Analyse

Insel im Chaos

Von 1947 bis heute war Israel von den Streitkräften jener arabischen Nachbarländer bedroht, die nach 1918 von den Kolonialmächten gegründet wurden. Dieses Staatensystem ist heute ein Trümmerhaufen. Die regulären arabischen Armeen sind keine ernst zu nehmende Gefahr mehr. An ihre Stelle sind jedoch nichtstaatliche Akteure mit Zugang zu modernen Waffen als Bedrohung getreten. Israels Stellung ist stärker als je zuvor, doch gleichzeitig ist es auf eine neue Art verletzbar.

Der Zusammenbruch Syriens steht ganz oben auf der Tagesordnung. Aber das Auseinanderbrechen vermeintlich stabiler Nationalstaaten erstreckt sich über die ganze muslimische Welt. In Libyen bekriegen sich zahllose ethnische und religiöse Milizen (einschließlich jener, die letzten September den amerikanischen Botschafter ermordete). Ägypten steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und dem Scheitern als Staat; im Irak bekämpfen sich die religiösen Gruppen in einem endlosen Konflikt; der syrische Bürgerkrieg wird bereits in Libanon ausgetragen; und die Grenzen zur Türkei sind unstabil geworden.

minderheiten Nach dem Ersten Weltkrieg schufen die Kolonialmächte in ihrer unendlichen Weisheit multi‐ethnische und multireligiöse Gebilde, die auf dem Prinzip der Herrschaft durch eine Minderheit beruhten. Es gibt einen Grund, warum Syrien seit einem halben Jahrhundert unter brutalen Minderheitsregimes leidet, seit dem durch die Baath‐Partei des Christen Michel Aflaq angeführten Staatstreich 1963, gefolgt 1971 von der Machtübernahme durch die alawitische Assad‐Dynastie.

Wenn man, wie es die britischen und französischen Kartografen taten, künstliche Staaten mit großen Minoritäten kreiert, ist die einzige stabile Regierung eine Minderheitsregierung. Aus diesem Grund regieren die Alawiten in Syrien, und aus diesem Grund lag die Macht im Irak bei der Minderheit der Sunniten. Auch wenn das Minderheitsregime brutal, vielleicht sogar furchtbar brutal ist, sorgt dieses Arrangement für ein grobes System gegenseitiger Kontrolle.

Eine Regierung, die sich aus einer Minderheit der Bevölkerung rekrutiert, kann nicht versuchen, die Mehrheit zu vernichten und muss deshalb einen Modus Vivendi finden. Die Mehrheit dagegen kann eine Minderheit tatsächlich vernichten. Deshalb kann eine Mehrheitsregierung für eine Minderheit eine existenzielle Bedrohung sein, und deshalb kämpfen Minderheiten bis zum Tod. Dieses Meta‐Gleichgewicht ist nun gestört und kann nicht wiederhergestellt werden.

Es gibt nur einen einzigen Staat in der Region, der für Israel weiterhin eine existenzielle Bedrohung darstellt – nämlich Iran. In Anbetracht der Rolle, die Iran in Syrien, dem Libanon und dem Gazastreifen spielt, summieren sich die irregulären Konflikte an den Grenzen Israels zu einer Reihe von Stellvertreterkriegen zwischen Israel und dem Iran, die jederzeit zu einem direkten Konflikt eskalieren können. Die Tatsache, dass Iran zukünftig im Besitz von Nuklearwaffen sein könnte, versieht jede Beurteilung der strategischen Position Israels mit einem Fragezeichen.

hisbollah Das Eingreifen der Hisbollah in den syrischen Bürgerkrieg steht beispielhaft für die neue Konstellation. Ein nichtstaatlicher, vom Iran gelenkter und aufgerüsteter Akteur hat rund 60.000 Raketen an der Nordgrenze Israels in Stellung. Iran hat versucht, die Hisbollah über Syrien mit präziseren Mittelstreckenraketen zu versorgen, worauf Israel am 4. Mai mit einem Bombenangriff reagierte.

Die Möglichkeit, dass Iran die Hisbollah mit hoch entwickelten Waffen ausrüstet oder dass der Iran und seine Stellvertreter die Kontrolle über die Chemiewaffen des syrischen Regimes gewinnen, ist für Israel eine massive Bedrohung. In der Vergangenheit hielt das israelische Abschreckungssystem Syrien in Schach. Bei ausländischen Truppen, die in Syrien kämpfen, funktioniert diese Abschreckung nicht.

Die iranische Teilnahme am syrischen Bürgerkrieg birgt aber auch Risiken für Iran selbst. Die Hisbollah hat bei den Kämpfen in Syrien beträchtliche Verluste erlitten, jeden Monat rund ein Prozent der Gesamtzahl ihrer Kämpfer, was die Moral der aus libanesischen Schiiten bestehenden Miliz geschwächt hat. Die Hisbollah ist auch an ihrer Basis im Libanon verwundbar.

Als 2006 israelische Truppen ins das schiitische Gebiet im Südlibanon eindrangen, flohen Hunderttausende Schiiten nach Syrien. Israels militärische Operationen wurden durch die Gefahr eines offenen Krieges mit Syrien behindert, den die israelische Regierung vermeiden wollte.

Militäraktion Nun ist die Situation umgekehrt. Syrien schützt die Hisbollah nicht; die Hisbollah versucht, Syrien zu schützen. Würde die Hisbollah, wie 2006, Israel mit Raketen angreifen, würde das Ergebnis ganz anders ausfallen. Bei einer schwer angeschlagenen syrischen Armee könnten israelische Militäraktionen in Libanon viel effektiver verlaufen, und es gäbe keinen Zufluchtsort für die Schiiten. Aus diesen Gründen ist die Hisbollah für Israel eine weitaus geringere Bedrohung als im Jahr 2006.

Zu verhindern, dass nichtstaatliche Akteure in den Besitz hoch entwickelter Waffen gelangen, ist sicherlich eine große Herausforderung, doch Israel hat diese Gefahr lange vorausgesehen und hatte Zeit, sich umfassend vorzubereiten. Das berühmte Iron Dome und andere Raketenabwehrsysteme sind nur ein kleiner Teil der Vorbereitungen auf den Zusammenbruch der arabischen Staaten, die Israel in petto hat.

Der jüdische Staat hat in den letzten Jahren seine Überwachungs‐ und Aufklärungskapazitäten verbessert und ist besser gerüstet, Waffentransporte zu unterbinden, wie am 4. Mai geschehen. Das Problem der nuklearen Bewaffnung Irans bleibt bestehen. In dieser Angelegenheit sind außenstehende Beobachter schlicht überfragt; die Fähigkeit Israels, diese Bedrohung abzuwehren, ist nicht berechenbar.

realismus Die westlichen Regierungen und die westliche Öffentlichkeit missverstanden die arabischen Revolten des Jahres 2011 als einen »Frühling« und glaubten, sie würden in Richtung Demokratisierung führen – das hat sich als Illusion herausgestellt. Die große Mehrheit der Israelis dagegen war äußerst pessimistisch über den Ausgang des arabischen Aufstands und entsetzt über die Geschwindigkeit, mit der Washington Mubarak fallen ließ.

»Die Botschaft an den Nahen Osten ist: Es lohnt sich nicht, ein Verbündeter Amerikas zu sein«, sagte mir 2012 ein früherer israelischer Geheimdienstchef. Auch wenn der berühmte ehemalige sowjetische Refusenik und jetzige israelische Politiker Natan Scharansky an ein allgemeines, von allen Menschen geteiltes Verlangen nach Demokratie glaubte, hielt eine überwiegende Mehrheit der Israelis diese Idee für verrückt.

Joshua Muravchik fasste in der Zeitschrift Commentary im September 2011 diese Einstellung so zusammen: »Ihr kennt die Araber nicht so gut wie wir. So schwierig es ist, mit ihren Regierungen klarzukommen, so sind diese doch vernünftiger als ihre Bevölkerungen. Die Demokratisierung der arabischen Welt wird zu einer Radikalisierung führen, die euch und uns Unheil bringt.«

silberstreif Und dennoch hat sich im Großen und Ganzen die Sicherheitslage Israels als Folge des Chaos bei seinen Nachbarn verbessert. Wenn wir eine historische Analogie heranziehen wollen, wäre der Vergleich mit der holländischen Republik im Dreißigjährigen Krieg naheliegend.

Im Jahr 1600 standen anderthalb Millionen Holländer einer österreichisch‐spanischen Allianz mit einer mehr als zehnfachen Bevölkerung gegenüber; 1648 hatten die Niederlande zwei Millionen Einwohner, während Spanien und Österreich rund ein Viertel ihrer Bevölkerung verloren hatten. Holland war zum reichsten Land der Welt geworden. Seine 16.000 Handelsschiffe versorgten ein globales Handelsreich, während im Land Künstler wie Rembrandt und Vermeer sowie Wissenschaftler wie Huygens und Leeuwenhoek wirkten.

Trotz des Chaos an seinen Grenzen ist Israel technologisch und kulturell eine kleine Supermacht. Zudem hat es das stärkste demografische Profil aller Industriestaaten, mit einer mehr als doppelt so hohen Geburtenrate wie die Deutschlands. Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass Israel auf dieser Bahn bleibt – trotz des sich verändernden Gefahrenumfeldes.

David P. Goldman ist Verfasser des Buchs »How Civilizations Die (And Why Islam is Dying, Too)«. Unter dem Pseudonym »Spengler« ist er regelmäßiger Kolumnist für Asia Times Online und PJ Media.

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