Einsatz

Freiheit retten

Mehr Kontakt zur einheimischen Bevölkerung – auch das gehört zur neuen Afghanistan-Strategie der Bundesregierung. Foto: Reuters

Am 27. Januar haben wir der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 65 Jahren gedacht. Es waren Soldaten der Roten Armee, die dem Leiden der Überlebenden ein Ende bereiteten. Als Retter wurden sie begrüßt. Um Rettung geht es auch an diesem Donnerstag in London. Dort findet die Afghanistankonferenz statt. Auf den ersten Blick haben das Gedenken und das Politikertreffen nichts miteinander zu tun. Denn die Verbrechen des Naziregimes sind mit den islamistischen Bedrohungen unserer Tage nicht gleichzusetzen. Doch manches können wir aus der zeitlichen Nähe beider Ereignisse lernen: Falsche Appeasementpolitik macht Terror oft erst möglich. Und: Es gibt Kriege, die gerechtfertigt sind.

Seit fast einem Jahrzehnt unterstützt der Westen die afghanische Regierung in ihrem Kampf gegen radikale Fundamentalisten. Der Waffeneinsatz hat größere Sicherheit im Land geschaffen. Ohne das Engagement westlicher Soldaten wäre die Lage dort heute wesentlich schwieriger. Doch dass man mit mehr Truppen tatsächlich mehr erreichen kann, darf bezweifelt werden. Notwendig ist vor allem ein Ansatz, der nicht nur militärische Lösungen einbezieht. Es kommt darauf an, die Afghanen anzuleiten, sich selbst zu helfen und sie mit verstärkten Kooperationsangeboten zu unterstützen. Wir müssen die Menschen auf rationaler Ebene gewinnen und davon überzeugen, dass die Unterstützung des Terrorismus sie nicht weiterbringt.

Lebensstil Es erscheint deshalb sinnvoll, die Bevölkerung, die durchaus fortschrittsfreundlich ist, von den Taliban zu trennen und ihr zu zeigen, dass es bessere Zukunftsmöglichkeiten für das afghanische Volk gibt. Ich habe während meines Einsatzes in Afghanistan selbst erlebt, dass diese Botschaft bei zahlreichen Menschen ankommt. Mehr noch: Sie hoffen geradezu auf westliche Hilfe bei der Absicherung eines solchen Lebensstils.

Das von der Bundesregierung angekündigte Aussteigerprogramm für Taliban könnte ein erfolgreiches Mittel sein. Denn nicht jeder ist aus religiöser Überzeugung militanter Islamist geworden. Viele haben sich den Taliban aus wirtschaftlichen Gründen angeschlossen oder sind von einem Stammesfürsten abhängig, der den »heiligen Kriegern« nahesteht. Diesen Männern müssen wir durch ökonomische Anreize Alternativen aufzeigen. Damit wird den radikalen Taliban der Boden entzogen. Allerdings gibt es nur dann Hoffnung, wenn wir nicht dem Einzelnen, sondern den Stammesverbänden Lösungen anbieten. Denn die Abhängigkeit von den lokalen Fürsten ist viel zu groß, als dass der Einzelne sich seine Loyalität mit Geld erkaufen ließe. Wir im Westen müssen uns an die Vorstellung gewöhnen, dass in Afghanistan in der Regel nicht das Individuum im Vordergrund steht.

Oberwasser Dem harten Kern der Taliban jedoch werden wir so nicht beikommen. Er lässt sich nicht freiwillig in ein friedliches Umfeld zurückführen. Wir werden diese Männer mit keinem Programm erreichen und niemals einen Konsens finden. Das liegt an ihren Wertvorstellungen. Schon aus Prinzip werden sie sich keine Strukturen vom Westen vorschlagen lassen. Die Bundeswehr ist für sie nichts anderes als eine israelische Söldnertruppe, die unter zionistischer Steuerung im Rahmen der »jüdi- schen Weltverschwörung« ins Land gekommen ist, um gegen den Islam zu kämpfen. Wir dürfen uns aber keinesfalls die Vorstellung eines vermeintlichen Zivilisationskonflikts aufdrängen lassen und müssen uns davor hüten, ebenfalls in ein solches Schwarz-Weiß-Muster zu verfallen. Denn sonst bekommen die Islamisten Oberwasser. Auch die in Deutschland. Denn mit den gleichen Argumenten, mit denen manche Juden meinen, sie müssten Muslimen ihre Minarette verbieten, kann uns morgen ein rechtsnationaler »Volksdeutscher« die Synagogen absprechen.

Moderne Ob global oder in unserem Land: Die Vorstellung, wir stünden auf der einen und die Muslime als Bedrohung auf der anderen Seite, schadet letzten Endes uns selbst. Wir dürfen nicht die Logik der Radikalen übernehmen und ganze Bevölkerungsgruppen ausgrenzen. Wenn wir anfangen, in ethnischen Blöcken zu denken, müssen gerade wir Juden in der Diaspora uns bald fragen, wo wir selbst hingehören. Doch das wollen wir nicht. Gerade die kosmopolitischen Züge des Judentums sind ein Vorteil, der uns flexibel mit neuen Herausforderungen umgehen lässt. Und ein Vorteil der modernen westlichen Welt.

Ob Kopftuch, Minarett oder Burkini – alle muslimischen Symbole mit Islamismus gleichzusetzen, ist fatal. Es widerspricht der Aufklärung und gefährdet den Kern unserer pluralistischen Gesellschaft. Wir kehren sonst zurück zum Verständnis eines homogenen Volkes, in dem fremde Einflüsse nichts zu suchen haben. Gerade wir Juden wissen, was das bedeutet. Auch deshalb verteidigen wir unsere Freiheit am Hindukusch.

Der Autor ist Oberstleutnant im Generalstab der Bundeswehr, stellvertretender Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten (RjF) und Staatswissenschaftler. Der Text gibt seine persönliche Meinung wieder.

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