Israel

Die Apartheid-Lüge

»Apartheid«, im Ernst?! Israel ist der einzige demokratische Staat in Nahost – arabische Israelis sind Bürger wie alle anderen auch. Foto: Flash 90

Die Menschenrechtsorganisation »Amnesty International« wirft Israel in ihrem aktuellen Bericht vor, ein Apartheidstaat zu sein, der über die palästinensische Bevölkerung in der Region herrsche, sie ebenso systematisch wie grausam unterdrücke und massenhaft »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« verübe. Mit dieser Kritik reihen sich die eigentlich sonst so seriösen Aktivisten in die Riege einer sehr langen radikal-linken Tradition des israelbezogenen Antisemitismus ein.

Eine zentrale Rolle für den immer wieder aufkeimenden linken Judenhass spielt die Niederlage der arabischen Staaten im Sechstagekrieg. Bis Juni 1967 solidarisierten sich noch viele Teile der linken Bewegungen mit dem Staat der Schoa-Überlebenden, der sich nach seiner Unabhängigkeit 1948 und der Suezkrise von 1956 nun zum dritten Mal gegen seine Anrainerstaaten existenziell zu verteidigen suchte.

stimmung Doch als Israel zum Präventivschlag gegen Jordanien, Syrien und Ägypten ausholte und anschließend die Kontrolle über die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, Ost-Jerusalem, das Westjordanland und die Golanhöhen erlangte, kippte die Stimmung unter den Unterstützern der politischen Linken.

Israels Wehrhaftigkeit zerrüttete das Weltbild und die Wahrnehmung des Staats, der in den Augen einiger linkspolitischer Bewegungen zu einer westlichen Besatzungsmacht wurde.

Israels Wehrhaftigkeit zerrüttete das Weltbild und die Wahrnehmung des Staats, der in den Augen einiger linkspolitischer Bewegungen innerhalb von sechs Tagen zu einer westlichen Besatzungsmacht und zum »Brückenkopf« des US-amerikanischen Imperialismus in Nahost wurde. Mit der Eroberung der arabischen Gebiete wurde auch zunehmend das Existenzrecht Israels infrage gestellt – und vermehrt einseitig Partei für die Palästinenser ergriffen.

Die sich anbahnende linke antizionistische Wende und die einhergehenden Sympathien für Palästinenser sorgten in Westdeutschland – und in Europa generell – dafür, dass linke Studentenbewegungen und politisch aktive palästinensische Studentengruppen, die später einige Funktionäre der antisemitischen Terrororganisation Fatah und ihrer Dachorganisation PLO hervorbrachten, zum gemeinsamen Kampf gegen den sogenannten israelischen Imperialismus mobilisierten.

universitäten Die Verbindung zum Verständnis der palästinensischen Diaspora entstand jedoch nicht zufällig, sondern wurde zuvor durch politischen Aktivismus von palästinensischen Initiativen an westdeutschen Universitäten über Jahre hinweg akribisch erarbeitet.

Gesagt wird »Israel« oder »Zionist«. Gemeint sind aber weiterhin »die Juden«.

Palästinensische Akademiker veranstalteten Themenabende zum Nahostkonflikt für Studenten, streuten antizionistische und antisemitische Texte des ägyptischen Informationsamtes, gründeten schließlich eigene Printmedien mit Übersetzungen von arabischen Propagandaartikeln, organisierten Anti-Israel-Demonstrationen und vernetzten sich bundesweit mit anderen Organisationen.

Während ihrer Aktivitäten übernahmen sie auch anti-imperialistische Narrative und Vietnam-Slogans der Ostermärsche von 1968, die in palästinensische Pendants umgedichtet wurden, um bewusst einen globalen Zusammenhang mit ausgebeuteten Völkern der Dritten Welt akademisch entstehen zu lassen. Sie selbst wurden dabei regelmäßig aus dem Ursprungsland daran erinnert, dass die »palästinensische Sache« stets oberste Priorität haben müsse.

agenda In den USA lassen sich während der 60er- und 70er-Jahre ebenfalls ähnliche aktivistische Phänomene von radikal-linken arabischen Organisationen rekonstruieren. Als Reaktion auf die beiden Niederlagen der arabischen Staaten gründeten Palästinenser die Arbeitnehmervertretung Arab Workers Caucus (AWC) und die akademische Bildungsorganisation Association of Arab American University Graduates (AAUG), die eine antizionistische Agenda verfolgten.

Das prominenteste Mitglied und Vizepräsident der AAUG war der von antizionistischen Akademikern der postmodernen Theorie viel zitierte Orientalismus-Kritiker Edward W. Said. Bereits im Jahr 1973, rund 30 Jahre vor der antisemitischen BDS-Bewegung, rief der AWC zur vermutlich ersten Desinvestitions-Kampagne von israelischen Anleihen auf.

Auch heute noch betreiben antisemitische Akteure, im Kollektiv mit linken Bildungs- und Menschenrechtsorganisationen, einen camouflierten Judenhass.

In der Debatte rund um den arabisch-israelischen Konflikt oder den aktuellen Amnesty-Bericht lassen sich ähnliche antijüdische Mechanismen beobachten, wie sie zuvor in Teilen der linken Studentenbewegungen griffen. Während der 60er-Jahre wurde manipulativ der Vergleich zwischen Palästinensern und Vietnamesen hergestellt, heute ist ihre Situation wie die der unterdrückten schwarzen Bevölkerung im ehemaligen Apartheid-Regime Südafrika, und morgen wird vermutlich die Parallele zur muslimischen Minderheit der Uiguren erzeugt, die von China in Zwangslager deportiert werden.

Auch heute noch betreiben antisemitische Akteure, im Kollektiv mit linken Bildungs- und Menschenrechtsorganisationen, einen camouflierten Judenhass und wecken dabei gezielt das Bedürfnis von Dritten, die Verbrechen der eigenen Großeltern aufzuarbeiten und »die Geschichte sich nicht wiederholen zu lassen«. Dass in dem Konstrukt Opfer zu Tätern gemacht und judenfeindliche Verschwörungstheorien neu tradiert werden, erscheint für viele im Zuge des eigenen Entlastungsbedürfnisses und der Schuldabwehr fatalerweise völlig rational.

Der Autor ist Islamwissenschaftler in Berlin und forscht zu den Themen Antisemitismus sowie Islamismus.

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