Antisemitismus

Immer die anderen?

Foto: Getty Images, Montage: Marco Limberg

Antisemit will niemand sein. Aber fast jeder hat zumindest ein Bild davon, wer Antisemit sein könnte. Und das zeigt selten Angehörige der eigenen sozialen Gruppe. Während mit dem Finger auf immer andere gezeigt wird, steigt die Anzahl antisemitischer Vorfälle enorm. Wie kann das sein?

Viele Muslime bezeichnen sich selbst als Semiten und glauben, sie seien deshalb gegen jeglichen Antisemitismus immun. Man habe nichts gegen Juden, nur etwas gegen Zionismus, hört man häufig. Rechtsradikale beschäftigen sich aus Eigennutz mit dem muslimischen Antisemitismus und ignorieren systematisch ihren eigenen.

geschichte Viele aus der Mitte wollen aus der Geschichte gelernt haben und erwarten dasselbe von Israel. Linke halten sich für moralischer als alle anderen, solidarisieren sich deshalb mit den schwachen Palästinensern und merken nicht einmal, dass ihre anti-zionistische und anti-israelische Haltung klassische antisemitische Bilder reproduziert. Und so öffnet ein Land, das sich seit Jahrzenten den Kampf gegen Antisemitismus auf seine Fahnen schreibt, antisemitischem Gedankengut freies Feld zur Ausbreitung.

Nemi El-Hassan, eine junge deutsche Journalistin mit palästinensischem Hintergrund, wurde wegen ihrer Nähe zu Antisemiten kritisiert, verlor deswegen ihren Job als Moderatorin beim WDR. In ihrer Reaktion auf die Vorwürfe in der »Berliner Zeitung« beharrte sie auf ihre palästinensische Identität als Rechtfertigung für ihre Haltung, warf der deutschen Gesellschaft vor, sie würde qua Geburt zu einer Antisemitin erklärt, und wunderte sich, wie im Land der Täter Menschen die Geschichte umdrehten und ihr Antisemitismus vorwärfen.

Nemi El-Hassan nutzt die gleiche Strategie, die sie anderen vorwirft.

Antisemitismus gebe es immer nur bei »den anderen«, in diesem Fall bei den Arabern, die als Muslime verortet werden. Frau El-Hassan hat recht, doch sie vergisst, dass in Deutschland Antisemitismus bei Deutschen und Muslimen existieren kann.

Und dabei nutzt sie die gleiche Strategie, die sie anderen vorwirft.
Akteure der AfD, die keine Gelegenheit auslassen, uns die Gefahren des muslimischen Antisemitismus vor Au­gen zu halten, und dabei Muslime, Flüchtlinge und Migranten als antisemitische homogene Gruppe sehen, ignorieren die judenfeindlichen Tendenzen in ihrer eigenen Partei.

afd Unvergessen die Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland, der 2018 in einer Rede Hitler und die Nationalsozialisten lediglich als »Vogelschiss« in der über 1000-jährigen Geschichte Deutschlands bezeichnete. Oder der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der das Berliner Holocaust-Mahnmal als ein »Denkmal der Schande« bezeichnete und Unverständnis zeigte, warum sich die Deutschen als einziges Volk der Welt solch ein Denkmal in das Herz ihrer Hauptstadt gepflanzt hätten.

Wie soll »Nie wieder« mit Leben gefüllt werden?

Die identitätspolitische Linke beharrt auf ihrem dualistischen Weltbild. Das Böse komme ihr zufolge nur von rechts, Muslime als Minderheit bekommen bei ihr quasi einen »Artenschutz«-Status. Jegliche Kritik an antisemitischen Tendenzen in dieser Gruppe wird komplett abgelehnt und als rechtes Narrativ, als Rassismus pauschal abgetan.

Nicht nachvollziehbar scheint ihr auch, warum ihre Kritik an Israel antisemitisch sein soll. BDS, also die Boykottierung Israels zum Zwecke der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Isolation, zu unterstützen, Solidarität mit dem palästinensischen Underdog zu zeigen oder mit antisemitischen Islamisten zu kuscheln, hat in ihren Augen nur mit dem Kampf gegen Postkolonialismus, gegen das Unrecht zu tun, nicht gegen das zionistische Böse.

delegitimation Dass dabei die Delegitimation des jüdischen Staates in Kauf genommen wird und durch die Beschreibung des Zionismus mithilfe von kapitalistischen Adjektiven die klassischen antisemitischen Bilder der Nazis benutzt werden, will sie nicht einmal in ihre sonst so kritischen Erwägungen ziehen.

Erst, wenn wir bereit sind, unsere Einstellungen zu Juden und Israel selbstkritisch zu reflektieren, kann in diesem Land ein echter Kampf gegen Antisemitismus entstehen.

Doch wie soll überhaupt eine Strategie gegen Antisemitismus in diesem Land aussehen? Wenn es wirklich keinen Antisemitismus mehr geben soll: Wie soll »Nie wieder« mit Leben gefüllt werden, mit Maßnahmen, die eine Strategie verfolgen, wenn sie mittlerweile nur als Floskel, als inhaltsleere, gebetsartige »Vor sich hin murmeln«-Lektüre behandelt wird, mit der man sich einhüllt, um zu zeigen, dass man auf der richtigen Seite steht? Oder gar eine politische Legitimation bekommt, mit der man problemlos die Karriereleiter emporsteigen kann?

Erst, wenn wir bereit sind, unsere Einstellungen zu Juden und Israel selbstkritisch zu reflektieren, kann in diesem Land ein echter Kampf gegen Antisemitismus entstehen. Dabei müssen wir unsere eigenen Einstellungen und Gedanken infrage stellen, überprüfen und kritisch hinterfragen, bevor wir dies reflexartig bei anderen tun.

Der Autor ist Geschäftsführer der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention (MIND prevention).

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