Jubiläum

Ein Stück Deutschland

Einer für bundesweit 106.000 Menschen: Der Zentralrat vertritt die Interessen von mehr als 100 jüdischen Gemeinden. Foto: Marco Limberg, (M) Frank Albinus

Eigene Interessen offensiv zu vertreten, kommt in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft nicht unbeding gut an – anders als in den USA. Dort gilt die Durchsetzung individueller Forderungen oder Überzeugungen als legitim, ja als positives Zeichen starken Engagements. Es gibt zwar auch in Deutschland eine Fülle von Interessengruppen und Lobbyisten. Doch ihr Ansehen in der Öffentlichkeit ist bis auf wenige Ausnahmen eher gering, selbst wenn ihr Einfluss auf Gesetzgebung und Regierungen in Bund und Ländern nicht zu unterschätzen ist.

Grundlage Der Zentralrat der Juden in Deutschland war und ist eine Ausnahme. Sein Ansehen in der Öffentlichkeit und die moralische Wirkung sind deutlich wahrnehmbar – und das seit der Gründung vor genau 60 Jahren. Sein politischer Einfluss allerdings ist in der jüngeren Vergangenheit eher etwas geringer geworden, wobei dies keine negativen Folgen für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hatte. Man denke nur an den Staatsvertrag mit der Bundesregierung, der eine solide Grundlage für erfolgreiche Arbeit bedeutet.

Der Zentralrat befindet sich, ebenso wie die jüdische Gemeinschaft, insgesamt in einer Umbruchphase. Es ist mittlerweile die dritte. In den Aufbaujahren nach der Schoa, der ersten Etappe, hat die Institution vor allem mit moralischem Druck die politischen Voraussetzungen für die sozialen und materiellen Lebensgrundlagen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland schaffen können. Eine besondere Herausforderung war dann die zweite Phase nach der deutschen Wiedervereinigung 1990. Der Zentralrat konnte in oft schwierigen Verhandlungen mit der Bundesregierung die Aufnahme jüdischer Zuwanderer aus Osteuropa politisch durchsetzen und damit dem Judentum in Deutschland eine existenzielle Zukunft geben. Die politische Einflussnahme war in den beiden ersten Umbruchphasen auch deshalb effektiv und ergebnisreich, weil es in innerjüdischen Diskussionen keine vernünftigen Alternativen zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen gab.

Gemeinden Dies ist heute anders. Juden in Deutschland leben in gesicherter Existenz und, wenn sie es wollen, in aktiven Gemeinden unterschiedlicher religiöser Prägungen. Einheit in Vielfalt. Und es gibt keine Anzeichen, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird. Sie fühlen sich, anders als in den Jahrzehnten zuvor, mehrheitlich als integrativer Teil der deutschen Gesellschaft. Außerdem verändern die erheblich gewachsene Zahl der Mitglieder und der Strukturumbruch in den Gemeinden – Stichwort Zuwanderung – die Interessen und Bedürfnisse der in Deutschland lebenden Juden und damit auch die Arbeit des Zentralrats. Die dritte Phase hat längst begonnen.

Für die politische Vertretung des Judentums in Deutschland heißt das: Es braucht mehr denn je die Fähigkeit, jüdisches Leben hierzulande öffentlich sichtbar und hörbar zu machen. Dafür sind eine überall zu vernehmende Stimme und klar definierte Ziele unerlässlich. Insbesondere, wenn es um gesamtgesellschaftliche Herausforderungen und Veränderungen geht. Integration und das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Religionen – das sind Themen, bei denen der Zentralrat durchaus ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat.

Zum Beispiel Islam. Der wachsende Einfluss muslimischer Verbände birgt Chancen für gemeinsame Interessen und Strategien. Allerdings dürfen auch die Gefahren nicht unterschätzt werden, wenn sich Radikalisierungstendenzen gerade bei jungen Muslimen fortsetzen. Hier wird die Wächterfunktion innerhalb des demokratischen Deutschlands, die der Zentralrat mehr oder weniger freiwillig seit Beginn der Bundesrepublik innehat, weiter eine wesentliche Rolle spielen. Nicht immer wird diese Aufgabe leicht zu lösen sein. Man denke nur an das Verhältnis zu Israel. Die heftigen, in weiten Teilen aggressiv und antisemitisch geführten Diskussionen der vergangenen Wochen um die Rolle des jüdischen Staates im Nahen Osten verheißen in dieser Hinsicht schwierige Zeiten. Da bedarf es einer engagierten und mutigen jüdischen Organisation. Einer, die nicht als Schmollende wahrgenommen wird, sondern als eine, die konstruktiv etwas beizutragen hat – und gegebenenfalls Tacheles redet.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Kommunikationsberater und war von 1986 bis 1992 Direktoriumsmitglied sowie Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der Zentralrat der Juden begeht seinen 60. Geburtstag. Am 19. Juli 1950 konstituierte sich die politische Dachorganisation der jüdischen Gemeinden in Frankfurt am Main. Die Delegierten wählten ein vierköpfiges Direktorium und einen Rat aus 15 Gemeindevertretern. Das war die Stimme der Schoa‐Überlebenden, die in den Einheitsgemeinden ihre neue religiöse und soziale Heimat fanden. Heute, 20 Jahre nach dem Beginn der Zuwanderung russischsprachiger Juden, vertritt der Zentralrat die Interessen von etwa 106.000 hierzulande lebenden Juden. Ihm gehören derzeit 108 Gemeinden an. Eine Erfolgsgeschichte, die im Herbst in einer Beilage der Jüdischen Allgemeinen erzählt wird. Sie erscheint kurz nach der diesjährigen Tagung der Ratsversammlung Ende November 2010.

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