Meinung

Ein Mensch, zwei Pässe, viele Optionen

Alexander Hasgall Foto: Amin Akhtar

Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen», heißt es in Bertolt Brechts Flüchtlingsgesprächen (1941). So ein Dokument werde schließlich respektiert, «während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird». Brecht bringt es auf den Punkt: Pässe dienen nicht nur dazu, die Herkunft von Reisenden zu identifizieren, sie bestätigen auch die Zugehörigkeit zu einem konkreten Staatswesen, aus der sich bestimmte Privilegien ableiten. Und über die Zugehörigkeit bestimmt nicht der Mensch selbst, sondern eine übergeordnete Behörde.

zugehörigkeit Aber Menschen können sich in verschiedenen Momenten auf unterschiedliche Gemeinwesen beziehen – oder gleichzeitig unterschiedlichen Gemeinwesen angehören. Ein Staat, der sich dessen bewusst ist, zwingt seine Bürger nicht, alle anderen Wurzeln abzuschneiden und sich für einen Pass zu entscheiden. Er versteht den Pass nicht als Geburtsprivileg, sondern als Ausdruck eines «Du gehörst zu uns», was andere Zugehörigkeiten keinesfalls ausschließt.

Daher ist die Forderung nach der Wiedereinführung einer Optionspflicht, die junge Menschen zwingt, sich für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden, nicht nur integrationspolitisch kontraproduktiv. Das würde zu Identitätskonflikten führen, weil sich die Menschen der Fiktion eines homogenen Nationalbürgers unterwerfen müssten, der so noch nie existiert hat. Angesichts des Umstandes, dass mittlerweile auch deutsche Bürger aufgrund dunkler Hautfarbe zu «Nafris» erklärt werden, braucht es vielmehr Signale, dass das Land Vielfalt auch wirklich aushält.

vorfahren Das wird besonders deutlich, schaut man sich die deutsch-israelischen Doppelpässe an: Israelis, die sich in Deutschland einbürgern lassen, müssen derzeit ihren Pass abgeben. Der Grünen-Politiker Volker Beck fordert zu Recht, dass auch sie, wie auch deutsche Juden, die Israelis werden, beide Pässe haben dürfen – schon wegen der Geschichte. Es ist absurd: Israelis mit den «richtigen» Vorfahren aus Frankfurt können problemlos in Deutschland leben, diejenigen mit einer Familie aus Damaskus oder Casablanca aber nicht. Langfristig soll allen Menschen Mehrstaatlichkeit ermöglicht werden.

Loyalität zu einem Land entsteht nicht dadurch, dass man keinen anderen Pass hat. Vielmehr ist es notwendig, den Wunsch neuer Bürger zu akzeptieren, rechtliche Beziehungen auch zu ihren Herkunftsländern aufrecht zu erhalten.

Der Autor ist Publizist und Historiker in Genf und besitzt einen Schweizer und einen deutschen Pass.

Verhandlungen

Iran pocht auf Freigabe eingefrorener Auslandsvermögen

Die Debatte um blockierte Auslandsvermögen des Iran dominiert zunehmend die Gespräche über ein Abkommen mit den USA. Denn die iranische Wirtschaft steckt in der Krise

 31.05.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Teheran

Irans Machtapparat: Die wichtigsten Köpfe im Überblick

US-Präsident Donald Trump sprach im Zuge des Iran-Kriegs von »neuen und vernünftigeren« Kräften in Teheran. Dafür erntete er Spott. Doch wer sind die neuen (und alten) Entscheider?

von Arne Bänsch  31.05.2026

Washington

Trump ohne Entscheidung – Iran pocht auf eigene Interessen

Ein Durchbruch bei den zähen Verhandlungen zum Iran-Krieg lässt weiter auf sich warten. Teheran widerspricht Trump in drei Punkten

 31.05.2026

Brüssel

Überwachungsbehörde nimmt Europapartei der AfD ins Visier

Verstößt die Europapartei, zu der auch die »Alternative« gehört, gegen Grundwerte der EU? Die zuständige Behörde sieht Hinweise auf problematisches Vorgehen in Mitgliedsparteien. Kommt ein Verfahren?

von Valeria Nickel  29.05.2026

Beirut

Entwaffnung der Hisbollah - ein unmögliches Unterfangen?

Seit mehr als zwei Jahren attackiert die Hisbollah Israel. Die Regierung in Jerusalem will eine Entwaffnung der Terrororganisation. Doch geht das?

 29.05.2026

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Kiel

Mehr als 400 antisemitische Vorfälle im Norden gemeldet

»Die massiven Konsequenzen (...) sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen«, so die Dokumentationsstelle Antisemitismus

 29.05.2026

New York

Streit um Bericht zu sexueller Gewalt: WJC kritisiert UN scharf

Narrative, die Israel pauschal delegitimierten, seien problematisch, so der Jüdische Weltkongress. Die ursprünglichen Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder in den Mittelpunkt rücken

 29.05.2026