Bildung

Die verpasste Chance

Titelblatt: Die Szene in Berlins Oranienburger Straße soll jüdisches Leben widerspiegeln. Foto: bpb

Bildung

Die verpasste Chance

»Informationen« zu jüdischem Leben veraltet

von Carsten Dippel  20.09.2010 18:49 Uhr

Es sei das Anliegen, für jüdisches Leben in Deutschland »zu werben und Vorurteile abzubauen«, sagt Christine Hesse, Redakteurin der neuesten Ausgabe des Themenheftes Informationen zur politischen Bildung, das sich mit dem jüdischen Leben in Deutschland beschäftigt. Bei einer Auflage von 800.000 Exemplaren eine große Chance, vor allem Jugendlichen zu zeigen, dass sich das jüdische Leben hierzulande in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert hat. Dass sich Judentum nicht auf einen Schoaüberlebenden als Zeitzeugen im Geschichtsunterricht, eine Klassenfahrt nach Buchenwald oder Ehrbekundungen der Politprominenz reduzieren lässt.

Doch der Blick auf das neue Heft fällt ernüchternd aus. Von den knapp 70 Text-Seiten entfallen 67 Seiten auf die Vergangenheit. Die drei verbleibenden Seiten beschäftigen sich auch nur ansatzweise mit der aktuellen Situation. Eines von zwei Fotos zeigt ausgerechnet das Berliner Holocaust-Mahnmal. Etliche Zeilen werden auf die verstorbenen Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski, Ignatz Bubis und Paul Spiegel und den Walser-Bubis-Streit von 1998 verwandt. Ein weiterer Vergangenheitsbezug im aktuellen Teil: die in vielen Städten verlegten Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig, die ohne jegliche Erklärung als »umstritten« bezeichnet werden. Wenigstens der Zeitungsausschnitt aus der Zeit vom Februar dieses Jahres geht auf aktuelle Entwicklungen ein.

korrekturen »Wir haben großen Wert darauf gelegt, die Geschichte jüdischen Lebens von den Anfängen bis in die Gegenwart so genau wie möglich nachzuzeichnen«, erklärt Chefredakteur Jürgen Faulenbach. Auch sollten Fehler des Vorgängerheftes behoben werden. Mit Arno Herzig, emeritierter Professor in Hamburg, hat die Redaktion ausgerechnet einen Spezialisten der Frühen Neuzeit für die Texte gewonnen. Profunde Sachkenntnis, eine übersichtliche und ausgewogene Darstellung, all das kann man dem gewissenhaften Projekt nicht absprechen. Auch der Wunsch der Redaktion, jüdische Geschichte nicht als bloße Leidensgeschichte darzustellen, sondern den jüdischen Beitrag zur europäischen Kultur herauszustellen, ist durchaus gelungen.

Nur wird es dem Anspruch, für jüdisches Leben zu werben, gerecht? Hier hätte gerade ein Themenheft ganz andere Wege beschreiten können. Doch selbst das Titelblatt – eine Straßenszene am Berliner Centrum Judaicum – spiegelt kaum jüdisches Leben wider. Immerhin erhebt die Bundeszentrale mit diesem Heft den Anspruch, der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu zeigen: »Ja, ihr gehört zu uns, ihr seid Teil unserer Kultur«. Gleichzeitig, so Hesse, wolle man Nichtjuden auffordern, sich der »jüdischen Kultur zu öffnen«.

Historisiert Doch wie soll das eine so dezidiert historische Darstellung leisten? Warum nicht der Blick in eine Gemeinde? Warum nicht einfach mal ein Porträt eines Studenten vom Rabbinerseminar? Warum finden all die Sorgen und Nöte der Zuwanderer keinen Raum, die Einweihung neuer Synagogen, Kindergärten und Schulen?

Faulenbach räumt Defizite bei der Darstellung jüdischer Geschichte beim Unterrichtsmaterial ein. Hier müsse man nachhelfen. Das Themenheft zum jüdischen Leben in Deutschland tut dies im Gegensatz zu anderen Ausgaben der Reihe, etwa zur Familienpolitik oder zur deutschen Außenpolitik, nicht.

Meinung

Ein Boykott, der auch den Palästinensern schadet

Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf würde gerne die akademische Kooperation mit Israel beenden. Dabei ist interkultureller Austausch nicht zuletzt für die Friedensbemühungen in Nahost essenziell

von Michael Ilyaev  15.04.2026

Hochschule

»Spaltung statt Austausch«

Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fordert den akademischen Boykott Israels. Der jüdische Student Michael Ilyaev erklärt, warum er das für falsch hält

von Joshua Schultheis  15.04.2026

Meinung

Große Worte, leiser Rückzug – und Israel bleibt zurück

Für Israel war US-Präsident Donald Trumps harte Linie gegen Iran eine sicherheitspolitische Rückendeckung. Jetzt, wo Trump rhetorisch abrüstet, entsteht ein strategisches Vakuum

von Roman Haller  15.04.2026

Interview

»Auch Clickbait spielt eine Rolle«

Wie kommt es zu israelfeindlichen und antisemitischen Narrativen in deutschen Medien? Lukas Uwira hat dazu geforscht

von Chris Schinke  15.04.2026

Nahost

Iran droht USA mit Angriffen

Die USA blockieren Schiffe mit Ziel iranischer Häfen. Teheran droht mit Konsequenzen für die fragile Waffenruhe

 15.04.2026

Berlin

Immer mehr Israelis beantragen deutsche Staatsbürgerschaft

Innerhalb weniger Jahre vervierfacht sich die Einbürgerung von Menschen aus dem jüdischen Staat

 15.04.2026

Umfrage

AfD klar stärkste Kraft

Die zumindest in Teilen rechtsextremistische Partei legt erneut zu. Viele Wähler sind unzufrieden mit der Regierung

 15.04.2026

Ramallah

Am Jom Haschoa: Abbas ehrt Verantwortlichen für Terror-Renten

Zu Lebzeiten leitete Qadri Abu Bakr das Gefangenenwesen der Palästinensischen Autonomiebehörde und war damit für das Pay-for-Slay-System verantwortlich

 15.04.2026

Nahost

USA stoppen erste Schiffe nach Beginn der Blockade gegen Iran

Betroffen sind bisher sechs Frachter und Tanker, die aus iranischen Häfen ausgelaufen waren oder sich der Straße von Hormus näherten

 15.04.2026