würden, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Erinnerungsorte mutwillig beschädigt

Weiter heißt es in dem Bericht: »In zehn Vorfällen wurden Erinnerungsorte, die der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus gedenken, zum Ziel mutwilliger Beschädigung.«

In Baden-Baden stürzten Unbekannte eine zwei Meter hohe Gedenksäule für Holocaustopfer um und beschädigten sie schwer. Auf dem jüdischen Friedhof in Rastatt wurden mehrere Grabsteine mit Hakenkreuzen oder SS-Runen beschmiert.

Minister spricht von roter Linie

Sozialminister Hildenbrand mahnte, der Jahresbericht sei mehr als eine Sammlung von Zahlen. »Er ist ein Auftrag zum Handeln.« Der Minister erklärte: »Wir dürfen Antisemitismus in keiner Weise und in keiner Gestalt dulden.« Dabei sei es unerheblich, ob er aus dem linken oder rechten Spektrum oder aus dem migrantischen Milieu komme, sagte Hildenbrand. »Antisemitismus ist die rote Linie.«

Vielfältiges jüdisches Leben gehöre in die Mitte der Gesellschaft und müsse sichtbar sein, so der Minister. Denn der Judenhass verflüchtigt sich nicht einfach. Das erste Halbjahr 2026 wird zwar hinsichtlich judenfeindlicher Vorfälle noch genau ausgewertet. Doch Projektleiter Ogman kann schon jetzt abschätzen: »Wir sehen noch keinen Rückgang.«

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