Justiz

Die Schlacht der Meinungsmacher

Dem Justizwesen der Vereinigten Staaten eilt der Ruf voraus, dass es für Kläger wie Beklagten weniger wichtig ist, die Fakten auf seiner Seite zu wissen, als den richtigen Anwalt. Darauf hofft derzeit wohl kaum jemand so sehr wie Dominique Strauss-Kahn, eben noch Chef des Internationalen Währungsfonds, heute angeklagt wegen versuchter Vergewaltigung eines Zimmermädchens in einem New Yorker Luxushotel.

Was lässt sich also über die Anwälte sagen, die sich im vermutlich weltweit aufsehenerregendsten Prozess dieses Jahres gegenüberstehen? In der New Yorker Justizszene nicht besonders ungewöhnlich, aber dennoch bemerkenswert: Beide sind jüdischer Herkunft.

rapper Strauss-Kahn hat sich einen echten Promi-Anwalt gesichert. Benjamin Brafman holte schon für Persönlichkeiten wie die Rapper Jay-Z und P. Diddy, genauso aber auch für einen Talmud-Schulleiter, der der Geldwäsche für das Cali-Kartell angeklagt worden war, die Kohlen aus dem Feuer. Brafman ist Sohn von Holocaustüberlebenden und bemüht sich, als orthodoxer Jude den Schabbat zu achten, wobei er auf Nachsicht von oben hofft, wenn er freitags von der Arbeit erst kurz nach Sonnenuntergang zu Hause eintrifft: »Ich denke, Gott wird verstehen, wenn ich ein Leben zu retten habe und deshalb fünf Minuten zu spät komme.«

Sein flottes Mundwerk nutzt Brafman nicht nur, um sich selbst vor der höchsten Instanz vom Gesetzesbruch freizusprechen. Auch vor weltlichen Richtern und Geschworenen schätzen Klienten seine eindringliche Überzeugungskraft. In der Jeschiwa soll der Rabbi den ebenso faulen wie geschwätzigen Eleven einmal ermahnt haben, sein Kommunikationstalent sei eine Gabe Gottes, das er besser außerhalb erprobe, um ihn dann von der Schule zu werfen.

rabatt Neben der kunstfertigen Argumentation ist Brafman aber vor allem dafür bekannt, dass er sich nicht zu schade ist, sich die Hände schmutzig zu machen. Nicht nur, dass er am Anfang seiner Karriere zwecks Steigerung des Bekanntheitsgrades sogar einen Mafia-Boss mit Rabatt-Preisen als Klienten warb. Wie kaum ein anderer versteht er es zudem, die Medien konstant mit diskreditierenden Geschichten über die Gegenseite und deren Zeugen zu versorgen, um so ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören.

»Einer der besten Verteidiger überhaupt«, nennen ihn deshalb die einen, als »verleumderisch, hetzerisch, verfälschend« charakterisieren ihn die anderen. Mittlerweile wurde bekannt, dass Brafman eine Privatdetektei angeheuert hat, um die Vergangenheit und Lebensführung des vermeintlichen Opfers Strauss-Kahn auszuleuchten. Das Zimmermädchen kann sich im Gerichtssaal also auf einiges gefasst machen.

afrika Jeffrey J. Shapiro, der Anwalt der Klägerin, arbeitet zurzeit hingegen durch tägliche Fernsehauftritte daran, die öffentliche Meinung auf die Seite seiner Mandantin zu ziehen. Vor den Kameras beschwört er die heldenhafte Biografie der vor der Gewalt aus Afrika geflohenen alleinerziehenden Witwe, die mit harter Arbeit ihren Lebensunterhalt bestritt und durch die in den USA gestatteten Möglichkeiten langsam wieder Hoffnung schöpfte – bis einer der mächtigsten Männer der Welt über sie herfiel.

Shapiro bemüht sich, seine Berichte in größter Erschütterung vorzutragen, was angesichts seiner hölzernen Art nicht so recht gelingen will und eher gequält wirkt. Für ihn ist es der erste Prozess vergleichbarer Tragweite, bisher war er darauf spezialisiert, Schadenersatz für Opfer von Arbeits- und Operationsunfällen herauszuschlagen.

gebärmutter Ambulance Chasers, Krankenwagen-Jäger, nennt man diese Art von Anwälten, die teilweise selbst Patienten zur Klage motivieren, bei denen sie Potenzial für eine möglichst große Kompensation vermuten. Immerhin 22 Millionen Dollar, so wirbt Shapiro mit einer Hitliste seiner besten Ergebnisse auf seiner Homepage, konnte der Anwalt mit der mitfühlenden Gesinnung – sein Motto: »Your help is here« – für eine fälschlicherweise entfernte Gebärmutter erstreiten.

Sowohl Anklage als auch Verteidigung scheinen für die nun beginnende Schlacht also gut gerüstet. Sie dürfte sich noch einige Zeit hinziehen, ihr Ausgang ist ungewiss. Dass Benjamin Brafman und Jeffrey Shapiro zusammen mit Strauss-Kahn am Ende gemein- sam Jom Kippur feiern werden, ist nach Lage der Dinge aber eher unwahrscheinlich.

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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