Justiz

Die Informanten

Foto: dpa

Justiz

Die Informanten

Warum das NPD-Verbot erneut scheitern könnte

von Patrick Gensing  30.03.2015 18:14 Uhr

Sie klingen wie eine Endlosschleife – die Diskussionen um die NPD und die V-Leute. Die Informanten, selbst Neonazis, lassen sich dafür bezahlen, an den von ihnen verhassten Staat Informationen zu verkaufen.

Über den Wert dieser Informationen lässt sich trefflich streiten: Viele Experten meinen beispielsweise, der rechtsterroristische NSU sei nicht trotz, sondern wegen der V-Leute im Unterstützermilieu nicht erkannt worden. Die Informationen, die an den Geheimdienst geliefert würden, seien zum einen unvollständig, zum anderen oft ohnehin frei zugänglich. Zudem würde der Verfassungsschutz die braune Bewegung durch einen Wahrnehmungsfilter sehen – nämlich aus der Sicht der V-Leute.

Netzwerke Bereits das erste NPD-Verbotsverfahren scheiterte, weil der deutsche Inlandsgeheimdienst zahlreiche »Quellen« in der Partei hatte – auch Spitzenfunktionäre kooperierten über Jahre mit dem Verfassungsschutz, nutzten nach eigenen Angaben das Geld des Staates, um ihre Partei aufzubauen. Neonazi-Netzwerke sowie Propaganda, das hat zuletzt auch wieder der NSU-Komplex gezeigt, werden durch das V-Mann-System indirekt durch staatliche Gelder gefördert.

Das neue NPD-Verbotsverfahren könnte aber sogar noch früher scheitern als das erste aus dem Jahr 2003 – nämlich bevor es überhaupt eröffnet wird. Das Bundesverfassungsgericht veröffentlichte in der vergangenen Woche einen Beschluss, wonach die Länder nachweisen müssen, dass das Material in ihrem eingereichten Verbotsantrag tatsächlich ohne das Zutun von V-Leuten zustande gekommen ist, beziehungsweise dass sich keine Aussagen von Quellen selbst zwischen den Belegen finden.

Die Länder behaupten, sie hätten dafür gesorgt, dass die V-Leute rechtzeitig abgeschaltet worden seien und dass die Materialsammlung »quellenfrei« sei. Doch das reicht dem Gericht offenkundig nicht. Die Länder sollen »in geeigneter Form« belegen, auf welche Weise sichergestellt sei, dass nicht nur kein V-Mann-Material in dem Antrag benutzt worden sei, sondern sie müssten auch darstellen, wie viele Quellen wann in der Führungsebene der NPD abgeschaltet worden seien.

Rückschlüsse
Die entscheidende Frage lautet nun: Was bedeutet »in geeigneter Form«? Aus den geforderten Garantien wären sicherlich Rückschlüsse möglich, wer als Spitzel Geld verdient hat.

Daher kann man praktisch die Möglichkeit ausschließen, dass die Länder darlegen werden, welche Quellen wann abgeschaltet wurden. Die Verschleierungstaktik des Geheimdienstes im NSU-Komplex hat bereits gezeigt: Der Verfassungsschutz ist dem Quellenschutz als oberstes Gebot verpflichtet. Daher erscheint es geradezu undenkbar, dass nun entsprechende Dokumente herausgegeben werden, aus denen klar wird, welche Quellen wo platziert waren.

Bis Mitte Mai haben die Länder Zeit, die Forderungen der Verfassungsrichter zu erfüllen. Ob ein Verfahren, bei dem das Gericht bereits im Vorfeld solche Bedenken formuliert, überhaupt Erfolg haben kann, erscheint ohnehin fraglich.

Sorge Auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sieht den Beschluss des Gerichts mit Sorge: »Dass nun die Antragsteller nach akribischer Datensammlung, die eine ganz eindeutig rassistische Grundhaltung und Nähe der NPD zur NS-Ideologie belegt, noch einmal aufgefordert werden, Beweise für den Abzug von V-Leuten zu liefern, ist ein ungewisses Zeichen«.

Dennoch: Das NPD-Verbot sei »schon lange überfällig«, sagte Schuster der Jüdischen Allgemeinen. »Wie passt eine menschenverachtende und verfassungsfeindliche Gruppierung, die in weiten Teilen Gewaltbereitschaft an den Tag legt, denn in eine demokratische Parteienlandschaft? Dies sollte unser aller primäre Sorge sein.« Er hoffe, »dass das politische Flaggschiff der Rechten nun schnell und endgültig in den Abgrund versinkt«.

Daran glaubt der Politikwissenschaftler Martin Dietzsch vom Duisburger Institut für Sprache und Sozialforschung (DISS) nicht. Das Problem sei nicht, der NPD Verfassungswidrigkeit nachzuweisen, sagt Dietzsch. »Wir haben stattdessen ein Geheimdienstproblem«, meint er.

V-Mann Aus dem gescheiterten Verbotsverfahren seien keine Konsequenzen gezogen worden, sondern die Kompetenzen und Aufgabenfelder des Geheimdienstes noch ausgeweitet worden. Für ihn gehe es bei einem NPD-Verbotsverfahren schlicht und einfach darum, den Neonazis – also der NPD und den sogenannten Freien Kameradschaften – den staatlichen Schutz und die staatliche Förderung zu entziehen, sagt Dietzsch. »Und das exzessive V-Mann-Unwesen zählt nicht zur Bekämpfung, sondern zur Förderung des Neonazismus.«

Eine These, die der aktuelle Beschluss der Verfassungsrichter zu belegen scheint: Eine Neonazi-Partei bleibt in Deutschland wohl unverbietbar – dank der Zusammenarbeit zwischen Geheimdienst und rechtsextremen Funktionären.

Straße von Hormus

US-Marine soll jeden Minenleger versenken

Der amerikanische Präsident Donald Trump verschärft seinen Kurs gegen den Iran

 23.04.2026

Berlin

Bundesregierung sieht Chance bei Verhandlungen zwischen USA und Iran

Kehren die Washington und Teheran zurück an den Verhandlungstisch? Die Bundesregierung sieht in Verhandlungen eine Chance für den Frieden

 23.04.2026

Parteien

Streit um Israel: Linke auf der Sandbank?

Die Linke ringt weiter über ihre Haltung zu Israel und zum Nahostkonflikt. Der Parteivorstand will mit einem Leitantrag für den Parteitag in Postdam im Juni den Streit befrieden. Doch auch eine Personalie sorgt für Diskussionen

von Michael Thaidigsmann  23.04.2026

Zukünftige Führung

Schah-Sohn Reza Pahlavi wirbt in Berlin für härteren Kurs gegen Mullahs

Reza Pahlavi sieht keine Reformer in der iranischen Führung und wirbt für einen politischen Wandel. Vor seinem Auftritt wurde er mit Tomaten beworfen

 23.04.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Arlington (Virginia)

Pentagon warnt: Räumung von Minen in Straße von Hormus könnte ein halbes Jahr dauern

Der Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus wird darüber informiert, dass Teheran mindestens 20 Minen in und um der wichtigen Meerenge platziert haben soll

 23.04.2026

China

Viraler Judenhass in China

Im Zuge des Iran-Kriegs nimmt der Antisemitismus im Diskurs der asiatischen Großmacht dramatisch zu. Eine Analyse

von Sven Benentreu  23.04.2026

Magdeburg

Landtag setzt mit Staatsvertrag Zeichen gegen Antisemitismus

Am 12. Dezember 2025 hatten das Land und die jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt den geänderten Staatsvertrag unterzeichnet. Am Mittwochabend hat der Landtag den Vertrag beschlossen

 23.04.2026

Houston

Jüdisches Gemeindezentrum nach Drohungen geschlossen

Betroffen ist auch die Shlenker School, eine zur Gemeinde gehörende Gesamtschule. Das FBI und die Polizei ermitteln

 23.04.2026