Prozess

Eine Lüge und ihre Folgen

Sechs Prozesstage lang hat Gil Ofarim zu den Verleumdungsvorwürfen vor dem Landgericht Leipzig geschwiegen. Er saß still auf der Anklagebank, machte sich Notizen, flüsterte höchstens seinem Verteidiger ins Ohr. Doch dann, an diesem Dienstag, um 11.28 Uhr, beugt sich Ofarim zum Mikrofon vor ihm. Er schaut zum Nebenkläger, Herrn W., dem er vor zwei Jahren in einem viralen Video Antisemitismus vorgeworfen hat. Und sagt nur zwei Sätze, die den Prozess völlig überraschend beenden: »Die Vorwürfe treffen zu. Herr W., ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, es tut mir leid, ich habe das Video gelöscht.«

Zwei Sätze nach zwei Jahren, in denen so viel gesagt wurde, nur nie das Entscheidende. Zwei Jahre voller Anschuldigungen, Lügen, Klagen, Befangenheitsvorwürfen. Voller Schlagzeilen und Blitzlichtern. Zwei Jahre, in denen die Mitarbeiter des Hotels Westin viel ertragen mussten, aber auch die jüdische Gemeinde in Leipzig, die Betenden in der Synagoge direkt gegenüber.

Zwei Sätze – ist damit im Fall Ofarim alles gesagt?

Zwei Sätze – ist damit im Fall Ofarim alles gesagt? Kurz nach dem Geständnis meldet sich auch der Zentralrat der Juden zu Wort: »Gil Ofarim hat all denen, die tatsächlich von Antisemitismus betroffen sind, großen Schaden zugefügt.« Das sehen auch viele in der Leipziger Gemeinde so. »Warum mussten wir das so lange ertragen?«, fragt einer.

Die Frage ist auch analytisch berechtigt: Warum gesteht Gil Ofarim erst jetzt? Nach zwei Jahren, in denen diese vermeintlich kleine Lüge, ein Instagram-Video von wenigen Minuten, einen immer größeren Schatten warf.

Der Nebenkläger Herr W. ist nach wie vor in therapeutischer Behandlung.

Ofarim selbst kann man nicht fragen. Er gibt keine Interviews mehr – nachdem er vor drei Wochen in der Zeitung »Welt« noch einmal darauf beharrte, der Hotelmanager habe ihn aufgefordert, »seinen Stern wegzupacken«. Auch sein Instagram-Profil hat er am Dienstag gelöscht. Ofarim wird wohl eine Weile von der Bildfläche verschwinden. Doch man kann die bereits entstandenen Bilder chronologisch ordnen. Und versuchen zu verstehen, warum sie so hell aufgeflimmert sind. Was dieser Fall über Gil Ofarim verrät, über Deutschland, über Antisemitismus.

Wer war Gil Ofarim vor diesem Skandal? Er wurde manchmal etwas abwertend als C-Promi betitelt. In den Neunzigern verknallten sich Teenager in der »Bravo« in ihn, später tourte er durch Asien, wo er bis heute treue Fans hat. Zurück in Deutschland, schaffte es Ofarim ins Viertelfinale einer Castingshow.

Unter Jüdinnen und Juden ist er noch ein bisschen bekannter, auch, weil es an sich nicht viele offen jüdische Prominente in Deutschland gibt. In einem Land, in dem jüdische Identität oft nur in Verbindung mit Antisemitismus, Schoa oder Nahostkonflikt diskutiert wird, trug Ofarim seine Davidsternkette im bunten Scheinwerferlicht, sie hüpfte zu den Gitarrenriffs auf und ab, sie war sein »Markenzeichen«, wie er selbst sagte.

Viele fanden das mutig, manche kritisierten, Ofarim stelle etwas zur Schau, das ihm gar nicht zustehe. Denn Ofarim ist patrilinear jüdisch, Sohn des berühmten israelischen Sängers Abi Ofarim und einer nichtjüdischen Deutschen. Für Ofarim spielten diese halachischen Kategorien keine Rolle. Auch innerhalb der Community verkörperte er selbstbewusst dieses positive, stolze Jüdischsein, zum Beispiel als Juror bei der Jewrovision.

Lüge über Antisemitismus

Und dann verwickelt sich ebendieser, einer der wenigen offen jüdischen Prominenten, in eine solche Lüge. Eine Lüge über Antisemitismus, den doch so viele – und auch er – tatsächlich erfahren. Fragt man heute unter Leipziger Juden nach Ofarim, hört man Missmut und viel Unverständnis: Ofarim hätte doch wissen müssen, was er anrichtet, als er sich am 4. Oktober 2021 auf die Stufen vor dem Westin Leipzig hockte und die Kamera anmachte.

In dem berühmten Video trägt Ofarim seine Sternkette, wie fast immer. Er schaut gequält in die dunkle Abendluft, rauft sich die langen Haare. Er behauptet, ein Hotelmanager habe ihn gerade am Empfang des Westin aufgefordert, »seinen Stern wegzupacken«, sonst dürfe er nicht einchecken. »Deutschland 2021«, sagt Ofarim am Ende, zynisch, mit Nachdruck. Dann lädt er das Video auf seinem Instagram-Profil hoch. Es geht innerhalb weniger Stunden viral. Millionen Aufrufe.

Noch am Tag der Veröffentlichung versammeln sich empörte Demonstranten vor dem Westin in Leipzig. Und vor der Synagoge stehen plötzlich Journalisten. Sie wollten sofort klare Statements, weitere tragische Opfergeschichten, erinnert sich ein Gemeindemitglied. »Ich hatte das Gefühl, dass sie uns gar nicht richtig zuhören wollten«, sagt der Mann, der hier regelmäßig zum Gebet kommt. Das hinterlässt Spuren. Viele in der Gemeinde scheuen heute die Presse. Auch wenn es wichtig wäre, tatsächlich geschehenen Antisemitismus anzusprechen, meint er.

Er zeigt Screenshots der Chatnachrichten, die sich damals in jüdischen Gruppen zugeschickt werden. Manche zweifeln bereits am ersten Tag an Ofarims Version: Zum Hotel Westin pflegt die Synagoge doch gute Beziehungen, wirft einer ein. Einmal hat die Gemeinde dort sogar Pessach gefeiert, der Koch hat extra die Küche gekaschert. Andere finden, man müsse Ofarim Glauben schenken: Nur weil die Hotelleitung in Ordnung sei, könne ja ein Mitarbeiter Antisemit sein. Es sind weitaus differenziertere Argumente als jene, die man in diesen Tagen in den Medien liest.

Die Schlagzeilen werden immer lauter, einer wird immer stiller

Während die Schlagzeilen immer lauter werden, wird einer immer stiller. Markus W. schilderte vor dem Leipziger Landgericht vor wenigen Wochen zum ersten Mal, wie er als angeblich antisemitischer Hotelmanager »Herr W.« bekannt wurde. Bereits ein paar Stunden nach der Veröffentlichung des Videos habe er eine Morddrohung über seine Geschäftsmail erhalten. Er musste sich eine Zeit lang an einem Ort verstecken, dessen Adresse nicht einmal seine Verwandten kannten, erzählt er. Lange habe er im Westin ohne Namensschild gearbeitet, bevor er das Hotel wechselte. Er werde nervös, wenn es um das Thema gehe, sei nach wie vor in therapeutischer Behandlung. Manchmal könne er nicht schlafen.

Innerhalb weniger Stunden ist die Welle, die Ofarim mit seinem Video losgetreten hat, zu einem Tsunami angewachsen. Er ist der Verantwortliche für den Schaden – aber dass sie sich so hoch auftürmte, liegt auch am spezifisch deutschen Diskursklima, wenn es um Antisemitismus geht. Könnte es sein, dass Ofarim auch deshalb auf seiner Lüge beharrte? Weil sie bald eine solche Eigendynamik entwickelte, als schaue er einer Naturkatastrophe zu?

Es gibt auch eine andere Erklärung für sein Verhalten: Ofarim habe die plötzliche Aufmerksamkeit genossen, sei ein Egoist, der sich keinen Fehler eingestehen könne. Dafür spricht, dass er immer weiter Interviews gab, vor Gericht munkelten die Promi-Journalisten, dass gerade eine Doku über ihn gedreht würde. Vergessen wird dabei meist, dass auch Ofarim selbst bald von der Welle überrollt wurde.

Denn schnell ändert der Tsunami seine Richtung. Zwei Wochen nach dem Video schreibt die »Bild«-Zeitung, die Videoaufnahmen der Überwachungskameras des Hotels legten nahe, dass Ofarim am 4. Oktober 2021 in der Lobby gar keine Kette mit Davidstern getragen habe. Ein halbes Jahr später erhebt auch die Staatsanwaltschaft Leipzig Anklage gegen Ofarim. Nach der Auswertung zahlreicher Zeugenaussagen, und einer eigenen Analyse des Videomaterials, sind sich die Ermittler sicher, dass die Geschichte, die Ofarim erzählt, nicht stimmen kann.

Erst im November 2023 sehen sich Ofarim und Herr W. im Gerichtssaal wieder. Nur wenige Meter trennen die beiden Männer, den Angeklagten und den Nebenkläger, deren Leben zum Albtraum geworden sind. Gil Ofarim hat mit seinem Video nicht nur Herrn W., sondern auch sich selbst enorm geschadet. Er hat seinen Ruf ruiniert, seine Karriere in den Abgrund gestürzt – daran ist er wohl ganz allein schuld. Aber er wird seit dem Vorfall tatsächlich massiv antisemitisch angefeindet, was mit nichts zu rechtfertigen ist.

Ein uraltes antisemitisches Klischee

Wer in den sozialen Medien nach seinem Namen sucht, entdeckt in hundertfacher Variation die Karikatur eines zu seinem eigenen Vorteil lügenden Juden, ein uraltes antisemitisches Klischee. Ofarim wird beleidigt, bedroht, in München zu Boden gerungen. Insgesamt soll es derzeit 36 Strafverfahren geben, in denen er als Geschädigter geführt wird, sagt sein Anwalt. Beim Prozess in Leipzig begleiten ihn stets schwer bewaffnete Polizisten.

Der Fall Ofarim offenbart auch den leisen, unterschwelligen Antisemitismus im Land.

Doch neben diesem lauten, aggressiven Antisemitismus offenbart der Fall Ofarim auch den leisen, unterschwelligen, den man vielleicht eher eine Leugnung von Antisemitismus nennen sollte – was die jüdische Gemeinschaft aber eben auch bedroht, verunsichert. Etwa, als der zunächst ausgewählte Richter noch vor dem Prozess erklärt, dass er sich »in einem hochklassigen Hotel Antisemitismus schwer vorstellen kann«. Im Prozess selbst äußern sich dann zwei Zeuginnen ähnlich. So etwas würde niemals in ihrem Team vorkommen, bekräftigt eine Rezeptionistin. Und auch eine Reisende, die hinter Ofarim in der Schlange am Schalter stand, schließt fast empört aus, dass in der Lobby ein antisemitischer Spruch gefallen sei, obwohl sie auch angibt, nicht jedes Wort mitgehört zu haben.

Antisemitismus ist in Deutschland in jeder Schicht und an jedem gesellschaftlichen Ort möglich. Das betonte der neu eingesetzte Richter zu Anfang des Prozesses. Doch in der Gesellschaft scheinen das nicht alle so zu sehen. Auch die unendlich vielen Worte, die in den vergangenen zwei Jahren zu diesem Fall gesagt wurden, haben daran nichts geändert.

Am Dienstag, dem Tag, als herauskommt, dass Ofarim gelogen hat, gibt es noch eine andere Meldung, die ein wenig untergeht: Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland ist drastisch angestiegen. Im Schnitt gebe es 29 Vorfälle pro Tag, berichtet der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS). Wer aus der Lüge eines Einzelnen irgendwelche antisemitischen Schlüsse über alle Juden ziehen will, wird es trotzdem tun – und hat das wohl schon vor Ofarims Geständnis getan.

Einigung hinter verschlossenen Türen

Es ist trotzdem sehr wichtig, dass Ofarim gestanden hat. Herrn W. werden seine Worte helfen. Er nimmt die Entschuldigung Ofarims im Saal sofort an. Zuvor hatte der Richter hinter verschlossenen Türen eine Einigung ausgelotet. Ofarim zahlt einen Schadensersatz an den Hotel­angestellten. Wie hoch die Summe ist, wird nicht verraten. Aber höher noch ist wohl die Erleichterung darüber, dass vor Gericht bestätigt wurde, dass die zerstörerischen Vorwürfe gegen ihn haltlos sind.

Und die jüdische Gemeinde? Ofarim soll 5000 Euro an die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig spenden. Ist das auch eine Art Schmerzensgeld? Dann wäre es viel zu wenig, sagt ein Gemeindemitglied.

Förmlich ist es eine Geldauflage, gegen die das Strafverfahren eingestellt wird. Es scheint aber noch eine andere Idee dahinterzustecken, weitere 5000 Euro soll Ofarim an den Trägerverein des Hauses der Wannsee-Konferenz überweisen. Die Abschlusserklärung des Richters deutet es an. »Eines bleibt, wie es war«, sagt er, »Antisemitismus ist eine Tatsache, der Kampf dagegen ist eine Aufgabe. Die Sitzung ist geschlossen.«

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