Berlin

Israels Botschafter bekräftigt scharfe Kritik an Omri Boehm und an seiner Einladung

Ron Prosor, Israels Botschafter in Deutschland Foto: picture alliance/dpa

Der israelische Botschafter Ron Prosor hat öffentlich seine Kritik an den deutsch-israelischen Philosophen Omri Boehm bekräftigt. »Ich bin stolz darauf, einem Gedenken an die Schoa, das das Leid der Überlebenden relativiert oder den Staat Israel infrage stellt, die Rote Karte zu zeigen – und ich tue dies auch für diejenigen, die ihre Stimme nicht mehr erheben können«, betonte Prosor.

Zur Begründung sagte der Botschafter: »Wo Omri Boehm auftritt, hinterlässt er zerbrochenes Porzellan. Die Ideen von Stiftungsdirektor Jens-Christian Wagner, ausgerechnet ihm eine Bühne zu 80. Gedenken des Konzentrationslagers Buchenwald zu bieten, war aberwitzig.«

Boehm bezeichne die Erinnerungskultur als »goldenes Kalb«, fordere die »Kunst des Vergessens« und nenne Yad Vashem eine »Waschmaschine« für rassistische Politik, so Prosor weiter - und erneuerte seine Kritik an Stiftungsdirektor Jens-Christian Wagner: »Vollends absurd wird es, wenn Wagner sich aus Feigheit hinter Schoa-Überlebenden versteckt, um seine persönliche Entscheidung zu rechtfertigen. In unserem Austausch mit Naftali Fürst, dem Präsidenten des IKBD und Überlebenden des Todesmarsches nach Buchenwald, wurde deutlich, dass er Boehm weder kennt noch in die Entscheidung, ihn als Redner einzuladen, eingebunden war.«

Und weiter: »Umso mehr hat Fürst die auf Teilnahme des Botschafter Israels bestanden. Fürst hat sein Leben nach der Shoa dem Aufbau des Staates Israel gewidmet und engagiert sich bis heute in der Bildungsarbeit von Yad Vashem. Boehms ganzes Handeln zielt darauf ab, diese Arbeit zu demontieren und lächerlich zu machen.«

Als Repräsentant Israels in Deutschland wolle Prosor sich an diesem »Schmierentheater« nicht beteiligen und habe das Wagner gegenüber auch deutlich gemacht. »Obwohl er wusste, wie umstritten seine Entscheidung war, hoffte Wagner auf einen ungestörten Ablauf seiner Gedenkveranstaltung - diesen Gefallen können wir ihm nicht tun.«

»Eine Schoa ohne Juden und eine Welt ohne jüdischen Staat mag eine verlockende Vorstellung sein, zumal wenn sie von einem Juden vorgetragen wird, aber dafür stehe ich nicht zur Verfügung«, betonte Israels Botschafter.

Der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, begrüßte die Absage der Rede von Boehm. Er empfinde die Absage als »Erleichterung«, erklärte Schramm am Freitag in Erfurt. Boehm hätte seiner Meinung nach nicht das Hauptanliegen der Opfer und Überlebenden von Buchenwald in den Mittelpunkt gerückt: »Ehrung, Gedenken und Scheitern des ‚Nie wieder!‘« Mit diesem Ausdruck ist gemeint, dass es nie wieder Faschismus geben darf.

Ursprünglich sollte Boehm am Sonntag in Weimar beim geplanten Gedenken zum 80. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora sprechen. Die Rede wurde nach Angaben von Gedenkstättenleiter Wagner verschoben, weil sich ein Konflikt mit Vertretern der israelischen Regierung anbahne. 

Lesen Sie auch

Dem rbb sagte Wagner: »Das habe ich noch nie erlebt und ehrlich gesagt, das möchte ich auch nie wieder erleben, tatsächlich gedrängt zu werden. Einem Enkel einer Holocaust-Überlebenden das Wort zu versagen, das ist wirklich das Schlimmste, was ich in 25 Jahren Gedenkstättenarbeit erlebt habe.« Boehm ließ auf Anfrage über seinen Verlag mitteilen, dass er sich dazu nicht äußern werde.

Am Samstag kritisierte der PEN Berlin die Absage an Omri Boehm, als »aberwitzig.« Aus Sicht von PEN Berlin wäre Boehm »ein höchst geeigneter Redner für die Gedenkveranstaltung gewesen«, erklärte die Autorenvereinigung.

Die Festrede wird jetzt Altbundespräsident Christian Wulff halten. Von der Bundesregierung kam kein direkter Kommentar. Der stellvertretende Regierungssprecher Wolfgang Büchner betonte am Freitag in Berlin, dass die Gedenkstätten in »ihrer Arbeit in vollkommener Freiheit ohne die Bedrängung staatlicher Institutionen oder gesellschaftlicher Gruppen nachgehen können«. Das bedeute auch, »dass die Gedenkstätten ihre Gesprächspartner frei wählen können müssen«.

Boehm wurde 2024 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein Buch »Radikaler Universalismus« ausgezeichnet. ja

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Essay

Wenn meine Töchter mich fragen

Am 8. Mai 1945 wurde der NS-Staat besiegt, aber nicht das Denken, das ihn ermöglicht hat. Der Hass wächst heute wieder. Werde ich meinen Kindern einmal sagen können, dass ich nicht geschwiegen, sondern widersprochen habe?

von Andreas Albrecht  08.05.2026

Initiative

Antisemitismusbeauftragter Klein begrüßt Gesetzentwürfe im Bundesrat

Im Bundesrat geht es an diesem Freitag um den Handel mit Nazi-Opfer-Gegenständen und um das Leugnen des Existenzrechts Israels. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein begrüßt die Vorstöße

von Anita Hirschbeck  08.05.2026

Meinung

Der »Tag des Sieges« und der Krieg heute

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges müssen wir die Geschichte neu aufrollen und hinterfragen, wie wir mit dem stets pompös begangenen 9. Mai umgehen sollen

von Irina Bondas  08.05.2026

Washington D.C./Teheran

USA fordern Freilassung von Nobelpreisträgerin Mohammadi

Der Gesundheitszustand der inhaftierten iranischen Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi ist schlecht

 08.05.2026

Boulder/Washington D.C.

Brandanschlag auf Solidaritäts-Demo für Hamas-Geiseln: Täter bekennt sich schuldig

Nach dem tödlichen Angriff in Colorado auf eine Solidaritätskundgebung für israelische Geiseln droht dem mutmaßlichen Täter nach seinem Geständnis nun lebenslange Haft

 08.05.2026

Washington D.C.

USA laden Israel und Libanon zu neuer Gesprächsrunde ein

Nach israelischen Angaben soll es bei den Treffen unter anderem um konkrete Schritte zur Entwaffnung der Hisbollah gehen

 08.05.2026

Washington D.C.

Trump nach Eskalation in Straße von Hormus: USA gaben dem Iran »nur einen kleinen Klaps«

Nach Angaben des US-Zentralkommandos gerieten drei Zerstörer während ihrer Passage durch die Meerenge unter Beschuss. Das amerikanische Militär reagierte

 08.05.2026