Papst-Besuch

»Das Heil kommt nun einmal von den Juden«

Lange Reihe: Die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft und der Papst Foto: ddp

Strahlendes Wetter im Garten von Schloss Bellevue, klingendes Spiel der Ehrenformation der Bundeswehr, Hunderte ausgewählte Gäste auf einer Tribüne, die Kardinäle am leuchtenden Rot ihrer Kippot, hier Pileolus genannt, zu erkennen.

Alle warteten am Donnerstagmorgen vergangener Woche in Berlin auf den Staatsgast, der Kopf einer Weltreligion mit rund 1,2 Milliarden Mitgliedern ist, Papst Benedikt XVI. Und, kaum zu glauben, gleich in der Begrüßungsansprache von Bundespräsident Christian Wulff war auch vom Judentum die Rede, zumindest indirekt: Das deutsche Staatsoberhaupt erwähnte als Blutzeugen für den christlichen Glauben in der Nazizeit ganz bewusst – neben dem Katholiken Bernhard Lichtenberg und dem Protestanten Dietrich Bonhoeffer – Edith Stein, eine Jüdin, die katholische Nonne wurde und im Konzentrationslager starb.

hoffnung Eine ambivalente Geschichte. Aber das passte zu diesem Staatsbesuch, bei dem, trotz der frühen Erwähnung einer Jüdin, das Judentum in Deutschland keine wesentliche Rolle spielte.

Denn im Grunde war zumindest für den Papst dieses Thema nach dem ersten Besuchstag mehr oder weniger mit dem Treffen von 13 Vertretern aus Zentralrat, den beiden Rabbinerkonferenzen, der Gemeinden und den beiden Hochschulen abgehakt. Die Ökumene mit der evangelischen Kirche war da viel wichtiger. Was vielleicht nicht ganz abwegig ist, leben doch in Deutschland knapp 25 Millionen Protestanten, aber nur rund 110.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinden.

Dennoch hatte sich Zentralratspräsident Dieter Graumann im Vorfeld des Papstbesuchs hoffnungsfroh gezeigt. Dass der Papst schon »in den ersten Stunden« seines Besuchsprogramms Zeit für eine Begegnung mit der jüdischen Gemeinschaft habe, sei »ein wunderbares Signal«: »Wir wollen dafür sorgen, dass unsere Gemeinsamkeiten betont, bekräftigt, bestärkt und noch ein bisschen befeuert werden«, sagte er dem Bayerischen Rundfunk.

Das Verhältnis zwischen Juden und der römischen Kirche habe sich in den letzten Jahrzehnten »dramatisch verbessert«. Störend sei nur die Rehabilitierung des abtrünnigen Bischofs Richard Williamson, der ein Antisemit ist sei – und die mögliche Seligsprechung von Papst Pius XII., der während des Holocausts kein klares Wort des Protests gegen den Massenmord an den europäischen Juden fand.

kritik So gab es dann doch einige Erwartungen an die Begegnung des Papstes mit Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft im Reichstag. Bundestagspräsident Norbert Lammert erinnerte kurz vor dem Treffen im Bundestag in Anwesenheit des Papstes an die jüdischen Opfer der Nazizeit – und konnte sich Kritik nicht verkneifen: »Es waren Christen, die weggesehen oder mitgemacht, diffamiert, verfolgt, gedemütigt, getötet haben«, sagte er.

Das Gespräch des Papstes mit den jüdischen Repräsentanten war denn auch denkwürdig. Das katholische Oberhaupt sagte Worte, die zumindest innerhalb der Kirche als eine klare Abkehr von jeglicher Judenfeindlichkeit früherer Jahrhunderte gewertet werden können: »Die Kirche empfindet eine große Nähe zum jüdischen Volk«, betonte Benedikt XVI.

Die Christen, so der Papst, müssten sich immer mehr ihrer »inneren Verwandtschaft mit dem Judentum klar werden«. Denn, so unterstrich er mit Verweis auf das Johannes-Evangelium: »Das Heil kommt nun einmal von den Juden.« Die programmatische Bergpredigt Jesu hebe »das mosaische Gesetz nicht auf, sondern enthüllt seine verborgenen Möglichkeiten und lässt neue Ansprüche hervortreten«.

judenmission Nach den Maßstäben der vatikanischen Sprachregelung sind dies klare Aussagen des Papstes gegen die sogenannte Judenmission. Das wertete auch Graumann so, der nach dem Treffen eine positive Bilanz zog. »Es hat uns allen gut getan«, sagte er und bezog das auf Benedikts deutliche Zurückweisung des jahrhundertealten Vorwurfs des Gottesmordes.

Er wolle nicht einzelne Aspekte kritisieren, wie etwa sein Schweigen zum Antijudaismus innerhalb der Pius-Priesterbruderschaft, zu der Bischof Williamson gehört. Zur Seligsprechung von Pius XII., die von Benedikt XVI. vorangetrieben wird, äußerte sich der Pontifex nicht. Auch in seiner Abschiedsrede bei dröhnenden Motoren auf dem Freiburger Flughafen Lahr erwähnte der Papst seine Treffen »mit Juden und Muslimen« nur noch beiläufig.

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026

Schwerin/Rostock

Kurs Rot-Rot-Grün: Verhandlungen starten am Montag

SPD, Linke und Grüne wollen in Mecklenburg-Vorpommern über eine Koalition verhandeln. Dafür stimmten alle drei Parteien. Für die Grünen wäre eine Regierungsbeteiligung dort eine Premiere

 11.10.2026

Franziska Giffey

Nach der Wahl in Berlin

Franziska Giffey spricht sich gegen Koalition mit Linkspartei aus

Die noch amtierende Wirtschaftssenatorin sieht keine Basis für eine Koalition mit der Linken in Berlin. Die SPD-Politikerin fordert klare Positionen im Kampf gegen Antisemitismus. Unterdessen verteidigt Thüringens Ex-Ministerpräsident Ramelow die Sondierer gegen Kritik aus den eigenen Reihen

 11.10.2026

Nahost

Abbas verschiebt Parlaments- und Präsidentenwahl

Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gab es keine Parlamentswahl mehr

 11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert