Zukunft

Judenhass erkennen

Welche Herausforderungen gibt es im Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland und Europa, und wie kann man sich insbesondere als junger Mensch gegen Hass und Hetze engagieren? Diese Fragen standen im Zentrum einer Diskussionsveranstaltung, die am Montagabend in der dänischen Botschaft in Berlin stattfand.

Neben dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, Daniel Botmann, waren der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sowie der Leiter des Referats »Demokratie und Vielfalt« im Bundesfamilienministerium, Thomas Heppner, zum Mitdiskutieren eingeladen. Zudem gaben der Vizepräsident der jüdischen Gemeinschaft in Dänemark, Ted Rosenbaum, und junge deutsch-jüdische Teilnehmer des Likrat-Programms des Zentralrats der Juden Einblicke in ihre Arbeit gegen Antisemitismus.

ANTISEMITISMUS Bericht Antisemitismus sei nicht das Problem eines einzelnen Landes, sagte der dänische Botschafter Friis Arne Petersen zu Beginn seiner Begrüßungsrede. »In allen Staaten Europas zeigt der Antisemitismus heute wieder sein hässliches Gesicht.« Damit verwies er auf den zu Wochenbeginn veröffentlichten Antisemitismusbericht der EU-Grundrechteagentur (FRA), wonach sich eine Mehrheit der in Europa lebenden Juden regelmäßig mit Anfeindungen konfrontiert sieht. »Der Hass kennt durch das Internet keine Landesgrenzen mehr«, sagte Petersen.

»So viel Zukunft gab es für jüdisches Leben seit der Schoa noch nie«, betonte Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann.

Zentralratsgeschäftsführer Botmann betonte, dass die jüdischen Gemeinden in Deutschland im zu Ende gehenden Kalenderjahr auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken könnten. »So viel Zukunft gab es für jüdisches Leben seit der Schoa noch nie.« Dennoch stellten sich heute viele Gemeindemitglieder auch hierzulande die Frage, wie sicher jüdisches Leben ist.

RIAS Botmann lobte Initiativen wie den Anfang November gegründeten Bundesverband der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), der sich die Koordinierung von Meldestellen für judenfeindliche Vorfälle im Bundesgebiet zur Aufgabe gemacht hat. »Mit Projekten wie dem RIAS-Bundesverband haben wir die Chance, den Kampf gegen Antisemitismus effizienter zu gestalten«, sagte Daniel Botmann.

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Bei der ersten Podiumsdiskussion am Montagabend ging es um politische Ini­tiativen gegen Judenhass. Moderatorin Dalia Grinfeld, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), fragte Felix Klein und Thomas Heppner, was sie jeweils als größte Herausforderungen in ihrer Arbeit wahrnehmen würden.

ANFEINDUNG Der Antisemitismusbeauftragte sagte, es sei entscheidend, die ganze Bandbreite des Antisemitismus im Blick zu haben. «Ich will keine Diskussionen darüber führen, welche Ausprägung des Antisemitismus am gefährlichsten ist», konstatierte Klein. «Das Wichtige ist, gegen jede Form der Anfeindung vorzugehen, ganz gleich, ob sie von links, rechts oder religiös-fundamentalistischer Seite kommt.» Es dürfe nicht darum gehen, gesellschaftliche Gruppen gegeneinander auszuspielen.

Ein weiteres großes Problem bei der Bekämpfung von Antisemitismus sei, dass er häufig nicht als solcher wahrgenommen werde, wie Klein erläuterte. «Wenn Polizisten einen Angriff von organisierten Neonazis auf ein jüdisches Restaurant, so wie es im Herbst in Chemnitz passiert ist, nicht als antisemitisch motivierte Straftat erkennen, ist das ein Problem», sagte der Antisemitismusbeauftragte.

«Der Judenhass kennt durch das Internet keine Landesgrenzen mehr.»Botschafter Friis Arne Petersen

Thomas Heppner vom Bundesfamilienministerium beklagte, dass die von seinem Haus getragenen Präventionsprogramme noch von zu wenigen Schulen in Deutschland in Anspruch genommen würden. «Der Föderalismus in Bildungsfragen ist eine echte Hürde für unsere Projekte», sagte Heppner. Mit Programmen wie «Demokratie leben» fördert das Bundesfamilienministerium unterschiedliche Initiativen, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus einsetzen.

LEHRERFORTBILDUNG Auch spezielle Fortbildungen für Pädagogen sind im Programm. «Damit die Lehrer diese Angebote auch wahrnehmen können, müssen sie von ihren Schulen freigestellt werden», forderte Heppner. Wenn die Pädagogen nur in ihrer knappen Freizeit teilnehmen könnten, mache dies die Fortbildungen unattraktiv.

Dass sich junge Juden in Europa trotz der in der Gesellschaft vorhandenen Ressentiments nicht verstecken wollen, betonte Ted Rosenbaum im Gespräch mit Moderatorin Grinfeld. «Junge Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Dänemark wollen ihren Altersgenossen zeigen, was es heißt, Jude zu sein», erläuterte Rosenbaum. So gebe es in Kopenhagen von der Stadt geförderte Begegnungsprojekte, die jüdisches Leben erklären und sichtbar machen sollen und die von der jüdischen Gemeinde unterstützt werden.

«Zu zeigen, dass jüdisches Leben etwas ganz Normales ist und für einen Teil der dänischen Bevölkerung selbstverständlich zum Alltag gehört, ist ein guter Weg, um Stereotypen zu begegnen», sagte Rosenbaum. Diesen Ansatz konnte Sophia Steinert vom Projekt «Likrat – Jugend & Dialog» nur unterstreichen. Bei dem seit dem Schuljahr 2017/18 laufenden Peer-to-Peer Projekt des Zentralrats der Juden in Deutschland geht es darum, dass sich jüdische und nichtjüdische Jugendliche auf Augenhöhe begegnen und sich bei Gesprächen in Schulklassen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede austauschen können.

VORURTEILE «Wenn wir in den Schulen mit anderen Jugendlichen sprechen, stoßen wir häufig auf Unwissenheit», sagte Steinert. Sie habe das Gefühl, dass viele Jugendliche unreflektiert Vorurteile nachplapperten, die sie von ihren Eltern oder Freunden aufgeschnappt hätten. Oftmals wüssten ihre Altersgenossen kaum etwas über das Judentum. Begriffe wie Schabbat, Tora oder Chanukka seien ihnen fremd.

«Die Idee, durch lockere Gespräche Ressentiments abzubauen, funktioniert wirklich gut», sagte Steinert. Bei ihren Besuchen in Schulklassen habe sie schon viele bewegende Momente erlebt. «Da wir als Jugendliche nicht als offizielle Repräsentanten einer Vereinigung sprechen, sind wir besonders glaubwürdig», sagte die junge Frau. Sie freue sich, mit dem Dialogprojekt des Zentralrats eine Plattform zu haben, über die sie ihr persönliches Judentum mit anderen Menschen teilen könne.

www.zentralratderjuden.de/angebote/begegnung/likrat/

Shelly Meyer

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