Rente

Frau Grünwald und das deutsche Recht

»Ich kann keine Spitzfindigkeiten«: Bella Grünwald bei ihrer Anhörung in Jerusalem Foto: E. M. Urbitsch

Ganz Jerusalem liegt unter einer Dunstglocke. Es ist der Tag der Anhörung von Bella Grünwald. Vom weitläufigen Balkon des King‐David‐Hotels sind selbst die massiven antiken Mauern der gegenüberliegenden Altstadt kaum zu erkennen. Das altehrwwürdige Fünf‐Sterne‐Haus im Herzen der Heiligen Stadt wirbt damit, dass hier schon sehr oft Geschichte geschrieben wurde.

Heute ist Bella Grünwald im King David. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Ein wenig verloren wirkt die über 80‐jährige Frau hier . Die orthodoxe Jüdin trägt einen grün‐schwarz karierten langen Rock mit dazugehörigem Sakko, unter dem ein Spitzenkragen hervorragt. Ihr Haar ist von einem Samttuch bedeckt. Bella Grünwald ist eine kleine Person. Bei der Suche nach dem richtigen Raum stützt sie sich mit der rechten Hand auf ihren Gehstock. Sie kommt in Begleitung ihres Sohnes.

wille Jan‐Robert von Renesse, Richter am Landessozialgericht im nordrhein‐westfälischen Essen, hat Bella Grünwald in den Oak Room des Hotels geladen. Frau Grünwald hat Auschwitz überlebt. Heute will der deutsche Richter von ihr hören, ob sie in Ungarn in einem Ghetto war. Ob sie dort »aus eigenem Willensentschluss« gearbeitet hat, wie lange, und ob ihre Tätigkeiten entlohnt wurden. Das allein ist für den Rentenanspruch entscheidend, nicht das Ausmaß ihrer Verfolgungsgeschichte.

Warum die Anhörungen in Israel stattfinden, erläutert Richter von Renesse. »Für die Kläger ist es mühsam, nach Deutschland zu fahren. Aus gesundheitlichen Gründen und, weil sie dort zu viel an früher erinnert. Dann fährt der Richter eben dorthin, wo die Menschen leben«, erläutert er. Schließlich sei es der Kern eines jeden Gerichtsverfahrens, mit den Menschen zu sprechen, um die es geht. »Für mich ist kein rechtlich tragfähiger Grund ersichtlich, warum man gerade bei jüdischen Verfolgten eine Ausnahme machen sollte«, betont von Renesse.

In der Bundesrepublik finden die Verfahren in der Regel ohne die Klagenden statt. Hier in Israel aber sind sie zugegen. Bella Grünwald, um die es heute geht, ist mit der Anwesenheit zweier Journalistinnen einverstanden. Auch Frau Glezer, um die es am nächsten Tag in Tel Aviv geht, hat nichts gegen die Presse. Aber der Vertreter der Rentenversicherung Rheinland, die bis Juni letzten Jahres 95 Prozent der Anträge auf eine Ghettorente von Israelis abgelehnt hat, ist dagegen. In Jerusalem dürfen die Journalistinnen schließlich im Raum bleiben, in Tel Aviv nur bei der Anhörung der Zeugen.

erinnerung Im King David in Jerusalem übersetzt die Dolmetscherin, was Bella Grünwald auf Hebräisch sagt: »Man muss meine Kräfte berücksichtigen. Meine Kräfte sind beschränkt.« Richter von Renesse lehnt sich nach vorne, nickt der Klägerin wohlwollend zu und fordert sie auf zu erzählen. Bella Grünwald ist anfangs nicht klar, worüber genau sie berichten soll und vor allem, ab wann. Sie reckt ihre schmale linke Hand in Richtung des Richters und betont: »Ich kann keine Spitzfindigkeiten. Das ist mir fremd.«

Dann erzählt Bella Grünwald. Wie der Bürgermeister der ungarischen Stadt Tab Mädchen ausgewählt hat, die arbeiten sollten. Dass sie eine prächtige Stadtverwaltung bauen sollten. An Schachtgruben erinnert sie sich und an ein kleines Taschen‐ geld. Und an ihren Transport nach Auschwitz. Doch dem Richter geht es an diesem Tag vor allem um das Ghetto. Sie stampft mit dem Gehstock auf und macht heftige Handbewegungen: »An alles erinnere ich. Ich würde mich gerne so gut an heutige Dinge erinnern wie an Dinge von damals.«

Skype Ihr Sohn und ihre israelische Anwältin rufen Bella Grünwald einen Ortsnamen zu. Von ihrer ehemals wohlhabenden Familie erzählt sie, für die sie mit ihrer Schwester gemeinsam gekocht hatte. Denn mit dem Geld der Familie hatte »man nichts machen können, außer es zu essen«, erzählt sie und klopft dabei wieder energisch mit dem Gehstock auf den Boden. Als sie vom Transport nach Auschwitz berichtet, empört sie sich. »Dann gibt es Leute, die sagen, das hat es nicht gegeben. Bald gibt es keine Menschen mehr, die das Gegenteil erzählen können.« Am Ende ihrer Schilderungen fragt Imke Hansen, eine historische Sachverständige, Frau Grünwald nach Details. Was es für ein Tag war, an dem sie ins Ghetto gekommen ist, wie der Ort aussah, in dem sie untergebracht war, was sie aus dem Fenster sehen konnte. Schon während der Schilderungen hat sich Hansen, eine dynamische 31‐Jährige, über Skype mit einer Expertin für ungarische Ghettos ausgetauscht.

Im Anschluss stellt Kristin Platt, sozialpsychologische Sachverständige, vorsichtig weitere Fragen nach der Jahreszeit und rückt dabei behutsam ihre braune Brille auf der Nase zurecht. Kristin Platt erstellt Glaubwürdigkeitsgutachten für das Gericht. Ihre Aufgabe ist es, Erzählungen und deren Strukturen zu entschlüsseln. »Je fragmentarischer ein Bericht ist, umso glaubwürdiger ist er«, erläutert sie. Die Stellungnahmen der Sachverständigen fallen zugunsten der Klägerin aus. Nach einer kurzen Diskussion bewilligt der Vertreter der Rentenversicherung den Anspruch für einen Monat, den Juni des Jahres 1944. Dennoch bezweifelt er, dass Bella Grünwald gleich nach ihrer Ankunft im Ghetto »losgelegt hat zu arbeiten«.

Am nächsten Tag, in Tel Aviv, geht es um die Geschichte von Chaim Glezer. Seiner Witwe geht es um seine Rentenansprüche. Als Zeugen sind zwei Überlebende geladen, die von den Tätigkeiten des Verstorbenen im Ghetto Lodz berichten. Insgesamt sind anwesend: die Klägerin, Zeugen, Sachverständige, Dolmetscher, Anwälte, Richter, Vertreter der Rentenversicherung und sogar die deutsche Konsulin – alle drängeln sich in einem kleinen Raum. Der Antrag der Witwe wird an diesem Tag nicht bewilligt. Erst Monate später wird ihr die Rente zugesprochen. Auf einem Foto erkannten Zeugen ihren verstorbenen Mann, wie er als Kind in der Metallwerkstatt im Ghetto Lodz gearbeitet hat.

erschöpft Bella Grünwald hat es an einem Tag geschafft. Sichtlich erschöpft stimmt sie am Ende den Formalien zu und geht danach mit kleinen Schritten aus dem Raum. Ermattet sinkt sie in einen der samtenen Sessel, die in den Salons des King‐David‐Hotels stehen. Im gedämpften Licht scheint die alte Dame fast mit dem Sitzmöbel zu verschwimmen. Für die verarmte Überlebende ist eine monatliche Rente von 150 Euro bedeutsam.

Dann verlässt Bella Grünwald gemeinsam mit ihrem Sohn langsam das Hotel. Sie werden vom abendlichen Nebel verschluckt. Die hohe Drehtür des King David kreist noch ein wenig weiter.

Info »Ghettorente«
Seit Jahren streiten sich Schoa‐Überlebende mit deutschen Rentenversicherern über ihre Ansprüche aus Beschäftigungen im Ghetto. Das »Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus der Beschäftigung in einem Ghetto« führte zu einer hohen Ablehnungsquote. Nachdem im Juni 2009 das Bundessozialgericht vorschrieb, dass abgelehnte Anträge neu zu prüfen sind, beschloss die Deutsche Rentenversicherung in der vergangenen Woche, sich mehr als 56.000 abgelehnte Anträge erneut vorzunehmen, ohne dass die Betroffenen dies neu beantragen müssen. Die Renten können dann über einen Zeitraum von vier Jahren rückwirkend nachgezahlt werden.

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