Studie

Hass auf allen Kanälen

Für die Langzeitstudie werteten die Forscher mit einem eigens entwickelten Computerprogramm über 300.000 Texte aus dem Netz aus. Foto: Illustartion: David Josef de Vries

Monika Schwarz‐Friesel spricht von »Antisemitismenproduzierung«. Das mag sich wie ein neues Wortungetüm anhören, aber die Professorin für Medienlinguistik an der Technischen Universität Berlin kann die Bedeutung des Begriffs erklären. Seit 2007 ist bei Online‐Kommentaren mit Bezug zu Judentum und Israel der Anteil antisemitischer Äußerungen von unter acht auf über 30 Prozent gestiegen – eine »Radikalisierung und Intensivierung« der Äußerungen im Netz.

Schwarz‐Friesel hat ihre Studie »Antisemitismus 2.0« vergangene Woche in Berlin vorgestellt. Der dramatische Anstieg des Judenhasses in Sozialen Medien ist ein Teil der Ergebnisse. Ein anderer verweist auf die Produzenten dieser Antisemitismen: Es sind nicht nur rechts‐ und linksextreme sowie islamistische Schreiber, die ihren Hass verbreiten, es sind auch Autoren aus der politischen und gesellschaftlichen Mitte.

E‐Mails In der Studie untersuchte Schwarz‐Friesel gemeinsam mit einem Team aus Studenten und Sprachwissenschaftlern vier Jahre lang unter anderem die Online‐Kommentarspalten angesehener Medien, soziale Netzwerke und E‐Mails nach antisemitischen Äußerungen, sogenannten Antisemitismen.
Eigens dafür entwickelt wurde ein neuer Computeralgorithmus, mit dessen Hilfe sich mehrere Hunderttausend Texte und Kommentare nach Schlagwörtern durchforschen ließen. So wurde nach Begriffen wie »Judentum« oder »Israel« gesucht.

Stereotype dessen, was Sozialwissenschaftler den »klassischen Antisemitismus« nennen, machen laut der Studie noch die Hälfte (54 Prozent) aller judenfeindlichen Äußerungen aus. Ziemlich genau ein Drittel (33,35 Prozent) sind an Israel gerichtete Hassbotschaften. Und in mehr als zwölf Prozent aller Fälle wird der Holocaust relativiert, angezweifelt oder gar vollends verleugnet.

Vom »Nazi‐Staat Israel« ist da die Rede, vom kollektiven »Hass auf alle Juden«. Es fallen Begriffe wie »Kindermörder«, »Elend der Menschheit«, »Blutlinien‐Kult« oder schlicht »Schweine«. Nicht wenige der in der Studie vorkommenden Kommentare möchte die Linguistin Schwarz‐Friesel nicht wiedergeben.

multiplikatoren Auffallend ist, dass man sich nicht auf bestimmte Webseiten oder in klar erkennbare Foren begeben muss. »Die Hauptmultiplikatoren von Antisemitismus sind heutzutage eigentlich die ganz normalen User und Userinnen, die auf verschiedenen Internetportalen posten«, betonte Schwarz‐Friesel. Man könne Judenhass schlicht nicht aus dem Weg gehen.

Dafür nannte sie ein Beispiel: Auf der Webseite www.hausaufgaben.de, die vorwiegend von jungen Menschen benutzt wird und oft bei Schulaufgaben Hilfestellung bietet, steht seit sieben Jahren ein Text mit dem Titel »Die Juden besetzen ein Land, das ihnen nicht gehört, und töten Frauen und Kinder und zeigen keine Reue«. Ein anderer User der Seite fragte: »Ist das deine Meinung?« Die Antwort des ursprünglichen Autors ist auch erhalten: »So sind die Juden, das ist die Wahrheit.«

Um Judenhass zu produzieren oder ihm zu begegnen, genügt es manchmal, das Fanforum eines bekannten Spielfilms zu besuchen. In Internetforen, die sich eigentlich mit Star Wars oder Star Trek befassen, wurde ohne näheren Bezug die Abbildung einer Menora oder eines Davidsterns gepostet – prompt ging es nicht mehr um »Krieg der Sterne«. »Es wird dann sehr intensiv diskutiert, inwiefern Israel ein Unrechtsstaat ist und dass man Schluss machen sollte mit der Holocaust‐Debatte«, berichtet Schwarz‐Friesel.

Formen Überhaupt ist laut ihrem Befund Hass die am meisten vertretene Emotion in dieser Art Kommentare. Die Forscherin unterscheidet zwischen zwei Formen: Bei Rechtsradikalen und Muslimen finde sich nicht der Hauch eines Zweifels, dass man mit seinem Hass recht habe. »Ich hasse Juden, ich hasse Israel« seien typische Wortmeldungen dieser Form.

Bei politisch Linken und eher milden Antisemiten finde sich hingegen häufiger ein Bruch zwischen Aussage und Selbstdarstellung, die Botschaft werde externalisiert. »Die Welt hasst Israel« ist ein Beispiel für den Antisemitismus derer, die keine Antisemiten sein wollen. Diese Form des Hasses sei aber erst nach 1945 entstanden, so die Wissenschaftlerin.

Schwarz‐Friesel ging auch auf die populäre Behauptung ein, Judenhass sei vor allem durch Migranten ins Land gekommen. Für die Forscherin dienen solche Erklärungen einer »Marginalisierung des heimischen Antisemitismus«. Schwarz‐Friesel: »Wir haben einen importierten Antisemitismus, der ist aber inzwischen nicht das Hauptproblem im Land.«

Zentralrat Ist der Antisemitismus nun wieder gesellschaftsfähig? »Wir können von unserer Studie ausgehend unzweideutig sagen, dass die Antisemitismenproduzierung ganz klar zugenommen hat«, bekräftigt Schwarz‐Friesel und betont die beunruhigende Realität dieser Erkenntnis, denn die »stark meinungsbildende Funktion des Internets als Medium macht es mittlerweile zur fünften Gewalt der Öffentlichkeit«.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagte zu den Ergebnissen der Studie: »Der Antisemitismus in den sozialen Medien nimmt zu und wird aggressiver. Stück für Stück hat eine verbale Radikalisierung und Enthemmung stattgefunden, die uns mit tiefer Sorge erfüllt.« Man dürfe sich nicht wundern, wenn Worten auch Taten folgten. Schuster Fazit: »Jetzt ist empirisch belegt, was wir schon lange empfinden.«

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