Porträt

»Die Geschichte kennt kein Ausruhen«

Beate Klarsfeld in ihrem Büro Foto: dpa

»War das die Klarsfeld?« – so lautete die erste Frage von Kurt Georg Kiesinger. Der Bundeskanzler war bei einem CDU-Parteitag in Berlin von der damals 29 Jahre alten Beate Klarsfeld geohrfeigt worden. Die Deutsch-Französin wollte 1968 mit der spektakulären Aktion gegen Kiesingers Vergangenheit als Nazipropagandist protestieren. »Mein Anliegen war, dass er zurücktreten musste«, erzählt Klarsfeld mehr als 50 Jahre später. Dieses Ziel erreichte sie nicht: Kiesinger regierte bis 1969 und wurde dann vom SPD-Politiker Willy Brandt abgelöst.

Klarsfeld wurde direkt nach dem Kanzler-Angriff, der sie weltberühmt machte, von der West-Berliner Justiz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt – musste die Strafe aber nicht verbüßen. Die als »Nazi-Jägerin« bekannte und vielfach ausgezeichnete Klarsfeld feiert heute im Kreis der Familie ihren 80. Geburtstag.

klaus barbie Gemeinsam mit ihrem französischen Mann Serge machte sich die gebürtige Berlinerin das Aufdecken ungeahndeter Nazi-Verbrechen zur Lebensaufgabe. Klaus Barbie war dabei wohl ihr aufsehenerregendster Fall. Der einstige Gestapo-Chef und »Schlächter von Lyon« war geflohen und lebte unter dem Decknamen Klaus Altmann in Bolivien. Dort spürten ihn die Klarsfelds auf.

Der Fall Barbie beschäftigte Beate Klarsfeld 16 Jahre lang, von 1971 bis 1987: »Wir mussten etwas tun«, resümiert die zierliche und resolute Frau.

Nachdem die Diktatur in dem südamerikanischen Land gefallen war, wurde Barbie 1983 nach Französisch-Guayana ausgewiesen und kam dann nach Frankreich. Ein Gericht verurteilte Barbie vier Jahre später wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Fall Barbie beschäftigte Beate Klarsfeld 16 Jahre lang, von 1971 bis 1987: »Wir mussten etwas tun«, resümiert die zierliche und resolute Frau im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Was war ihre wichtigste Aktion? »Der Kölner Prozess«, antwortet Klarsfeld ohne langes Zögern. 1980 befand ein Gericht die Nazis Kurt Lischka, Herbert Hagen und Ernst Heinrichsohn der Beihilfe zum Mord an französischen Juden für schuldig. »Die meisten NS-Verbrecher lebten in Deutschland – unter ihrem eigenen Namen«, bilanziert Klarsfeld trocken.

archive »Der Hartnäckigkeit des Moralisten Serge Klarsfeld aus Paris und seiner Frau Beate war es zu verdanken, dass die Taten von Lischka und Kumpanen überhaupt wahrgenommen wurden«, schrieb damals der »Spiegel«. »Was irgendwo noch in Archiven über die Gräueltaten der Deutschen greifbar war, die Klarsfeld(s) gruben es aus.«

Andere Aktionen führten Beate Klarsfeld nach Syrien oder nach Chile. Was gab der zweifachen Mutter die Energie für ihr Engagement? »Wir hatten immer ein gutes Familienleben«, antwortet sie lächelnd. Ihren künftigen Mann lernte sie als damaliges Au-Pair-Mädchen 1960 auf einem Pariser Métro-Bahnsteig kennen. »Serges Vater war in Nizza festgenommen und nach Auschwitz deportiert worden«, erzählt sie. Über Jahrzehnte hinweg arbeiteten sie und Serge eng zusammen. In einem Interview beschrieb der 83 Jahre alte Anwalt die Rollenverteilung in dem ungewöhnlichen Paar: »Sie handelt als protestantische Deutsche, ich als französischer Jude.«

2012 wurde Beate Klarsfeld im wiedervereinten Deutschland von der Partei Die Linke gegen Joachim Gauck als Bundespräsidenten-Kandidatin aufgestellt.

2012 wurde Beate Klarsfeld im wiedervereinten Deutschland von der Partei Die Linke gegen Joachim Gauck als Bundespräsidenten-Kandidatin aufgestellt. Es war eine weitgehend symbolische Nominierung – Gauck erhielt bei der Bundesversammlung die ganz überwiegende Zahl der Stimmen.

kritik Wegen früherer DDR-Kontakte geriet Klarsfeld damals in die Kritik. Sie räumt in ihren Erinnerungen freimütig Zahlungen und Privilegien wie Flugtickets oder Sommerurlaube ein. Sie habe sich aber niemals von irgendjemand instrumentalisieren lassen. Reichlich distanzlos wirkt allerdings die Schilderung der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der DDR 1969: »Walter Ulbricht drückte mir herzlich die Hand. Die Aufmerksamkeit, die dieser Mann, der das kommunistische Deutschland verkörperte, mir entgegenbrachte, verdankte ich meiner Kompromisslosigkeit.«

Das Ehepaar Klarsfeld bekam am 20. Juli 2015 – dem Jahrestag des Attentats gegen Adolf Hitler – in der französischen Hauptstadt das Bundesverdienstkreuz verliehen. »Die Deutschen werden dich würdigen, aber erst, wenn du alt bist«, hatte Serge seiner Frau schon unmittelbar nach der legendären Kiesinger-Ohrfeige prophezeit. Die unbeugsame Frau nimmt bis heute kein Blatt vor den Mund, warnt vor Rechtsextremismus und Antisemitismus in Europa. »Die Geschichte kennt kein Ausruhen«, lautet ein Motto von ihr.

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