Griechenland-Krise

Einigt euch endlich!

Europas Institutionen sollen den Raum der Freiheit und des Rechts beschützen. Foto: Colourbox

Deutschlands erste Demokratie, die Weimarer Republik, ist bekanntlich an einem eklatanten Mangel an Demokraten zugrunde gegangen. Nach dem griechischen Referendum stellt sich manchem nun die Frage: Ist Europa gerade dabei, an einem Mangel an überzeugten Europäern zu scheitern?

Während in Griechenland mehr als drei Fünftel der Bevölkerung das von den 18 anderen Euroländern vorgeschlagene Rettungspaket ablehnten, diskutieren Deutschland und die übrige Staatengemeinschaft hitzig die Frage: Wer ist schuld an dem Schlamassel? Diese Debatte ist spannend, führt aber zu nichts außer einem weiteren Hochschaukeln der Emotionen. Und das ist Gift für Europa.

Man spürt es: Europa ist zum soundsovielten Mal in einer Krise. Nationale Egoismen – griechische, britische, ja manchmal sogar deutsche – haben aktuell Hochkonjunktur. Jeder scheint von Europa nur das zu verlangen, was ihm in den Kram passt, und lehnt den Rest im Brustton der Überzeugung als Teufelszeug ab.

nationalismus Ein Blick zurück in die Geschichte würde nicht schaden. Vor gerade einmal 70 Jahren war der Zweite Weltkrieg vorbei, wurden die Todeslager der Nazis befreit. Über 50 Millionen Europäer waren dem mörderischen Wahn der Nazis zum Opfer gefallen, darunter sechs Millionen Juden. Auch schon vor 100 Jahren schlachteten sich Europas Völker gegenseitig ab. Der entfesselte Nationalismus hatte einen ganzen Kontinent in den Abgrund gestürzt.

Nun muss niemand befürchten, dass die Eurokrise oder auch das britische Referendum zur EU-Mitgliedschaft einen Dritten Weltkrieg auslösen werden. Und doch sollten wir die Devise »Wehret den Anfängen« ernst nehmen – gerade jetzt. Die entscheidende Frage ist: Was hält dieses Europa der vielen Völker und Nationen eigentlich zusammen? Ist es die gemeinsame Währung? Der Binnenmarkt? Die gemeinsame Kultur? Der gemeinsame Rechtsraum? Ich glaube, es ist der Wille zum Ausgleich, zur Verständigung.

Man sagt oft, wir Juden seien so eine Art Seismograf oder Vorwarnsystem einer Gesellschaft. Dort, wo es uns gut geht, steht es auch gut um die Freiheit, um Demokratie und Bürgerrechte. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind dafür ein positives Beispiel. Und die Negativbeispiele sind so zahlreich, dass man ganze Seiten damit füllen könnte. Es mag sich ein wenig einfach und simpel anhören, aber es hat doch einen wahren Kern: Wir Juden sind mobile Menschen, die sich gerne dort niederlassen, wo ihnen ein Leben in Freiheit und Würde gestattet wird.

katalysator Jüdisches Leben ist in manchen Gegenden Europas in den letzten Jahren wieder aufgeblüht. Darunter sind auch Länder, in denen man es nicht für möglich gehalten hätte – Deutschland und Polen zum Beispiel. Ich bin überzeugt: Der europäische Einigungsprozess war für diese Renaissance der Katalysator. Denn wir Diasporajuden haben ein im wahrsten Sinne des Wortes vitales Interesse daran, dass die europäische Idee in der Praxis gut funktioniert und Europas Institutionen den Raum der Freiheit und des Rechts beschützen.

Kontroversen wie jene um die Beschneidung oder koschere Schlachtung, der wachsende Antisemitismus, die steigende islamistische Terrorgefahr, aber auch stereotype Angst vor Muslimen sind Themen, die von Nationalisten und Populisten unterschiedlicher Couleur ausgeschlachtet werden zum Zweck der Wählerverführung.

Diese Populisten haben vielleicht sonst nicht viel gemeinsam, aber doch eines: Sie sind allesamt Antieuropäer. Und es würde ihnen nur allzu gut in den Kram passen, wenn Europa scheiterte. Klar ist: Für Minderheiten wie Juden und Muslime ist die europäische Idee von zentraler Bedeutung. Aber auch die Mehrheit braucht Europa.

Nach drei Jahrzehnten Tätigkeit im Umfeld europäischer Institutionen in Brüssel hat man sicherlich eine andere Sicht auf manche Dinge als ein Rentner in Thessaloniki, dem die Bezüge um 30 Prozent gekürzt wurden, oder ein Hartz-IV-Empfänger in Dresden, der sich dagegen wehrt, dass so viel deutsches Geld nach Griechenland fließt.

solidarität Es hilft dem griechischen Rentner wenig, darauf hinzuweisen, dass Deutschland viele Milliarden für die Solidarität mit Griechenland einsetzt. Ebenso wenig, wie es dem deutschen Hartz-IV-Empfänger nützt, wenn darauf hingewiesen wird, dass Griechenland und die anderen EU-Länder wichtige Exportmärkte für die deutsche Wirtschaft sind. Trotzdem ist natürlich beides richtig. Das Einzige, was den beiden wirklich hilft, ist eine wirksame Politik. Die gibt es aber nur, wenn alle Seiten den Willen und die Fähigkeit zum Kompromiss haben. Gerade das scheint einigen leider in jüngster Zeit abhanden gekommen zu sein.

Es ist an der Zeit, dass die Europäer sich endlich auf Kompromisse einigen und diese mittragen. Sonst wird Europas Identitätskrise nur noch schlimmer. Und es ist an der Zeit, dass Europa von seinen Bürgern nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung ihrer Alltagssorgen begriffen wird.

Der Autor ist stellvertretender Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses (WJC) und leitet dessen Brüsseler Europa-Büro.

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