Potsdam

»Das muss man mit Bedacht machen«

»Es gibt auch Hinweise auf Machtmissbrauch, Angst«: Gabriele Thöne beim Pressegespräch Foto: Rolf Walter

Potsdam

»Das muss man mit Bedacht machen«

Das Abraham Geiger Kolleg verspricht Aufklärung

von Tobias Kühn  09.06.2022 07:59 Uhr

Die Interimsdirektorin des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs (AGK), Gabriele Thöne, hat eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe gegen das Rabbinerseminar zugesagt. In einem Pressegespräch am Mittwoch vergangener Woche erklärte sie, ihre Tür stehe Studierenden und möglichen Betroffenen offen. »Das ist mir ganz wichtig, dass ich mir das anhöre, um daraus Schlüsse zu ziehen für den Gesamtprozess.«

Sie wolle sich alles »ganz genau« ansehen, sagte die Juristin und ehemalige Berliner Finanzstaatssekretärin. »Es gibt ja auch Hinweise auf Machtmissbrauch, Angst. Das ist etwas, das muss man analysieren. Ist das im Rahmen gewesen, oder ist das darüber hinausgegangen?«

verdachtsfälle Bislang seien ihr vier Verdachtsfälle von sexualisierter Belästigung oder Machtmissbrauch bekannt, sagte sie beim Presse­gespräch. Sie wisse allerdings nicht, »ob das die absolute Anzahl ist«, so Thöne. Die Aufklärung habe begonnen, die Zahl könne »sich entwickeln«.

Alumni rufen zu einer »längst überfälligen Neubesinnung« auf.

Am selben Tag wurde ein Schreiben bekannt, das die Namen von 23 AGK-
Absolventen trägt. Darin bieten die Rabbiner und Kantoren an, sich »in voller Transparenz« an den laufenden Untersuchungen zu beteiligen und erklären, den Studierenden des Kollegs jederzeit als Gesprächspartner und Seelsorger zur Verfügung zu stehen.

Am 6. Mai hatte der Geschäftsführer des Kollegs, Rabbiner Walter Homolka, mitteilen lassen, er werde »bis zur Klärung des Sachverhalts« die aktive Ausübung seiner Aufgaben »in der Jüdischen Gemeinschaft und an der Universität« ruhen lassen. Dazu gehört auch der Vorsitz der Leo Baeck Foundation, die seit einigen Tagen alleinige Gesellschafterin des als gemeinnützige GmbH organisierten Abraham Geiger Kollegs ist.

Unklar ist, ob Homolka seine Funktion als Geschäftsführer dieser gGmbH niedergelegt hat. Entsprechende Fragen dieser Zeitung wurden von der Kommunikationsberatung des AGK bislang nicht beantwortet.

ZUKUNFT Thöne betonte ihren Willen, die Zukunft der Ausbildungsstätte für liberale Rabbiner zu sichern. Dabei soll auch über neue institutionelle Strukturen nachgedacht werden, sagte sie. »Gibt es Punkte, wo man etwas verändern muss? Das will ich mir genau anschauen. Das ist etwas, was dann zu entscheiden ist. Das muss man aber mit Bedacht machen.« Über die Zukunft Homolkas innerhalb der Einrichtung wolle sie nicht spekulieren.

Auf die Frage, welche Rolle AGK-Kanzlerin Anne-Margarete Brenker, die als rechte Hand Homolkas gilt, künftig spielen werde, sagte Thöne: »Sie ist für die Administration zuständig – das muss geschehen. Die umfassende Handlungsvollmacht habe ich.«

Im Mittelpunkt der Vorwürfe sexualisierter Belästigung steht ein langjähriger Mitarbeiter der Ausbildungsstätte. Laut Zeitungsberichten handelt es sich um den Ehemann von Rektor Homolka. Die Universität Potsdam untersucht die Vorwürfe seit Anfang des Jahres. Erste Ergebnisse sollen im August vorliegen. Thöne sagte, sie sei sowohl mit der Universität im Gespräch als auch mit der Kölner Rechtsanwaltskanzlei Gercke Wollschläger, die seit Mitte Mai die Vorwürfe im Auftrag des Zentralrats der Juden untersucht. Dort können sich Betroffene und Zeugen per Telefon anonym melden.

Auch das Geiger-Kolleg hat eine Aufklärungs-Hotline eingerichtet. Allerdings müsse man dort, bevor man ein Anliegen vorbringt, seinen Namen nennen, kritisierte ein Journalist beim Pressegespräch. Thöne wirkte überrascht, als sie davon hörte, und deutete an, dies ändern zu wollen. Auf die Frage, wie das geschehen solle, sagte sie: »Indem ich Handlungsanweisungen gebe.«

STELLUNGNAHMEN Studierende hatte die Kollegsleitung zum Pressegespräch am Mittwoch vergangener Woche nicht eingeladen. Wenige Stunden zuvor war eine Stellungnahme zu den Vorgängen am Rabbinerkolleg veröffentlicht worden, die vorgeblich im Namen der »Studenten des Abraham Geiger Kollegs« verfasst worden war.

Schnell kamen jedoch Zweifel an der Authentizität des Papiers auf. Mehrere Studierende wurden von einem Mitarbeiter des Geiger-Kollegs kontaktiert und gaben an, sie hätten die Stellungnahme gar nicht unterzeichnet. Nach Recherchen der Jüdischen Allgemeinen soll der Text, in dem ein grundlegender Wandel des AGK gefordert wird, nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen sein.

Studierende hatte die Kollegsleitung zum Pressegespräch am Mittwoch vergangener Woche nicht eingeladen.

Als authentisch hat sich dagegen ein Positionspapier erwiesen, das Alumni und Studierende der Potsdamer Rabbinerausbildungsstätten am Mittwoch vergangener Woche an die Leitung des Abraham Geiger Kollegs gerichtet haben. Darin rufen sie zu »einer längst überfälligen und weitreichenden Neubesinnung« auf.

unterzeichner Die Unterzeichner fordern »umfassende und dauerhafte Personalveränderungen« im Geiger-Kolleg. »Die Machtmissbräuche der früheren Leitung, insbesondere ihre subtilen wie teilweise auch direkten Einschüchterungen (…) dürfen von einer zukünftigen Administration nicht fortgeführt werden.« Zudem sollte die »Postenschacherei« bei der Auswahl von Lehrpersonal aufhören. »Feindschaften und Ängste der bisherigen Leitung« hätten Beziehungen zu vielen renommierten jüdischen Denkern und Akademikern weltweit verbaut.

Unterzeichnet haben das Positionspapier »einige anonym bleibende Ehemalige und Studierende« sowie vier namentlich genannte Rabbiner. Zwei von ihnen sind AGK-Absolventen, die anderen beiden haben am Potsdamer Zacharias Frankel College studiert, dem Rabbinerseminar der konservativen Masorti-Bewegung.

(Mitarbeit: Joshua Schultheis und Michael Thaidigsmann)

Berlin

Söder warnt SPD und Grüne vor Koalition mit Linkspartei

Nach der Wahl in Berlin mit dem Sieg der Linkspartei ist noch immer unklar, wer künftig regieren wird. Der CSU-Chef hat eine klare Erwartung für den Umgang mit dem Wahlsieger

 25.09.2026

Kassel/Heidenau

Stadt stoppt Stolpersteine – Künstler: War zu erwarten

Der Stadtrat von Heidenau bei Dresden lässt keine neuen Stolpersteine im Straßenraum zu. Der Initiator der Gedenksteine, Gunter Demnig, warnt vor Unsichtbarkeit der NS-Opfer und will weitermachen

 25.09.2026

Berlin

Schuster: Seit Hamas-Angriff kaum Kontakte zu muslimischen Verbänden

Er hat muslimische Freunde. Doch offizielle Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinde und muslimischen Verbänden gibt es kaum noch. Der Zentralratspräsident kritisiert dies und hofft auf Besserung

 25.09.2026

USA

Rennpferd muss wegen Hitler-Bezug umbenannt werden

Der Jockey Club erhält eine formale Beschwerde, woraufhin der Name des Tieres verboten wird. Wie hieß das Pferd? Und wie heißt es jetzt?

 25.09.2026

New York

Susan Sarandon bei Demo gegen Israel festgenommen

Zwei Proteste gegen Israel fanden während der Rede von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor der UNO statt. Bei einer davon wurde zum Mord an ihm aufgerufen

 25.09.2026

New York

Netanjahu vor der UNO: »Israel hat keinen anderen Weg als zu gewinnen«

Der israelische Ministerpräsident spricht über Iran, Katar, die Türkei. Er konfrontiert Kritiker seines Landes, inklusive Bürgermeister Zohran Mamdani

 25.09.2026

Berlin

Berliner Linken-Chefin: »sehr überrascht« über Kritik

Seit der Berlin-Wahl am Sonntag wird bundesweit heftig über Antisemitismus bei der Linkspartei diskutiert. Sieht die Landesvorsitzende Kerstin Wolter ein strukturelles Problem in ihrer Partei?

 25.09.2026

Nach der Wahl

Berliner SPD will mit Linken und CDU sondieren

Die Sozialdemokraten wollen mit dem Wahlsieger Linke und der CDU über eine mögliche Regierungsbildung sprechen. Parteichef Krach nennt eine »rote Linie«

 25.09.2026

New York

Berichte: Iran legt Sieben-Tage-Plan zur Beendigung des Kriegs vor

Die USA und der Iran verhandeln mit Hilfe von Vermittlern über die Zukunft der Straße von Hormus. Nun will die iranische Seite einen Vorschlag ins Spiel gebracht haben

 25.09.2026