Analyse

Den Glauben verloren

Quer durch die Parteien: kaum religiöse Themen in den Kampagnen Foto: dpa

Es ist bemerkenswert: Während sich viele der medialen Aufregerthemen der letzten Legislaturperiode um religiöse Themen drehten, spielt die Religion im gegenwärtigen Wahlkampf keine Rolle. Ein Bundespräsident verkündet, der Islam gehöre zu Deutschland; wenig später ist er weg vom Fenster – nicht deshalb natürlich. Kurz darauf sieht sich sein Nachfolger bemüßigt, die Aussage zum Islam zu korrigieren. Thilo Sarrazin faselt über die Abwertung des deutschen Genpools durch islamische und die Aufwertung durch – leider, leider ausbleibende – jüdische Zuwanderung.

Rechtsradikale demonstrieren gegen Moscheebauten und fordern Burka- und Kopftuchverbote; es gibt Kontroversen über islamischen Religionsunterricht und Gebetsräume in der Schule. Schließlich erregt sich die Republik über die Frage, ob die Beschneidung als Körperverletzung gelten und daher kriminalisiert werden sollte. Die Verneinung dieser Frage durch den Deutschen Bundestag am 12. Dezember 2012 nennt der Schriftsteller Tilman Jens den »Tiefpunkt« einer Entwicklung, bei der »ein nicht selten fundamentalistischer Glaube, sei er nun christlich, jüdisch oder muslimisch, zunehmend die Geschicke unserer Politik bestimmt«.

privatsache Doch außer den »Piraten« mit ihrer Forderung, die Religion müsse Privatsache bleiben, nimmt keine der Parteien, die überhaupt Chancen auf den Einzug in den nächsten Bundestag haben, sich des Themas Religion an. Tilman Jens würde vermutlich schon darin einen Sieg der Fundamentalisten über »unsere Politik« erblicken. Eher ist es so, dass dieses Schweigen zu religiösen Kontroversen den bewussten oder unbewussten Versuch darstellt, das heiße Thema Religion dem Abkühlungsprozess im Apparat der Bürokratien, Konferenzen, Gesprächsrunden und dergleichen auszusetzen.

Das ist vor dem Hintergrund der Geschichte Europas, zumal Deutschlands, verständlich. In den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts verlor ein höherer Prozentsatz der europäischen Bevölkerung sein Leben als in den Kriegen zwischen den Nationen und Weltanschauungen im letzten. Die Antwort der europäischen Nationen fiel verschieden aus: In Großbritannien entschied man sich für eine Staatskirche, in Frankreich für einen ziemlich aggressiven Laizismus und in Deutschland für die Kooptation der Konfessionen als Körperschaften durch den Staat.

erfolgsmodell Und man muss zugeben, dass diese Rechnung in der Bundesrepublik weitgehend aufgegangen ist. Wenn man also islamischen Religionsunterricht anbietet und im Gegenzug die Organisierung der muslimischen Gemeinden in einer irgendwie als Körperschaft des öffentlichen Rechts erkennbaren Struktur verlangt, versucht man, dieses Erfolgsmodell vom Christentum auf den Islam zu übertragen; und wenn man die Beschneidung explizit per Gesetz erlaubt, aber an bestimmte Bedingungen knüpft, so entspringt auch das eben nicht der Einflussnahme der Religion auf die Politik, sondern der Hoffnung, durch ein Angebot an die Religionen im Gegenzug ihre Loyalität zu erhalten. Nicht, dass diese Loyalität aufseiten der Juden je ernsthaft infrage gestellt war; aber die Debatte hat doch eine tiefe Verstörung hervorgerufen.

Zu Recht. Neulich diskutierte ich mit einer klugen Deutsch-Palästinenserin und bekennenden Muslima, die im – nennen wir es so – Integrationsapparat beschäftigt ist. Ich hatte sie darauf hingewiesen, dass die deutschen Juden durch ihren Kampf gegen das drohende Beschneidungsverbot ihren muslimischen Glaubensvettern einen großen Verdienst erwiesen hätten. »Im Gegenteil«, sagte sie trocken. »Sie glauben nicht, wie viele Deutsche im Verlauf der Diskussion zu mir gekommen sind und gesagt haben: Ihnen als Palästinenserin gegenüber brauchen wir aus unserem Herzen keine Mördergrube zu machen. Wir wissen ja beide, wie grausam die Juden sind. Kleine Kinder beschneiden, die sich nicht wehren können! Das ist doch typisch jüdisch!«

beschneidungsdebatte Ich sehe keinen Anlass, ihr nicht zu glauben. Die Beschneidungsdebatte, ausgelöst immerhin durch die Beschneidung eines muslimischen Jungen, drehte sich bald fast ausschließlich um die Juden. Und das hat auch eine lange Tradition. Selbst – nein gerade – auf den Höhepunkten des europäischen Kampfs gegen die Muslime richtete sich der Hass gegen die Juden. Nicht nur während der Kreuzzüge, die oft in Judenpogrome ausarteten; zu Martin Luthers Lebzeiten belagerten die Türken Wien, doch seinen besonderen, mörderischen Hass reservierte der Reformator für die Juden.

Sollten die Juden in Deutschland darum die Abwesenheit der Religion im Wahlkampf bedauern? Nein. Sie sollten sie begrüßen als Zeichen, dass die Parteien um die Gefahr des Themas wissen. Sollten die Juden wirklich dafür sein, dass Religion Privatsache wird? Das können sie sich dort wünschen, wo sie stark sind, wie in den USA. Hier sollten sie die Zwitterstellung der Religion – vom Staat geschützt und gefördert, dafür kontrolliert und instrumentalisiert – verteidigen. Denn: Die nächste Kontroverse kommt bestimmt.

Der Autor ist Korrespondent für Politik und Gesellschaft der »Welt«-Gruppe.

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