Meinung

Gedenken und Geografie

Michael Wolffsohn Foto: Klaus Franke

Berlins und Deutschlands Gedenkkultur hat Hochkonjunktur. Zunächst die Fakten, dann die Erklärung: Ins neue Gebäude der »Topografie des Terrors« strömten 2011 rund 800.000 Besucher. Das waren etwa 60 Prozent mehr, als die frühere Open‐Air‐Ausstellung zuletzt verzeichnet hatte. Selbst das Jüdische Museum Berlin, bisher der Besuchermagnet schlechthin, wurde um 137.000 Besucher übertroffen. Der »Ort der Information« am Holocaust‐Mahnmal wurde, wie in den Vorjahren, von circa 460.000 Menschen besucht, die Gedenkstätte Deutscher Widerstand von 120.000 (ein Plus von 4,6 Prozent, zugleich ein neuer Rekord), und ins Haus der Wannsee‐Konferenz kamen mehr als 100.000 Besucher.

Eindrucksvoll sind die Zahlen. Sind die selbsternannten Kassandras widerlegt? Ja, »die« Deutschen entscheiden sich offenbar freiwillig »gegen das Vergessen«. Von den überlebenden NS‐Opfern sind zwar viele gestorben, doch das Interesse an ihrem Schicksal ist lebendiger denn je. Das ist sicher gut und ein Erfolg derer, die, über Parteigrenzen hinweg, seit Jahrzehnten deutsche Gedenk‐ und Geschichtspolitik »gegen das Vergessen« verantworten. Das ist Gedenklyrik, das ist erfreulich.

Boom Doch der Rekord hat auch prosaische Gründe. Das Gebäude der Topografie des Terrors ist neu, und Menschen sind nun einmal neugierig. Außerdem waren zwei Drittel der Besucher keine Berliner, sondern Touristen, und von diesen 70 Prozent Ausländer. Jeder weiß, dass die Topografie des Terrors in unmittelbarer Nähe des prickelnden Potsdamer Platzes, des Berliner Abgeordnetenhauses (früher Preußischer Landtag) und des Martin‐Gropius‐Baus liegt. Da Berlins Touristenboom ungebrochen anhält, darf man, ohne ketzerisch zu denken, vermuten, dass gerade so mancher der auswärtigen Besucher die Mischung aus Gegenwart, Preußen, Weimar, NS‐Vergangenheit, DDR und Kaltem Krieg als Nervenkitzel versteht. Wo in der Welt gibt es ähnlich Aufregendes?

Vergleichbaren »Hits« dürfte der »Ort der Information« am Holocaust‐Mahnmal seine Besucher verdanken: der Nähe zu Bundestag und Brandenburger Tor, zum Pariser Platz und dem legendären Hotel Adlon, Unter den Linden und dem vieldiskutierten Mahnmal selbst. Das alles nur einen Steinwurf von der Hitler‐und‐Speer‐Reichskanzlei (plus Bunker!) entfernt. Statt Fernsehen Nahsicht, für manche Einsicht, gar Durchsicht. Haben wir also Nachsicht.

Dass die Gedenkkultur Berlins ihre Hochkonjunktur dieser Mélange aus Geschichte und Geografie verdankt, beweisen die deutlich niedrigeren Besucherzahlen der Widerstands‐Gedenkstätte und noch mehr der vom Zentrum weit entfernten Wannsee‐Villa. Je weiter »vom Schuss« der touristischen Treffer des historischen, tagespolitischen und architektonischen Vollprogramms und je enger das Einzelthema des Erinnerungsortes, desto geringer das Interesse. Fazit: Außer Lyrik viel Prosa. Auch in der Gedenkkultur menschelt es. Doch indem das offizielle Deutschland auch die dunkelste deutsche Geschichte nicht versteckt, sondern präsentiert, wertet es sich auf und nicht ab – weil es sich von deutscher Unmenschlichkeit distanziert.

Der Autor ist Historiker an der Universität der Bundeswehr in München.

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