Interview

»Deutschlands Vorbildrolle steht radikal infrage«

Gedenkstättenleiter Oliver von Wrochem vor dem ehemaligen KZ Neuengamme in Hamburg Foto: Natalia Kataeva

Interview

»Deutschlands Vorbildrolle steht radikal infrage«

Oliver von Wrochem über 80 Jahre Kriegsende, eine stärker werdende AfD und NS-Gedenkstätten als gesellschaftspolitische Akteure

von Sebastian Beer  02.05.2025 14:00 Uhr

Herr von Wrochem, der 80. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager steht bevor. Wie blicken Sie als Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme auf diesen Tag?
Ich bin etwas aufgeregt, denn wir erwarten zahlreiche Gäste zu unseren Gedenkveranstaltungen – darunter viele Nachkommen von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung. Gleichzeitig geht die Zeit zu Ende, in der Überlebende selbst als moralische Instanzen präsent waren. Lange haben sie entscheidend dazu beigetragen, die Erinnerung an die NS-Verbrechen fest in unserer politischen Kultur zu verankern.

Der Jahrestag fällt zudem in eine auf politischer Ebene angespannte Zeit.
In der Tat reisen dieses Jahr viele unserer Gäste mit großer Sorge an. Sie beobachten einen zunehmend verbreiteten Antisemitismus – insbesondere seit dem 7. Oktober – sowie das Erstarken rechter, autoritärer Bewegungen, nicht nur in Deutschland. Auch Angehörige aus Frankreich, Belgien oder den Niederlanden berichten von vergleichbaren Tendenzen. Helga Melmed, voraussichtlich die einzige Überlebende des KZ Neuengamme, die wir zum Jahrestag erwarten, äußert große Besorgnis über die Entwicklungen in ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten. In Deutschland wiederum ist die Erinnerung an die NS-Zeit für viele Menschen zwar noch immer von großer Bedeutung, doch der gesellschaftliche Kontext verändert sich. Wir befinden uns in einer neuen, beunruhigenden Lage.

»Gedenkstätten verfügen über Wissen darüber, wie autoritäre Regime entstehen können.«

Welche Auswirkungen hat das auf die Erinnerungskultur in Deutschland?
Die letzten vier Jahrzehnte bestand weitgehend ein politischer Konsens, dass die Erinnerung an die Schoa und die NS-Verbrechen ein zentrales Fundament unserer Demokratie bildet. Das wird zunehmend angezweifelt. Deutschland wurde lange eine Vorbildrolle bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus zugeschrieben – jetzt steht sie radikal infrage.

Auch Angriffe auf Gedenkstätten nehmen zu. Wie erleben Sie das konkret?
Seit der Corona-Pandemie beobachten wir ein großes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen – und Gedenkstätten werden oft als solche wahrgenommen. Das äußert sich auf unterschiedliche Weise: durch Holocaust-Leugnung, Relativierung, Diffamierung in sozialen Medien. Nach dem 7. Oktober hat sich diese Tendenz noch einmal verstärkt. Jüdische Einrichtungen sind unmittelbar stärker betroffen, aber auch wir spüren diese Entwicklung.

Was bedeuten diese Entwicklungen für die Arbeit von Gedenkstätten?
Gedenkstätten sind nicht nur Orte des Erinnerns, sondern auch gesellschaftspolitische Akteure. Sie verfügen über ein vertieftes historisches Wissen darüber, wie Demokratien scheitern und autoritäre Regime entstehen können. Anfang des Jahres haben wir in Reaktion auf die Wahlen des letzten Jahres gemeinsam mit anderen Einrichtungen die Kampagne #GeradeJetzt ins Leben gerufen. Ziel ist es, unsere Anliegen – etwa die Erinnerung an die Opfer der Schoa, aber auch die daraus resultierende Verantwortung für das eigene Handeln – noch stärker in die Gesellschaft zu tragen.

Lesen Sie auch

Sie selbst sind zuletzt auf Großdemons­trationen aufgetreten. Warum?
Unsere Arbeit erreicht meist nur bestimmte Personengruppen. Doch das reicht nicht. Die gesellschaftliche Polarisierung nimmt zu – deshalb ist es entscheidend, dass wir unsere Expertise auch darüber hinaus einbringen. Ereignisse wie das sogenannte Geheimtreffen in Potsdam oder die gemeinsame Abstimmung der Unionsparteien mit der AfD im Bundestag kann man nicht einfach so hinnehmen.

Sie haben die AfD angesprochen. Welche Rolle spielt die Partei in Ihrer Arbeit?
In Hamburg war die AfD bislang vergleichsweise unauffällig – zumindest, was direkte Angriffe auf unsere Arbeit betrifft. Bisher wendeten sich ihre Angriffe stärker gegen die Aufarbeitung des kolonialen Erbes oder gegen gesellschaftliche Vielfalt. Allerdings stellte die Partei vergangenes Jahr im Rahmen unserer Ausstellung zur rechten Gewalt in Hamburg nach 1945 Anfragen, die bestimmte Erkenntnisse anzweifelten. Zudem ist es bemerkenswert, wenn AfD-Bürgerschaftsabgeordnete wie Alexander Wolf in Bezug auf die NS-Zeit vom »Schuldkult« sprechen. Das kannte man bisher vor allem von ostdeutschen Landesverbänden.

»Es reicht nicht mehr aus, dass Menschen zu uns kommen – wir müssen zu ihnen gehen.«

Bei der Bundestagswahl und der Bürgerschaftswahl erzielte die AfD in Neuengamme, also in unmittelbarer Umgebung Ihrer Gedenkstätte, deutlich zweistellige Ergebnisse.
Das ist für mich schwer zu erklären. Doch ich schließe daraus, dass wir noch stärker in die Nachbarschaft hineinwirken und unserer Rolle als gesellschaftspolitischer Akteur gerecht werden müssen. Als Stiftung wollen wir den direkten Kontakt stärker suchen, etwa zu Seniorengruppen oder der Freiwilligen Feuerwehr. Es reicht nicht mehr aus, dass Menschen zu uns kommen – wir müssen zu ihnen gehen. Zudem wollen wir lokale Initiativen aktiv in unsere Arbeit einbinden, beispielsweise rund um die Gedenkfeierlichkeiten.

Angesichts der AfD-Erfolge ziehen viele Parallelen zur NS-Zeit. Halten Sie solche Vergleiche für gerechtfertigt?
Zwar weist die AfD eindeutig geschichtsrevisionistische Elemente auf, doch das ist nicht ihr zentrales ideologisches Fundament. Entscheidender ist das tief verwurzelte antidemokratische und autoritäre Denken in der Partei. In diesem Punkt sehe ich Parallelen zur Weimarer Republik. Auch der Antisemitismus ist vorhanden – allerdings weniger als verbindendes ideologisches Element, wie es damals der Fall gewesen ist. Dennoch sollte man sich keine Illusionen machen: Wenn eine Partei wie die AfD erst einmal an der Macht ist, können sich antidemokratische, antisemitische und autoritäre Dynamiken schnell radikalisieren.

Mit dem Historiker und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland sprach Sebastian Beer.

Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus

Neue Umfrage: Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen drei Parteien

Welche Parteien verlieren? Welche haben die besten Chancen auf das Rote Rathaus?

 31.08.2026

Magdeburg

Wie gefährlich wird die Wahl für die Bundesregierung?

Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat das Potenzial, auch die Regierungsparteien in Berlin in Turbulenzen zu bringen. Für deren Vorsitzende könnte es ungemütlich werden

von Michael Fischer, Theresa Münch  31.08.2026

Religion

Islam-Forscher Khorchide: Muslime müssen jüdisches Leben schützen

Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide fordert Muslime auf, jüdisches Leben aktiv zu schützen. Eine projüdische Haltung gehöre fundamental zum islamischen Glauben, weil die Wurzeln des Islam im Judentum lägen

 31.08.2026

Debatte

Börsenverein des Deutschen Buchhandels hält an Jurorin El Hissy fest

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels weist Vorwürfe gegen die Jurorin Maha El Hissy zurück. Hintergrund ist eine Essayserie der Autorin, wegen der ihr die Verbreitung israelfeindlicher Stereotype vorgeworfen wurde

 31.08.2026

Vakanz

Felix Klein: Nachbesetzung von Antisemitismusbeauftragtem eilt

Der langjährige Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, wechselt zum September nach Paris. Bislang ist seine Nachfolge immer noch nicht geklärt. Jetzt ruft er die Regierung zur Eile auf

von Anna Mertens  31.08.2026

USA

Verlängerung von Iran-Einsatz untragbar? Pentagon dementiert

Laut einem Medienbericht haben sich hochrangige Militärs besorgt über eine mögliche Verlängerung von Angriffen gegen den Iran geäußert

 31.08.2026

Berlin

»Death to the IDF«: Linke Spitzenkandidatin zeigt sich »entsetzt«, nicht alle nehmen ihr dies ab

Offener Judenhass und Terroraufruf bei Wahlkampfveranstaltung: Bei der Partei »Die Linke« führt der jüngste Skandal zu einer Diskussion über Judenhass und Reaktionen darauf

 31.08.2026

Berlin

Kultursenator warnt vor »falscher Toleranz« gegenüber Antisemitismus

»Wer jüdisches Leben bedroht, greift unsere Stadt an«, sagt der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers

 31.08.2026

NS-Raubkunst

Foto von 1933 klärt Raubkunst-Verdacht in Nationalmuseum

Ein fast 100 Jahre altes Foto aus der Villa eines prominenten Berliner Bankiers spielte in München gerade eine wichtige Rolle. Es half, ein Verbrechen der Nationalsozialisten wiedergutzumachen

 31.08.2026