Interview

»Erinnern modern gestalten«

Zentralratspräsident Dieter Graumann Foto: wdr

Herr Graumann, der Bundestag hat am Mittwoch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Stand das Gedenken dieses Jahr – nach Beschneidungs- und Augstein-Debatte – unter veränderten Vorzeichen?
Das glaube ich nicht. Der Wert und die Wucht des Gedenkens bleiben immer gleich, unabhängig von den Wogen der tagesaktuellen Debatten. Ich finde es wichtig, dass es diesen Tag gibt. Manche kritisieren zwar das Gedenken als »sinnentleertes Ritual«. Dass aber der Bundestag sich damit regelmäßig beschäftigt und es eine Fülle von Veranstaltungen dazu in ganz Deutschland gibt, zeigt doch, dass der Tag seinen Sinn hat. Innehalten und Gedenken – das ist für uns Juden allemal wichtig.

Sie haben das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit als vorbildlich gewürdigt. Warum?
Ich meine, dass wir bei allem, was wir manchmal zu kritisieren haben, positiv anmerken sollten, dass sich Deutschland mit seiner Vergangenheit in einer Art und Weise auseinandergesetzt hat, die vorbildlich ist. Das war allerdings auch mehr als nötig.

Was sagen Sie denen, die eine Instrumentalisierung des Gedenkens kritisieren?
Ich verstehe den Einwand, dass ritualisiertes Gedenken erstarrt wirken mag. Ich glaube aber, alles hat seinen Platz und seine Zeit – die Erinnerung im Bundestag, bei Gedenkfeiern, aber auch im Internet und in den Schulen. Wir müssen insgesamt versuchen, das Erinnern auch moderner zu gestalten und mehr vor allem die Köpfe und Herzen der jungen Menschen zu erreichen. Denn wichtig ist zu verstehen: Die Opfer von damals wurden doch erst von den Nazis zu Opfern gemacht, aus abstrakten Zahlen müssen wir einzelne Menschen machen, die ihre ganz eigenen Hoffnungen und Träume hatten – mit ihnen muss jeder Mensch Empathie empfinden, der ein Herz im Leibe hat.

Was gehört zum modernen Gedenken?
Zum Beispiel, dass in einer Zeit, in der es leider immer weniger Zeitzeugen gibt, auch wir von der zweiten Generation viel mehr davon vermitteln müssen. Wir haben die Traumatisierung unserer Eltern erlebt, wir tragen ihre Albträume doch immerzu in uns. Und wir müssen jetzt mehr bereit sein, ihre Geschichte weiterzugeben, davon zu erzählen. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Auch wenn es uns selbst noch so wehtun mag.

Haben die Debatten der vergangenen Wochen und Monate mit ihren antijüdischen und antiisraelischen Ressentiments nicht auch deutlich gezeigt, dass die Erinnerung an tote Juden einfacher zu sein scheint als die Auseinandersetzung mit lebenden Juden?
Diese Debatten haben sehr heftige Gefühle in uns ausgelöst, aber man sollte sie nicht in Bezug zum Holocaust setzen. Das habe ich gerade in der Beschneidungs-Debatte – so verletzend sie gelegentlich auch geführt wurde – niemals getan und werde es auch jetzt nicht tun. Wir wünschen uns generell weniger Belehrung und mehr Sensibilität.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden sprach Detlef David Kauschke.

Prag

Tschechisches Außenministerium bestellt nach Drohungen iranischen Botschafter ein

Irans Militär nennt persischsprachige Exilmedien als mögliche Angriffsziele. Wie der EU- und Nato-Mitgliedstaat Tschechien auf die neue Bedrohungslage reagiert

 27.08.2026

Sachsen-Anhalt

Mehrere Siegmund-Vertraute haben Nazi-Vergangenheit und damit kein Problem

Nach Berichten von »Welt« und »Spiegel« waren mehrere enge Vertraute von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation »Heimattreuer Deutsche Jugend« (HDJ) aktiv. Nach der Wahl könnten sie Minister werden

 27.08.2026

»Artgemeinschaft«

Durchsuchungen bei Unterstützern von rechtsextremem Verein

Bei den Razzien in fünf Bundesländern wurden auch Wohnungen von zwei AfD-Kandidaten zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt durchsucht

 27.08.2026

Schweiz

Gewalt-Demo gegen Israel in Basel verboten

Die Polizei hält die geplante Anti-Israel-Demo, bei der die Organisatoren »Tod dem Zionismus« wünschen, für nicht bewilligungsfähig

von Nicole Dreyfus  27.08.2026

Magdeburg

AfD legt weiter zu

In einer neuen Wahlumfrage von Infratest dimap steht die Rechtsaußenpartei in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent

 27.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Nahost

Sechs Monate Iran-Krieg: Eskalation oder Frieden?

Bombardierungen, Sanktionen, Verhandlungen: Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn zeichnet sich zwischen den USA und dem Iran kein Frieden ab. Wo der Konflikt heute steht - und wie es weitergehen könnte

von Arne Bänsch, Jan Christoph Freybott  27.08.2026

Gesetzesinitiative

Bundesregierung distanziert sich von Hessens Vorstoß, Israel-Leugnung zu kriminalisieren

Vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht - so blickt die Bundesregierung auf einen Bundesratsvorschlag zur Strafbarkeit der Leugnung des Existenzrechts Israels. Aus Hessen kommt Widerspruch

 27.08.2026

Nahost

Weiterer Tanker in der Straße von Hormus angegriffen

Der Iran blockiert den Schiffsverkehr durch die für den globalen Ölhandel wichtige Meerenge immer noch weitestgehend. Erneut wird ein Tanker zum Ziel eines Angriffs

 27.08.2026