Interview

»Den Iran zur Rede stellen«

Peter Neumann Foto: Laurence Chaperon

Herr Neumann, nach dem versuchten Anschlag auf die Synagoge Bochum 2022 ist der deutsch-iranische Täter kürzlich zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Wie passt der Angriff in die Terror-Strategie des Iran?
Er passt nicht so ganz in unsere bisherigen Annahmen, nämlich, dass der Iran sich im Ausland vor allem auf Iraner konzentriert. Wenn das tatsächlich ein Muster sein sollte – und es gab Informationen über andere Anschläge, etwa auf das jüdische Zentrum in Athen –, wäre das eine Eskalation, auf die Europa antworten muss.

Wie könnte es zu diesem möglichen Sinneswandel gekommen sein?
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Der potenziell pessimistischste ist, dass der Iran tatsächlich eskalieren möchte und jüdische Institutionen als Teil einer asymmetrischen Strategie weltweit ins Ziel genommen hat. Ein anderer Ansatz wäre, dass es nicht nur in der iranischen Regierung, sondern auch innerhalb der Revolutionsgarden unterschiedliche Strömungen gibt. Dort hat möglicherweise jemand sein eigenes Süppchen gekocht. Das wäre im Prinzip genauso gefährlich wie der erste Ansatz und macht für die Angegriffenen auch keinen Unterschied. Es ist aber wichtig, dass Deutschland den Iran wegen des Anschlags zur Rede stellt. Wenn er von einer Fraktion innerhalb der Revolutionsgarden geplant worden wäre, hätte der Iran ein Interesse daran, sich davon zu distanzieren. Wenn nicht, muss Deutschland das ebenfalls wissen. Es führt also kein Weg daran vorbei, den Iran zur Rede zu stellen. Alles andere würde er als Zeichen der Schwäche interpretieren.

Warum setzt der Iran lieber auf Kriminelle als auf eigene Agenten?
Für mich ist noch unklar, ob diese Gruppe vom Iran angewiesen wurde, den Anschlag zu verüben, oder ob sie nicht von selbst auf die Idee gekommen ist, um sich die Gunst des iranischen Regimes zu erkaufen. Es ist aber interessant, dass der Iran sich mit diesen Netzwerken verbündet, weil er vielleicht glaubt, dass die sich in bestimmten Bereichen, in diesem Fall im Ruhrgebiet, besser auskennen. Die glaubhafte Abstreitbarkeit könnte auch eine Rolle spielen. Denn die gesamte Strategie des Iran basiert darauf, Ablegerschaften in verschiedenen Staaten aufzubauen und diese die Drecksarbeit machen zu lassen.

Warum haben deutsche Geheimdienste diesen Anschlag nicht verhindert?
Sie hätten ihn sicher verhindert, wenn sie davon gewusst hätten. Der Iran hat über Jahre überall in Europa Strukturen aufgebaut, die im Gegensatz zu denen von Terrororganisationen wie dem IS viel professioneller sind, weil dahinter ein Staat steckt. Dazu kommt, dass die Aufmerksamkeit der Behörden von anderen Themen überlagert wurde und sie lange davon ausgegangen sind, dass der Iran ähnlich wie die Hamas in Europa vor allem Gelder sammelt, statt Terroranschläge zu planen. Das ändert sich gerade.

Mit dem Terrorexperten und Professor für Sicherheitsstudien am Kingʼs College in London sprach Nils Kottmann.

Teheran

Wieder Hinrichtungen nach Protesten im Iran

Die iranische Justiz wendet seit Monaten die Todesstrafe rigoros an. Im Zusammenhang mit den Massenprotesten von Januar werden viele Männer gehängt

 01.06.2026

Flensburg

Sechs Monate Bewährung für »Juden haben hier Hausverbot«

Ein 60-jähriger Ladenbetreiber hatte per Aushang Juden Hausverbot erteilt. Jetzt wurde er wegen Volksverhetzung verurteilt

 01.06.2026

Berlin

Felix Klein: Social Media sind »Brandbeschleuniger für Antisemitismus«

Der scheidende Antisemitismusbeauftragte sieht die Betreiber von Instagram, TikTok und Co. in der Pflicht

 01.06.2026

Internationaler Gerichtshof

Wie Südafrika seine Genozid-Klage gegen Israel in die Länge zieht

Das Haager Weltgericht hat Pretoria eine Frist von 18 Monaten gewährt, um erneut seine Argumente für einen angeblichen Völkermord Israels in Gaza vorzubringen. Israel sieht die Klage hingegen als gescheitert an

von Michael Thaidigsmann  01.06.2026

Hamburg

Wegen pro-israelischem T-Shirt: Übergriff auf Schanzenfest

Laut Polizei haben in der Hansestadt mehrere Täter zwei Männer wegen eines Kleidungsstücks angegriffen

 01.06.2026

Washington D.C.

FBI sieht iranisch gesteuertes Terrornetzwerk hinter Anschlagsserie in Europa

Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht der Iraker Mohammad Baqer Saad Dawood al-Saadi, dem die US-Justiz eine führende Rolle bei der Koordinierung von Anschlägen vorwirft

 01.06.2026

Düsseldorf

Höchststrafe für Terroranschlag von Bielefeld

Vor einer Bar sticht ein IS-Anhänger auf Feiernde ein und verletzt sie lebensgefährlich – ein Gericht hat jetzt das Urteil über den Mann gefällt

 01.06.2026

Berlin

Friedman ruft Grüne zu mehr Widerstand gegen die AfD auf

In den anstehenden Landtagswahlkämpfen wollen die Grünen nicht so viel über die AfD sprechen. Doch Warnungen vor der »Partei des Hasses« finden großen Widerhall

 01.06.2026

Nahost

Bericht: Iran verfügt weiterhin über rund 1000 Raketen

Die iranischen Streitkräfte sollen einen Großteil der im Krieg beschädigten Zugänge zu unterirdischen Raketenanlagen wiederhergestellt haben

 01.06.2026