Meinung

Handelt endlich!

Ahmad Mansour Foto: imago

Ja, Antisemitismus ist ein herkunftsübergreifendes Phänomen, das man links, rechts und in der Mitte dieser Gesellschaft findet. Jedoch ist der muslimische Antisemitismus besonders zu erwähnen, weil dieser Antisemitismus die Verklemmtheit der Deutschen beim Umgang mit Juden nicht kennt. Er ist Teil der kindlichen, religiösen und politischen Erziehung in vielen Familien. Er ist dreister, emotionaler und aggressiver.

Und er fühlt sich bestärkt, weil wir diesem neuen, alten Antisemitismus hilflos gegenüberstehen, seit wir bewusst versuchen, das Problem zu relativieren. Es ist ein Ausdruck unserer Hilflosigkeit im Umgang mit Multikulturalität. Wir zelebrieren die Unterschiede und blenden die Probleme aus! Wir tabuisieren, statt zu reden.

abwiegeln Doch Deutschland verliert sich wie so oft in Scheindebatten über Begrifflichkeiten, im Abwiegeln und Verdrängen, aus Angst, von der falschen Seite Applaus zu bekommen. Ja, wir verlieren uns in Sonntagsreden und Mahnwachen. Zwar werden markige Worte wie »Schande!« oder »Nie wieder!« sowie der Hinweis auf die »historische Verantwortung« von Politikern wiederholt auf Bühnen mit Entschiedenheit ausgesprochen, sie ändern aber an der Situation der Juden in Europa nichts.

Die Angst, mit einer Kippa durch Berlin zu spazieren oder gar mit einem sichtbaren Davidstern U-Bahn zu fahren, wird durch Reden allein nicht abnehmen.

Die Angst, mit einer Kippa durch Berlin zu spazieren oder gar mit einem sichtbaren Davidstern U-Bahn zu fahren, wird durch Reden allein nicht abnehmen. Im Gegenteil, sie nimmt zu. Ebenso wie die Gefährdung jüdischer Einrichtungen.

Israelis werden immer noch Angst haben, in der Öffentlichkeit Hebräisch mit ihren Kindern zu sprechen, und Eltern werden weiterhin unruhig sein, wenn ihre Kinder allein auf ihrem Schulweg zum jüdischen Gymnasium sind, begleitet von der Angst, erkannt und schikaniert zu werden. Mit jedem Jahr wird es schlimmer, enger, beängstigender, als Jude in Europa zu leben.

sicherheit Ich weiß, es sind drastische Worte, aber so ist die Realität von Müttern, Anwälten, Studenten, die ich jeden Tag miterlebe. Die Überlegung, nach Israel auszuwandern, um dort Sicherheit zu finden, ist alltäglicher geworden. Das sollte uns alle wirklich zum Nachdenken anregen. Ich finde es unerträglich und nicht hinnehmbar.

Dieser Antisemitismus wird bedient durch teilweise abstruse Verschwörungsmythen. Besonders durch die sozialen Medien verbreiten sich diese »Alternative News« mit schwindelerregenden Klickzahlen. Man kann schon fast von einer Pandemie sprechen. Und wir Demokraten stehen dem ratlos, ja, kopfschüttelnd gegenüber. Es fehlt an Gegennarrativen, an pädagogischen Konzepten, an digitaler Sozialarbeit, um den richtigen Umgang damit zu erlernen.

Wir verlieren uns in Scheindebatten und Sonntagsreden.

Bei muslimischen Jugendlichen macht sich der Antisemitismus meist im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt bemerkbar. Man kann hier von antizio­nistischem Antisemitismus sprechen, denn es wird kaum zwischen Israelis und Juden unterschieden. Die Stimmung ist häufig sehr aggressiv, Klischees sind deutlicher ausgeprägt – ohne historisches Wissen über den Konflikt und ohne die Hintergründe zu reflektieren.

feindbild Juden sind seit Hunderten von Jahren ein bewährtes Feindbild, die Palästinenser Opfer, nie aber Täter. Wie ließe es sich sonst erklären, dass Hunderttausende während des Gaza-Kriegs auf die Straße gingen, während sich dieselben Menschen kaum empörten, als in Syrien Hunderttausende starben?

Auch ein starres, zeitloses Verständnis des Islam und vor allem des Koran führt zu einem islamistisch argumentierenden Antisemitismus. Radikale islamistische Gruppierungen sprechen oft von Juden als Feinden des Islam.

Um an der Situation etwas zu verändern und nicht jedes zweite Jahr so tun zu müssen, als wären wir überrascht, wenn junge Muslime auf deutschen Straßen antisemitische Parolen rufen, müssen wir handeln. Nicht halbherzig, nicht, um die Öffentlichkeit zu beruhigen, nein, es braucht vielmehr drastische grundlegende Maßnahmen, um Judenhass endlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen und zu bekämpfen.

Auch Geflüchteten muss im Integrationskurs vermittelt werden, dass Antisemitismus in Deutschland nicht geduldet wird.

Dazu gehört als Erstes eine Reform der Aus- und Weiterbildung im Bereich Schule. Lehrer, Sozialarbeiter und Pädagogen müssen pädagogische Werkzeuge an die Hand bekommen, um jegliche Art von Antisemitismus zu erkennen und im Unterricht zu thematisieren. Dazu gehört ausdrücklich die Behandlung des Nahostkonflikts, die Vermittlung von Fakten und historischen Informationen. Unsere Gesellschaft ist vielfältig geworden, und deshalb sollten unsere pädagogischen Konzepte und Lehrpläne in der Lage sein, nicht nur Thomas und Susanne zu erreichen, sondern auch Ali und Zeynep.

sozialisation Auch Geflüchteten muss im Integrationskurs vermittelt werden, dass Antisemitismus in Deutschland nicht geduldet wird. Voraussetzung ist, dass wir die judenfeindliche Sozialisation vieler Flüchtlinge erkennen und ihr gegensteuern – offen, ehrlich und für beide Seiten gewinnbringend. Integration ist erst dann erfolgreich geglückt, wenn das Existenzrecht Israels ohne Wenn und Aber akzeptiert wird.

Der Rechtsstaat muss entschieden und selbstbewusst auftreten. Antisemitische Straftaten dürfen nicht mehr als Bagatelldelikte geahndet, sondern müssen als das verfolgt werden, was sie sind: Hasskriminalität. Dies muss mit der vollen Härte des Gesetzes geschehen. Und das bedeutet auch Abschiebung, sofern notwendig und machbar.

Der Autor ist deutsch-israelischer Diplom-Psychologe in Berlin. 2020 erschien sein Buch: »Solidarisch sein! Gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass«.

Shelly Meyer

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