Sicherheit

Einfach mal Danke sagen

Traurige Realität: Jüdische Gemeinden in Deutschland müssen von Polizeibeamten beschützt werden. Foto: imago images/Chris Emil Janßen

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Einfach mal Danke sagen

Ohne Polizeischutz könnten wir Juden unsere Religion hier nicht frei ausüben. Zeit für eine Würdigung

von Leonard Kaminski  19.06.2022 08:39 Uhr

Werner war immer da. Mit liebenswürdiger Berliner Schnauze verteilte er Süßigkeiten. Katjes Jogger Gums, kleine, bunte Turnschuhe. Dass er ganz nebenbei auch bewaffnet war, ist mir als Sechsjährigem gar nicht aufgefallen.

Fast 30 Jahre ist es nun her, dass er uns in der jüdischen Grundschule beschützt hat. Er fiel mir wieder ein, als ich in der vergangenen Woche ein Video sah, auf dem Detlev in Ruhestand ging. Detlev ist der Polizist, der die jüdische Kita bewachte, die meine Nichte und Neffen besuchen. Als er sich verabschiedete, liefen spontan um die 15 Kinder auf ihn zu und umarmten ihn. Er hat geweint.

gefühle Die Gefühle, die dabei aufstiegen, bringen mich durcheinander: Rührung, wie er und die Kinder diese unnormale Situation mit Liebe füllen. Wut, dass jüdische Kinder beschützt werden müssen. Dankbarkeit, dass sie geschützt werden. Und Ernüchterung, dass 30 Jahre nach mir diese Generation noch immer Lieblingspolizisten hat.

Betrachten wir zunächst die Ernüchterung. Als Jude in Deutschland bin ich besonders auf die Arbeit der Polizei angewiesen. Denn ihre ständige Präsenz vor praktisch allen jüdischen Einrichtungen hat gute Gründe, weil es an den verschiedensten Ecken in unserem Land Menschen gibt, die Juden nur für ihr Jüdischsein behelligen, verletzen oder sogar umbringen möchten. Das klingt für die meisten nichtjüdischen Deutschen abstrakt. Aber für uns ist es traurige Realität: Ohne Polizeischutz gäbe es in unserem Land kein jüdisches Leben.

Gerade, weil ich mir dessen sehr bewusst bin, fühle ich mich durch die zahlreichen Polizeiskandale der vergangenen Jahre direkt betroffen: Ungerechtfertigte Gewalt gegen Minderheiten, rechtsextre­me Verbindungen, Nazi-Sympathien in Chatgruppen und laxer Umgang mit antisemitischer und rassistischer Gewalt haben auch bei mir Fragen aufgeworfen.

regeln Kann und will die Polizei die Regeln, die unser freiheitlich-demokratisches Zusammenleben als Gesellschaft ermöglichen – und damit auch jüdisches Leben – durchsetzen und schützen? Können wir Juden in Deutschland uns auf die Polizei verlassen? Das klare »Ja!«, das ich darauf gerne antworten würde, ist mir in der Vergangenheit nicht so schnell über die Lippen gekommen, wie ich es gern hätte.

Dass die Polizei nötig ist, ist eine Schande. Dass wir uns auf sie verlassen können, ist ein Segen.

Auf der anderen Seite sehe ich meinen Alltag mit der Polizei. Ob ich zum Schabbat oder den Hohen Feiertagen in die Synagoge gehe, meine Nichte und Neffen im jüdischen Kindergarten abhole oder die jüdischen Flüchtlinge aus dem ukrainischen Odessa durch meinen Kiez laufen sehe: Sie sind immer da. Beamte, die handfeste Demokratie-Arbeit leisten.

schutzwall Sie beschützen nicht nur ganz konkret jüdische Kinder vor aggressivem Judenhass, sondern vermitteln mit ihrer Anwesenheit ein Gefühl der Wärme, Menschlichkeit und Sicherheit. Die Polizistin vor der Synagoge setzt sich jeden Tag für ein eher durchschnittliches Gehalt einer ständigen Gefahr aus. Sie und ihre Kollegen bilden den Schutzwall, der unserer jüdischen Gemeinschaft trotz der Bedrohung ein einigermaßen normales jüdisches Leben ermöglicht.

Wie bei fast allen Themen zum jüdischen Leben in Deutschland herrscht in meinem Kopf und in meinem Herzen auch zur Polizei also ein Gefühlschaos. Einerseits Enttäuschung und Empörung über Skandale, andererseits Dankbarkeit für den Schutz jüdischen Lebens. Und dann, wenn ich mir bewusst mache, wie unnormal diese Situation ist, kommt wieder diese Wut, dass jüdisches Leben in unserer Gesellschaft von bewaffneten Staatsbeamten geschützt werden muss.

In Deutschland gibt es mehr als 330.000 Polizisten. In einer perfekten Welt wären sie alle Musterdemokraten, und wir hätten durch keinen von ihnen extremistische Gefahr zu befürchten. In Wahrheit ist aber auch die Polizei ein Spiegel unserer Gesellschaft. Das ist eine Gesellschaft, in der Ex­tre­mismus, vor allem – aber nicht nur – jener von ganz rechts, Realität ist.

entschlossenheit Das bedeutet nicht, dass wir Demokratiefeindlichkeit unter Polizisten einfach hinnehmen können. Ganz im Gegenteil, wir müssen sie mit aller Entschlossenheit bekämpfen. Die Arbeit der Polizei zeigt mir gleichzeitig aber auch: Diese Gesellschaft hat im Großen und Ganzen den Willen, uns als Juden in Deutschland zu beschützen vor den Menschen, die unser Dasein nicht tolerieren wollen.

Jüdische Menschen waren 2000 Jahre lang fast immer vogelfrei. Niemand hat sie beschützt.

Dieses Recht, vom Staat geschützt zu werden, wenn ich in Gefahr bin, steht mir als Mensch, ob jüdisch oder nicht, zwar ganz grundsätzlich ohne Frage zu. Aber dass ich dieses Recht habe und es für mich von Polizistinnen und Polizisten durchgesetzt wird, ist in unserer historischen Erfahrung keine Selbstverständlichkeit.

Jüdische Menschen waren 2000 Jahre lang fast immer vogelfrei. Niemand hat sie beschützt. Sie waren ihren Peinigern – oft keine Minderheit, sondern eine Mehrheit – meist hilflos ausgeliefert. Und auch heute noch gibt es weltweit Orte, an denen Jüdinnen und Juden nicht existieren können, weil sich dort niemand die Mühe macht, sie zu verteidigen.

Bei allem existierenden Judenhass, bei aller gesellschaftlichen Ablehnung, bei allen Problemen in der Polizei: Im Deutschland von heute werden wir beschützt. Dafür bin ich dankbar – Werner, Detlev und all den vielen anderen Beamtinnen und Beamten, die vor unseren Einrichtungen stehen.

Der Autor ist Politikberater und lebt in Berlin.

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