Griechenland

»Ich bin gegen diese Trotzaktion«

David Saltiel Foto: privat

Ist Deutschland schuld am drohenden Staatsbankrott Griechenlands?
Nein, definitiv nicht. Im Gegenteil, ich betrachte Deutschland innerhalb der EU als wichtigsten Partner Griechenlands.

Seit vergangener Woche polemisieren griechische Politiker gegen Deutschland. Teilen Sie die antideutschen Ressentiments?
Ich bin gegen diese Trotzreaktion. Allerdings muss man bedenken, dass wir Griechen ein stolzes Volk sind. Der Stinkefinger auf dem Titelblatt eines deutschen Magazins im Zusammenhang mit der antiken Geschichte verletzt Gefühle und reißt Gräben auf. Gerade in Krisenzeiten sollte ein brüderliches, solidarisches Miteinander im Vordergrund stehen. Heute kämpft Griechenland gegen den Ruin, morgen könnte es ein anderes Land treffen, vielleicht Deutschland.

Einige griechische Politiker, so auch Vizepremier Theodoros Pangalos, fordern von Deutschland Reparationszahlungen für die NS‐Verbrechen. Finden Sie es korrekt, die Staatsfinanzen mit der mehr als 60 Jahre zurückliegenden Nazizeit zu verbinden?
Ich sehe keinen Zusammenhang. Aber als Zentralratspräsident steht es mir nicht an, diese Äußerungen der Regierung zu bewerten. Sollte die Forderung berechtigt sein, dann muss sie mit Nachdruck verfolgt werden.

Verlangen auch Griechenlands Juden Entschädigung von Deutschland?
Die deutschen Besatzer haben die jüdische Gemeinde Thessaloniki nahezu ausgelöscht. Sie war eine der größten in Europa. Mehr als 50.000 Menschen wurden ermordet, rund 97 Prozent der Gemeindemitglieder. Anders als in der übrigen Welt erhielt bis vor wenigen Jahren kein überlebendes Opfer der Nazigräuel in Griechenland eine Rente. Ich konnte zu meiner Zeit als Vorsitzender der Gemeinde Thessaloniki über einen persönli‐ chen Kontakt zum damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer erreichen, dass die wenigen Überlebenden zumindest eine symbolische Rente erhalten. Dies ist eine verschwindend geringe Korrektur des Unrechts, aber dennoch eine kleine moralische Geste.

Wie wirkt sich die ökonomische Krise Griechenlands auf die jüdische Gemeinde aus?
Sie verstärkt die gewohnten Feindbilder und fördert den Judenhass. Hier muss die Regierung besser und schneller reagieren als im jüngsten Fall der Brandanschläge auf die letzte erhaltene Synagoge Kretas. Der Staat sollte für solche Fälle eine »schnelle Eingreiftruppe« einrichten. In der Öffentlichkeit und auch in Schulen muss Aufklärungsarbeit geleistet werden, damit das historisch verwurzelte Judentum Griechenlands besser akzeptiert wird. Der Holocaustgedenktag am 27. Januar sollte endlich als substanzieller Tag der Erinnerung und Mahnung genutzt werden. Es wäre schön, wenn er auch im griechischen Parlament mit einer Sondersitzung gewürdigt würde.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der jüdischen Gemeinden Griechenlands sprach Wassilis Aswestopoulos.

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