Nahost

Der Zuhörer

Unter Kollegen: Peres (r.) und Wulff Foto: dpa

Der besondere Moment verdankt sich manchmal einem wohlmeinenden Rat. Bei Christian Wulffs erster Israel‐Reise als neuer Bundespräsident dauert dieser Moment gute 15 Minuten und hat hohe Symbolkraft, auch wenn das deutsche Staatsoberhaupt diese Zeit in einem weißen Plastikzelt mitten in Jerusalem verbringt. Wäre nicht David Grossman gewesen, Wulff säße wohl kaum an diesem Montagabend eine Viertelstunde lang auf einem kleinen Kunststoffstuhl. Doch der israelische Schriftsteller hat ihm am Morgen bei einem Frühstück den Tipp gegeben, ein Zeichen zu setzen: mit einem spontanen Besuch bei den Eltern des von der Hamas verschleppten Soldaten Gilad Schalit. Und Wulff ändert sein Programm.

Um 17.30 Uhr steigt der Bundespräsident aus seinem Wagen. Ein paar schnelle Schritte, schon steht er im Zelt und schüttelt den Schalits die Hand. Hätte der Staatschef mehr Zeit, sich umzuschauen, ihm fiele auf, an was für einem seltsamen Ort er gelandet ist. Junge Mädchen fotografieren sich gegenseitig. Alle tragen weiße T‐Shirts mit einem aufgedruckten blauen Gesicht – dem von Gilad. Einige der Schülerinnen haben ein neongelbes Band ums Handgelenk gebunden, auch das ein Symbol der Solidarität mit dem Entführten.

Bereits seit 1.618 Tagen wird der Soldat an einem unbekannten Ort von der Hamas gefangen gehalten, ohne dass jemand zu ihm darf. Ein klarer Verstoß gegen alle humanitären Grundsätze. 1.618, überall ist diese Zahl zu lesen: am Zelt, auf einem Plakat und an einer Häuserwand. Da wirkt das kleine Schild mit der Aufschrift »Gilad is still alive« fast trotzig. Keiner mag die Hoffnung aufgeben. Weder die Eltern noch die Mehrheit der Israelis. Der junge Mann muss freigelassen werden. Das wollen alle, auch Wulff. Es sei für ihn ein »Akt der Mitmenschlichkeit«, hierher zu kommen.

Vergangenheit Im Zelt macht der deutsche Staatschef das, was er am liebsten in Israel tut: zuhören. So erfährt Wulff aus erster Hand über das Schicksal eines mittlerweile 24‐Jährigen, der zum Spielball von politischen Interessen geworden ist. Und das will Vater Noam Schalit nicht hinnehmen. Deshalb steht sein Zelt als Zeichen des Protests seit einigen Monaten unmittelbar an der Mauer der Residenz von Israels Premier Benjamin Netanjahu. Gilad soll nicht vergessen werden und Jerusalem nichts unversucht lassen, ihn nach Hause zu holen. Herr Bundespräsident, willkommen in der komplizierten Gegenwart des jüdischen Staates! Sie allein reichte schon aus, um den Israel‐Besuch eines deutschen Politikers mit dem Etikett »schwierig« zu versehen.

Aber da ist noch die Vergangenheit. Und die braucht Zeit, viel Zeit. Wulff nimmt sie sich. Er trifft alte deutsche Juden, redet mit Holocaust‐Überlebenden und geht nach Yad Vashem. Fast zwei Stunden hat der 51‐Jährige für seinen Besuch der Schoa‐Gedenkstätte eingeplant. Wenn man seinen dicht gedrängten Terminkalender vor Augen hat, ist das nicht eben wenig. Doch die Nazivergangenheit reicht nun mal bis in die Gegenwart und darüber hinaus.

Also läuft Wulff, schlagzeilenträchtig begleitet von seiner 17 Jahre alten Tochter Annalena, durch die Ausstellung, die den Völkermord an den europäischen Juden dokumentiert. Wieder hört der nach dem Krieg Geborene aufmerksam zu. Schließlich geht es um Erinnerung und Verantwortung, wie er immer wieder während seiner Reise betont. Auch in Yad Vashem. Ein »unfassbares Verbrechen« sei die Schoa gewesen, schreibt er ins Gästebuch. Und dass sich daraus für Deutschland zwingend ableitet, Israels Sicherheit zu gewährleisten.

Dann, fast am Ende seines Rundgangs, steht der Bundespräsident in der Halle der Erinnerung. Ein bedrückender Raum. In der Mitte eine Flamme, in den Boden eingelassen die Namen der großen Vernichtungslager. Hier kurz zu verweilen, ist politisches Pflichtprogramm. Doch Wulff will an diesem Ort ein Bekenntnis ablegen: Die schreckliche Geschichte und die Last der Verantwortung, sie werden ein deutsches Anliegen bleiben. Deshalb steht am Sonntagvormittag Tochter Annalena rechts neben ihm. Deshalb wird er in Israel nicht nur von einer Wirtschaftsdelegation begleitet, sondern auch von einer Jugendgruppe. Die Botschaft lautet: Seht her, die kommenden Generationen werden die Erinnerung an die Grauen der Nazizeit wachhalten.

Gegenwart Ob diese Breitseite Symbolik allerdings im jüdischen Staat von mehr als einer Handvoll Politiker zur Kenntnis genommen wird, ist eine ganz andere Frage. Am Montag beschäftigt zumindest die Medien vorrangig etwas sehr Gegenwärtiges: die Enthüllungen auf der Internetplattform Wikileaks. Die Macht der Vergangenheit stößt an Grenzen, wenn die Zukunft auf dem Spiel steht. Und der Nahostkonflikt stellt nun mal fast täglich die Frage nach dem Morgen. Aber was kann der »ehrliche Makler« Deutschland tun, um positiv auf den Friedensprozess Einfluss zu nehmen?

Wulff gibt sich in seinen Gesprächen mit Präsident Peres, Ministerpräsident Netanjahu und Oppositionsführerin Livni zurückhaltend, fast übervorsichtig. Kritisches in Richtung israelische Regierung ist so gut wie gar nicht zu vernehmen. Gaza, Siedlungen – diese Worte gehen dem Niedersachsen in der Öffentlichkeit nur schwer über die Lippen. Bloß nichts falsch machen, scheint die Devise seiner vier Tage im Heiligen Land zu lauten.

Doch gerade am Ende von Wulffs Reise, beim Besuch der Palästinensergebiete, wird die ganze Komplexität des Nahostkonflikts offenkundig. Am Checkpoint »Rachels Grab« muss die deutsche Delegation aus protokollarischen Gründen die Fahrzeuge wechseln. Erst dann geht es für Wulff weiter nach Bethlehem. Ein Besuch des gläubigen Christen in der Geburtskirche, ein Gang durch die Altstadt. Die Straßen, die Läden, alles wirkt proper. Die Leute freuen sich über den hohen Besuch. Aufmerksamkeit ist eben alles.

Schließlich geht es um einen eigenen Staat. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ist die Genugtuung über das Treffen mit dem Bundespräsidenten anzumerken. Mit militärischen Ehren wird der Gast in der schmucken Residenz empfangen. Dazu gibt es lobende Worte für den »großen Unterstützer« der Autonomiebehörde. Und draußen im Foyer lächelt Jassir Arafat großflächig von der Wand. Das passt zur Ge‐ sprächsatmosphäre. Freundlich, ja freundschaftlich geht es zu. Doch das heißt noch lange nicht, dass Abbas neue Signale in Richtung Jerusalem sendet, die Hoffnung verbreiten könnten.

Die kommen an diesem Dienstag aus einer ganz anderen Richtung. Wenige Kilometer vom Palast des Palästinenserpräsidenten werden Mädchen und Jungen, Muslime und Christen, gemeinsam unterrichtet. Talitha Kumi heißt diese besondere lutherische Bildungseinrichtung. 800 Schüler werden hier betreut. Und alle klatschen, als der »liebe Herr Bundespräsident« sie besuchen kommt.

Zukunft Erziehung zu Frieden und Toleranz, darum geht es in Talitha Kumi. Das macht die auf einem Hügel gelegene Schule zu etwas Besonderem: einer kleinen Insel des Glücks. »Die Gedanken sind frei« singt der Chor zur Begrüßung. Das klingt nach Zuversicht und Zukunft. Vielleicht sind diese Kinder und Jugendlichen auf dem richtigen Weg in Richtung Frieden. So fern dieser den meisten auch scheinen mag.

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