Debatte

In aller Feindschaft

Die Untoten kommen immer wieder. Dieser Gedanke kann einen befallen, wenn man die gegenwärtige Debatte um die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Islamophobie in den deutschen Feuilletons verfolgt. Da wird von beiden Seiten geholzt, was das Zeug hält. Zugleich hat man das ungute Gefühl, dass genau der gleiche Streit mit ähnlicher Verbissenheit bereits vor gut anderthalb Jahren anlässlich einer Konferenz des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin zu diesem Thema geführt wurde.

geächtet Klar ist, vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Deshalb: Ja, es gibt Parallelen zwischen dem Hass auf Juden und dem auf Muslime – und sie beginnen mit formalen Ähnlichkeiten: Wie beim Antisemitismus ist der Begriff Islamophobie umstritten. Das liegt in beiden Fällen an den eher unpassenden Wortstämmen: Semitismus und Phobie. Zu den »Semiten« gehören sprachgeschichtlich gesehen auch die Araber. Und die »Phobie«, also die Furcht, hat einen Klang von Unausweichlichkeit. Unklar ist bei der Judenfeindschaft auch, wo legitime Kritik (in dem Fall an Israel) endet und Hass beginnt. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Islamophobie und ihrer Grenze zur Islamkritik, die selbstverständlich möglich ist und sein muss. Antisemitismus und Islamophobie treten in der Öffentlichkeit selten offen in Erscheinung, weil beide gesellschaftlich geächtet sind. Vor allem im Internet aber, im Schutz der Anonymität, hat sich eine islamfeindliche Szene herausgebildet, die der judenfeindlichen ähnelt: Man ist untereinander gut vernetzt, verfügt über eine eigene Sprache und eigene Codes.

Rassismus Inhaltlich sind die Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamophobie brisanter: Muslimhasser entmenschlichen Muslime mit ihrer Hetze in ähnlicher Art und Weise wie die Judenfeinde die Juden. Biologistisches und rassistisches Denken prägen oft beide Vorurteilsformen.

Islamophobie ist wie Antisemitismus Ausdruck der Angst vor der Moderne, der Globalisierung, ja vor Veränderung an sich, die als bedrohlich, unverständlich und nicht steuerbar betrachtet wird. Das Feindbild Muslim ist ebenso wie das Feindbild Jude in der Alltagskultur tief verwurzelt. Früher hatte man Angst vor den Türken, die schon vor Wien standen. Heute, nach den Anschlägen vom 11. September 2001, geht die Furcht vor Muslimen um.

verschwörung Islamophobie dient wie Antisemitismus hauptsächlich der Selbstdefinition durch Abgrenzung vom Fremden. Der Islam ist, ähnlich dem Judentum, in erster Linie eine Projektionsfläche für Ängste und das imaginierte Gegenüber, durch das eine Selbstdefinition in einer komplexen und komplizierten Welt möglich ist, die Sicherheiten über die eigene Identität oder die des Kollektivs immer schwieriger macht. Muslimen und Juden wird unterstellt, weder Deutsche noch Europäer zu sein. Nach dem Motto: Die gehören nicht zu uns! Muslime hätten zudem eine (zu) große Macht in den Medien oder würden sie zensieren. Auch dies eine Parallele zu den von jeher kursierenden antijüdischen Verschwörungstheorien, die angesichts der geringen Zahl von Juden und Muslimen in der Medienlandschaft und Politik schlicht absurd sind.

Wie beim Antisemitismus wird bei der Islamophobie zuweilen herbeifantasiert, dank großer Geldvermögen an entsprechender Stelle (Schlagwort »Wall Street« und »Öl-Milliarden«) sei die ganze politische Klasse der Bundesrepublik de facto gekauft, die führenden Politiker nichts anderes als Marionetten dieser dunklen Mächte. Auch gibt es die Wahnvorstellung, Muslime würden, ähnlich wie Juden früher, ihre wahre Identität verbergen und müssten »enttarnt« werden. Unfähig oder unwillig zum Kampf gegen diese Unterwanderung habe die führende Klasse in Europa den Kampf gegen den Islam im Grunde schon verloren gegeben. Selbst der Begriff »Lobby« gehört zum gemeinsamen Wortschatz von Juden- und Muslimfeinden.

Täuschung Muslime und Juden gelten gleichermaßen qua Religion oder Sozialisation als besonders täuschungswillig und -fähig. Ihre Religion erlaube es ihnen, um einer höheren Sache willen zu lügen. Dabei verweisen Islamhasser auf die »taqiyya«: die Erlaubnis, in einer Gefahrensituation den eigenen Glauben zu verheimlichen. Dieses werde geschickt als Instrument genutzt, sich zu tarnen. Das Perfide an solchen Vorwürfen: Sie sind nicht zu widerlegen, können gegenteilige Beteuerungen doch ganz leicht als »taqiyya« abgetan werden. Im Grunde wird damit insinuiert, Muslime seien illoyal dem Staat und dem Grundgesetz gegenüber. Ihnen wird eine »Deutschenfeindlichkeit« unterstellt. Die Islamfeinde insze- nieren sich in Möllemann-Manier als Tabubrecher. Sie seien es, die sich als Einzige trauten, die Wahrheit auszusprechen. Der Angreifer wird so zum Verteidiger.

Auch das verbindet Islamophobie und Antisemitismus: So wie früher Juden als »kulturloses und gesellschaftlich rückständiges« Volk galten, die nichts Eigenes zustande gebracht hätten, führten Muslime heute ein »parasitäres« Dasein. Der Publizist Kay Sokolowsky hat zudem in seinem Buch Feindbild Moslem nachgewiesen, dass Muslimfeinde, im konkreten Fall die Website »Politically Incorrect« (PI), bei Weitem nicht so pro-israelisch und pro-jüdisch eingestellt sind, wie sie es selbst gerne vorgeben. Als ein Gast-Blogger zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht im Jahr 2008 die ständige Erinnerung an die deutsche Schuld anmahnte, lief die PI-Gemeinde fast Amok. Sogar der Holocaust wurde in diesem Zusammenhang geleugnet.

Demokratie Doch bei allen Parallelen: Es gibt grundlegende Unterschiede zwischen Antisemitismus und Islamophobie. So ist es sehr wohl angebracht, islamkritische Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob der Koran überhaupt mit unserem Verständnis von Pluralismus, Demokratie, Meinungsfreiheit, der Trennung von Religion und Staat sowie den Rechten von Frauen vereinbar ist. Die heiligen Schriften des Judentums sind da meist viel offener und modernen Ideen gegenüber aufgeschlossener. Insofern sind manche islamophobe Vorwürfe weniger irrational als antisemitische. Auffällig ist auch, dass die jüdischen Gemeinschaften weltweit in der Regel als starke Unterstützer der Demokratie in ihren Heimatländern auftreten, während der Rechtsstaat und der Schutz von Minderheiten in islamisch geprägten Staaten meist keine Rolle spielen.

In Allahs Namen Juden haben, anders als Muslime, niemals zu einem Heiligen Krieg gegen den Westen, ja, gegen die ganze Moderne aufgerufen – auch wenn diese selbst ernannten Gotteskrieger nur einen Bruchteil der Anhänger des Islam ausmachen. Und: Verheerende Attentate wie die von New York, London und Madrid im Namen Allahs finden keine Parallele in Untaten im Namen des Ewigen. Insofern muss eine mögliche Affinität des Islam zur Gewalt ernsthaft diskutiert werden.

Aber der wohl elementarste Unterschied ist: Islamfeinde haben, anders als Antisemiten, nie Millionen von Menschen fabrikmäßig ermordet. Und es ist ein Judenfeind in Teheran, der fordert, Israel müsse von der Landkarte getilgt werden. Bald wird Präsident Ahmadinedschad über die dafür notwendige Waffe verfügen. Das eine Gefahr zu nennen, ist eine glatte Untertreibung.

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