Brit Mila

Facebooks Gesicht

Auch anonym und mit »Fake-Accounts« wird Antisemitismus verbreitet. Foto: imago

Das Gros der deutschen Bevölkerung lehnt eine Beschneidung aus religiösen Gründen ab. Und im sozialen Netzwerk Facebook droht die Debatte über Zirkumzision zur judenfeindlichen Hetze zu mutieren. Eine aktuelle Studie, die ich unter 1.100 Usern sozialer Netzwerke durchgeführt habe, zeigt, dass es vorwiegend deutsche Jugendliche sind, die tausendfach Bilder von schreienden und blutenden Babys nach der Beschneidung verbreiten.

Solche Bilder illustrieren seit Wochen die auf Facebook geführten Debatten um jüdische und muslimische Beschneidung. Außer einem Bildtitel, der etwa »Beschneidungen mit aller Gewalt verhindern« lautet, gibt es meist keine weiteren Informationen. Doch erkennt man an Hunderten oder Tausenden »Gefällt mir!«-Klicks und Bildverteilungen, über wie viele Profile die Abbildungen schon gewandert sind.

Schlachter Auf einem dieser Fotos ist ein Rabbi zu sehen, der mit seinem Mund das Blut aus dem Penis des gerade beschnittenen Babys saugt. Die Kommentare darunter lauten: »Wie können Juden und Moslems so was nur machen?« Oder: »Die sind doch alle pervers.« Auffälligerweise werden parallel dazu auch oft Bilder geteilt, auf denen jüdische Schlachter Tiere schächten.

Auf einem Foto lacht ein junger Mann mit Bart und Schläfenlocken beim Anblick eines blutenden Tieres. Auch in den etwa drei Dutzend Diskussionsgruppen, die sich gegen Beschneidungen wenden, tauchen Bilder von geschächteten Tieren auf. Die Beschreibung in einer Gruppe lautet: »Die Beschneidung aus religiösen Gründen ist ein barbarischer Akt. Genauso wie die betäubungslose Schächterei aus religiösen Gründen muss sie ohne Ausnahmen verboten werden.«

Da Facebook inzwischen ausgefeilte Suchfilter einsetzt, um Gruppen, deren Zweck solche Hetze ist, namentlich erkennen und schließen zu können, gehen die Propagandisten seit einiger Zeit einen anderen Weg. Vor drei Jahren fanden sich etwa 300 Gruppen und Profile, in denen der Name »Hitler« vorkam, vor einem Jahr waren es immer noch Hunderte antizionistischer Gruppen mit Hunderttausenden Mitgliedern. Ganz offen konnten hier Hakenkreuze, Boykottaufrufe und antisemitisches Liedgut ausgetauscht werden.

Mittlerweile schließt Facebook solche Gruppen, und die antijüdischen Propagandisten sind dazu übergegangen, oftmals unter einem »Fake-Account«, also durch Anmeldung unter falschem Namen, Bilder direkt auf die Pinnwände anderer User zu posten: verstümmelte palästinensische Kinder, Toilettenrollen mit Davidstern, durchgestrichene Israelflaggen. Bevor ein solches Bild gemeldet und entfernt wird, hat es sich oft schon hunderttausendfach verbreitet.

In den Kommentaren findet sich offener und purer Hass: »Judenschweine« und immer wieder: »Was die Juden mit den Palästinensern machen, ist nichts anderes als das, was Hitler mit ihnen gemacht hat.« Über solchen Statements finden sich fast ausschließlich arabisch klingende Namen, unter Bildern von Beschneidungen hingegen sind es deutsche Jugendliche, die sowohl Muslimen als auch Juden Brutalität vorwerfen.

umfrage Nach meiner Studie ist in sozialen Netzwerken der Antisemitismus unter den 15- bis 40-Jährigen weit verbreitet. 30 Prozent sind der Meinung, Juden unterschieden sich charakterlich von anderen Menschen. Gefragt nach den Eigenschaften, werden fast ausschließlich negative genannt: gierig, geizig, ausbeuterisch.

Weiter zeigt sich in der Erhebung, dass die Hälfte der Befragten der Überzeugung ist, Juden machten zu viel Wirbel um die Vergangenheit. Fast 20 Prozent schreiben ihnen eine Mitschuld an ihrer Verfolgung im »Dritten Reich« zu. Ziel der Hetze auf Facebook ist nicht die Eröffnung einer Debatte. Vielmehr sollen durch diese Propagandabilder emotionale Reaktionen erzeugt werden, die dann in kurzen gehässigen Kommentaren münden. Das funktioniert erstaunlich erfolgreich.

Vom Autor stammt die Studie »›Der ewige Jude‹ und die Generation Facebook«, Tectum-Verlag 2012, 252 S., 39,90 €.

Krieg gegen Iran

Medienbericht: Trump will Mullahs nur wenige Tage Zeit geben

Als der US-Präsident am Dienstag einseitig eine Verlängerung der Waffenruhe mit dem Iran verkündete, nannte er keine neue Frist. Unbegrenzt verlängern, will er sie US-Medien zufolge aber nicht

 22.04.2026

Nahost

Voller Vorurteile

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  22.04.2026

Michael Thaidigsmann

Haltlose Rüge aus Straßburg

Der Menschenrechtskommissar des Europarats wirft Deutschland »unangemessene Beschränkungen« propalästinensischer Proteste vor. Überzeugende Belege legt er jedoch nicht vor

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026

Nahost

Trump verlängert Waffenruhe: Wie es jetzt weitergehen könnte

Welche Szenarien sind jetzt denkbar?

von Cindy Riechau, Arne Bänsch  22.04.2026

Nahost

Behörde: Iran beschießt Frachter in Straße von Hormus

Immer wieder kommt es in der Straße von Hormus zu Angriffen auf Schiffe. Die britische Behörde UKMTO meldet nun gleich zwei Vorfälle

 22.04.2026

New York

Wegen Haltung der Demokraten zu Israel: Alan Dershowitz wird Republikaner

Seine bisherige Partei sei zur »antiisraelischsten Partei in der amerikanischen Geschichte« geworden, schreibt der jüdische Jurist

 22.04.2026

New York/London

IAEA-Chef: Iran-Abkommen ohne Kontrolle wertlos

Rafael Grossi warnt vor der »Illusion eines Abkommens« oder um ein Versprechen, dessen Einhaltung niemand sicher feststellen könne

 22.04.2026

London

Beratungen über Wiederöffnung der Straße von Hormus beginnen

Diskutiert werden sollen auch Einsatzkräfte, Führungsstrukturen sowie die Verlegung von Einheiten in die Region

 22.04.2026

Europäische Union

Keine Mehrheit für Strafmaßnahmen gegen Israel

Vor allem Spanien und Irland hatten vor der Sitzung der Außenminister in Luxemburg Druck gemacht und die Aussetzung des Assoziierungsabkommens der EU mit Israel verlangt. Sie scheiterten erneut

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026