Syrien-Konflikt

Gefahr aus dem Norden

Brennpunkt Golan: Die israelische Armee verfolgt das Geschehen auf der anderen Seite der Grenze mit größter Aufmerksamkeit. Foto: Flash 90

Die Lage ist so heikel, dass zwischen dem Schreiben dieser Zeilen und der Veröffentlichung schon alles wieder ganz anders sein kann. Die Lage in Syrien eskaliert. Der Bürgerkrieg hat die Grenzen des Landes überschritten, ja, Syrien hat aufgehört, in seiner alten Form zu existieren, der Staat zerfällt. Längst sind Kämpfer aus dem Irak vor Ort, die schiitische Hisbollah kämpft Seite an Seite mit den Truppen Assads, Jordanien bekommt zunehmend Probleme mit den Flüchtlingsströmen.

In der Türkei hat es erste Anschläge gegeben, die Flüchtlinge dort sind ebenfalls ein massives Problem, Premier Erdogan unterstützt die Rebellen, die Bevölkerung aber im südlichen Teil der Türkei ist durchaus pro Assad. Raketen wurden auf das Viertel von Beirut abgefeuert, in dem die Hisbollah ihr Hauptquartier hat, der Libanon ist längst Kampfgebiet. Kurz: Die Lage ist unübersichtlich, hochkomplex und explosiv.

waffenlieferungen Der Iran mischt heftig mit, Katar und Saudi‐Arabien ebenso, wir sind Zeugen eines Religionskrieges zwischen Sunniten und Schiiten. Und da geht die israelische Luftwaffe her und bombardiert Waffenlieferungen an die Hisbollah auf syrischem Boden. Ist das clever? Musste das aus militärisch‐strategischen Gründen wirklich sein? Möglich, möglicherweise auch nicht.

Klar ist: Je mehr Israel sich einmischt, desto schneller wird seine Nordgrenze explodieren. Israel verließ sich darauf, dass Assad, wie schon so oft in der Vergangenheit, einfach stillhalten würde. Die israelischen Generäle waren großmäulig wie eh und je: Wenn Assad es wagen würde, zurückzuschlagen, dann könnten wir in wenigen Tagen das tun, was die Rebellen in zwei Jahren nicht geschafft haben. Die Politiker fragten öffentlich: Welches Interesse soll Assad schon haben, jetzt gegen uns eine neue Front zu eröffnen?

geschwätz Und so ging das übliche pompöse Geschwätz in Jerusalem weiter, ohne darüber nachzudenken, dass ein verwundeter Stier möglicherweise anders reagiert, als man sich das in Tel Aviv oder Jerusalem so denkt. Denn der Krieg in Syrien ist aus dem Ruder gelaufen, er folgt seiner eigenen Logik, die niemand mehr begreifen kann. Niemand weiß, was geschehen muss, um eine Kettenreaktion zu vermeiden, die Israel – möglicherweise gegen seinen Willen – in den Krieg hineinziehen wird.

Nun kann argumentiert werden, dass der Angriff auf die Fateh‐110‐Raketen, um die es sich angeblich gehandelt haben soll, absolut notwendig war, denn sie können jeweils mit einer halben Tonne TNT Tel Aviv treffen. Mit großer Präzision. Und noch darüber hinaus den Süden Israels. Das wäre ein »gamechanging«-System, das Israels Sicherheit massiv gefährdet. Möglich.

kampfstoffe Aber machen wir uns nichts vor. Die Hisbollah hat längst Raketen, die auf Tel Aviv gerichtet sind. Und Israel hat bis jetzt immer nur iranische Waffenlieferungen angegriffen, niemals russische – die ebenfalls »gamechanger« sind. Natürlich, sollten chemische Kampfstoffe in den Libanon gelangen, dann hätte Israel wahrlich keine andere Wahl, als einzugreifen. Aber jetzt? Ist das, was man erreicht hat, strategisch so entscheidend, dass man ausgerechnet in dieser sensiblen Situation »zündeln« muss? Assad reagierte – mit Worten und (kleinen) Taten.

Tatsächlich hat die syrische Armee zum ersten Mal einen israelischen Militärjeep auf dem Golan direkt beschossen und dies öffentlich erklärt. Israel hat ohne Probleme die syrische Stellung mit einer einzigen Rakete vernichtet, klar. Israels Armee ist stark. Aber die Heimatfront? In diesen Tagen hält Israel wieder einmal einen dreitägigen Übungseinsatz im ganzen Land ab. Das Thema: Raketenangriffe mit Chemiewaffen. Eine notwendige und durchaus realistische Übung. Denn jeder, absolut jeder in Israel ist sicher, dass dieser Krieg kommen wird: der Krieg mit irgendeinem Player aus dem Norden. Und dann wird es Raketen auf Tel Aviv und andere Städte regnen, keine Frage. Möglicherweise sogar mit Giftgas. Man bereitet sich also vor.

im visier Lohnt es sich aber, in dieser Situation zu zündeln? Ist es das wert, einen Waffenkonvoi anzugreifen, während die Russen den Syrern und damit der Hisbollah immer bessere Luftabwehrraketen schicken? Wenn sie ohnehin schon mehr als 60.000 Raketen hat, die ganz Israel im Visier haben?

Möglicherweise wird die Logik dieses Krieges sowieso dazu führen, dass Israel aktiv werden muss. Aber Deeskalation mit Worten, mit Taten, wäre sicherlich in diesem Augenblick klüger, weiser. Bereite dich auf das Schlimmste vor, aber sei ruhig und provoziere nicht – das wäre im Moment wohl die bessere Leitlinie für den jüdischen Staat. Denn hinter allem, was in Syrien geschieht, steht der Iran und damit für Israel die iranische Frage. Das ist das eigentliche größere Problem Israels im Augenblick: die nukleare Gefahr.

Israel kann den Lauf der Ereignisse in Syrien nicht beeinflussen. Es wird geschehen, was geschehen wird. Und man muss sich in Jerusalem und Tel Aviv auf beide Möglichkeiten vorbereiten und Lösungen finden. Aber zündeln, nein, zündeln sollte Israel wahrlich nicht. Das kann nur zum Bumerang werden.

Der Autor ist Chefkorrespondent und Leiter des ARD‐Studios in Tel Aviv.

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