Ehrung

Geprägt von München 1972

Für sein Engagement hat der frühere Freiburger DIG‐Vorsitzende Johannes Reiner das Bundesverdienstkreuz erhalten

von Anja Bochtler  04.08.2019 10:30 Uhr

Preisträger Johannes Reiner Foto: Rita Eggstein

Für sein Engagement hat der frühere Freiburger DIG‐Vorsitzende Johannes Reiner das Bundesverdienstkreuz erhalten

von Anja Bochtler  04.08.2019 10:30 Uhr

Als die Deutsch‐Israelische Gesellschaft (DIG) in Freiburg 2003 einen Vorsitzenden brauchte, zögerte Johannes Reiner (70) nicht lange: Er zog einfach hin, von Bayern nach Baden. Das ging, weil er schon pensioniert war. Aber auch davor hatte er sich nie von großem Aufwand abschrecken lassen.

In den 90er‐Jahren arbeitete er in Leipzig, pendelte an den Wochenenden ins bayerische Mindelheim, wo er wohnte, und von dort nach Augsburg zur DIG. Das alles ist typisch für Johannes Reiner. Für seinen Einsatz für Israel und gegen Antisemitismus hat er nun das Bundesverdienstkreuz erhalten.

attentat Es gab immer wieder Situationen, die ihn tief geprägt haben. Besonders eindrücklich war die Zeit rund um das Attentat von palästinensischen Terroristen auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München: Johannes Reiner war dort als junger Leutnant des Fernmeldebataillons der Bundeswehr im Einsatz.

Er gehört zur Generation derer, deren Eltern den Nationalsozialismus erlebten und danach beharrlich schwiegen.

Er nahm an der Trauerfeier teil, und noch heute spürt man, wie aufgewühlt er damals war: Er sah, wie dem israelischen Botschafter die Stimme versagte und er zusammenbrach. Er spürte, wie viel Verzweiflung in der großen Stille lag. Und er erinnert sich, wie wütend er war, weil weder die DDR noch die UdSSR und die arabischen Staaten bei der Feier vertreten waren. Nicht einmal für die ermordeten Opfer wollten sie ihr politisches Kalkül ausklammern, kritisiert Reiner.

Für ihn war dadurch nur umso klarer, auf welcher Seite er stand. Doch zu dieser Position fand er schon viel früher. Das war alles andere als eine Selbstverständlichkeit, denn so wie er wuchsen viele auf: Er gehört zur Generation derer, deren Eltern den Nationalsozialismus erlebten und danach beharrlich schwiegen – als hätte es ihn nie gegeben.

SENSIBILITÄT Johannes Reiner wurde 1948 im bayerischen Schrobenhausen geboren. Als er sechs Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Ottobeuren im Allgäu. Der Vater ging als Postamtsvorsteher samstagabends zum Stammtisch. Wenn er zurückkam, erzählte er manchmal seinem Sohn von seiner Zeit als Wehrmachtsoldat. Nach dem, was er berichtete, hatte er viel Glück gehabt und nie schießen müssen.

Doch Johannes Reiner fand befremdlich, wie der Vater jede Verstrickung der Wehrmacht in den Nationalsozialismus abstritt und nicht erwähnte, dass ins Konzentrationslager Dachau neben Kommunisten und Menschen, die als arbeitsscheu abgestempelt wurden, auch Juden kamen.

Mit der Mutter, die als Stoffverkäuferin in München einen jüdischen Chef gehabt hatte, den sie nicht mochte, und diese Erfahrung auf alle Juden übertrug, hatte er ähnliche Probleme. So musste er ertragen, was sich nicht zusammenbringen ließ: Einerseits liebte er seine Eltern über alles, andererseits bedauerte er, dass sie nichts bedauerten, keine Läuterung erlebten.

Oft vermisst er Solidarität, von vielen, die schweigen, obwohl sich antisemitische Vorfälle häufen.

Johannes Reiners Sensibilität gegenüber der deutschen Geschichte fiel seinem Deutschlehrer an der Realschule im bayerischen Memmingen auf. Mitte der 60er‐Jahre beauftragte er ihn mit einem Referat über die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Das gelang ihm so gut, dass er mit seinem Vortrag in alle Klassen eingeladen wurde – ähnlich wie bei unzähligen Israel‐Vorträgen später, beruflich und privat.

VORTRÄGE Nach einer Ausbildung zum Elektroniker ging Johannes Reiner 1970 zur Bundeswehr und schloss die Offiziersausbildung an. Als Fernmeldeoffizier wurde er in 38 Berufsjahren an 24 verschiedene Orte in ganz Deutschland versetzt, dazu kamen ab 1997 Auslandseinsätze, unter anderem ins Nachkriegs‐Mazedonien und nach Afghanistan.

Trotz seiner kritischen Haltung zur Wehrmacht war Johannes Reiner von deren Nachfolgerin sehr überzeugt: Er glaubte, dass die Bundeswehr im Verbund mit der NATO für Sicherheit garantieren kann – und dass sie unter kritischer Beobachtung Demokratie vertritt. Dazu kam, dass sie Israel unterstützte. Später, als die umstrittenen Auslandseinsätze begannen, hatte er – weil er seinen Eid auf die Verteidigung der deutschen Grenzen, nicht aber auf Einsätze am Hindukusch geschworen hatte – zwar Zweifel, seine Loyalität aber stand nie zur Debatte.

Johannes Reiner nutzte seinen politischen Unterricht für angehende Offiziere, um den Holocaust unterzubringen, dazu kamen viele Vorträge in seiner Freizeit, unter anderem bei Volkshochschulen, Stiftungen, Parteien. Außerdem wurden zwischen 1978 und 1986 seine vier Töchter geboren. Die Ehe zu ihrer Mutter zerbrach 1989, die vielen Umzüge waren alles andere als familienfreundlich.

1979 kam Johannes Reiner zum ersten Mal nach Israel, er finanzierte die Reise mit einem Sparbrief, der auslief. Gleich nach seiner Ankunft in einem Imbiss zeigte ihm ein Schoa‐Überlebender seine eintätowierte KZ‐Nummer – ohne ihm persönlich einen Vorwurf zu machen.

Inzwischen, sagt Johannes Reiner, hat er mehr jüdische als nichtjüdische Freunde. Und längst hat er Hunderten von Menschen bei Gruppenreisen Israel nähergebracht. Wichtig ist ihm dabei, die Vielfalt zu zeigen, mitsamt verschiedener und auch kritischer Stimmen zur israelischen Politik.

FREUNDESKREIS Nach seinem Engagement für die Freiburger DIG, die er bis 2009 leitete, hat er den Freundeskreis Freiburg‐Tel Aviv und die Partnerschaft zu der israelischen Stadt angestoßen. Wegen der hohen Freiburger Mieten zog er ins Umland, im kleinen Bötzingen fühlt er sich wohl. In Freiburg engagiert er sich auch bei der Israelitischen Gemeinde und bei Gedenkveranstaltungen, die immer mehr Menschen anziehen.

Doch oft vermisst er Solidarität, von vielen, die schweigen, obwohl sich antisemitische Vorfälle häufen – auch in Freiburg, wo er mehrmals beschimpft wurde, wenn er für einen Juden gehalten wurde.

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