Libyen

Bruder Führer

Abgeschirmt: Muammar al-Gaddafi hat bei seinem Fernsehauftritt am 21. Februar 2011 angekündigt, Libyen nicht zu verlassen. Foto: dpa

Seine Untertanen haben ihn satt. Seit beinahe 42 Jahren steht Muammar al-Gaddafi an der Spitze der »Großen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volksrepublik«. Damit ist er der dienstälteste Potentat der Welt. »Ich bin der Führer der Führer Arabiens, ich bin der König der Könige Afrikas, und ich bin der Imam aller Muslime«, sagt er über sich.

Skrupellos ließ der »Bruder Führer« in der vergangenen Woche vom ersten »Tag des Zorns« an Elitesoldaten und eingeflogene afrikanische Söldner auf die Demonstranten im eigenen Land schießen. Ein Massaker folgte dem nächsten – Hunderte fanden den Tod. »Was hier geschieht, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, telefonierte ein 54-jähriger Familienvater aus der Hafenstadt Bengasi nach draußen, während seine fünf Söhne auf den Straßen gegen Gaddafis Soldateska ihr Leben riskierten. Ein junger Aktivist sprach von einem »offenen Krieg zwischen Protestierern und Soldaten«.

Herkunft Geboren wurde der Diktator im September 1942 in der libyschen Wüste nahe der Küstenstadt Sirte. Er entstammt einer Beduinen-Familie und wuchs als jüngstes von vier Kindern in bescheidenen Verhältnissen auf. In seiner Autobiografie, die auch auf Deutsch erschienen ist, glorifiziert er die Wüste und verteufelt die Stadt. Auf dem Lande »lieben sich alle gegenseitig«, heißt es dort, es herrschten »Ermutigung und Lob für den Freiheitsdrang und das Streben zum Licht«.

Als der 27-jährige, unter anderem in Großbritannien ausgebildete, Oberst am 1. September 1969 gegen König Idris I. putschte, galt er im Westen zunächst als unbestechlich und nicht an persönlichem Reichtum interessiert.

Doch schon bald änderte sich das Bild: Libyen startete ein geheimes Atomprogramm und finanzierte Terrorgruppen überall auf der Welt. Seit Beginn der 80er-Jahre führte Gaddafi sein Land immer stärker in die Isolation. International trat er in Fantasieuniformen auf, umringt von seiner legendären weiblichen Leibgarde. Oder er kampierte mitten in fremden Hauptstädten im Wüstenzelt.

lockerbie Bei dem Anschlag auf die West-Berliner Diskothek »La Belle« im April 1986, wie auch bei den Bombenexplosionen 1988 an Bord eines US-Jumbojets über Lockerbie sowie 1989 in einem französischen Flugzeug über dem Niger, führten die Spuren nach Tripolis.

Doch 1999 kam die überraschende Wende. Gaddafi gab seine Atompläne auf und entschädigte die Familien der Opfer von Lockerbie. 2006 nahmen die USA und Libyen nach 35 Jahren erstmals wieder diplomatische Beziehungen auf. Das Land gehört wegen seiner Ölschätze zu den finanzkräftigsten Nationen Nordafrikas. Doch der Reichtum wurde verschleudert. »Wo ist nur das ganze Ölgeld geblieben?«, fragte sich auch Gaddafi gelegentlich öffentlich.

Einmal kündigte er sogar an, alle Ministerien abzuschaffen und stattdessen das Volk auszuzahlen. Doch geschehen ist nichts. Im Gegenteil: Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung in dem von 6,5 Millionen Menschen bewohnten Land sind extrem hoch – in manchen Regionen liegen sie bei bis zu 30 Prozent.

aufstand So breitete sich der von Tunesien und Ägypten inspirierte Volksaufstand seit vergangener Woche wie ein Flächenbrand im ganzen Land aus. Zunächst verlor Gaddafi die Kontrolle über den Ostteil – die Städte Bengasi, al-Baita und Tobruk. Seit Montag versinkt auch der Westen mit Sirte, al-Misratah und der Hauptstadt Tripolis im Chaos.

Die an allen Straßenecken stehenden Propagandaplakate von »Bruder Führer« werden zerfetzt. »Wir brauchen kein Brot, wir haben genug davon«, jubilierte einer der Demonstranten. »Wir wollen Demokratie essen. Wir wollen Freiheit trinken.«

Armin Laschet im Deutschlandfunk

»Jetzt kommt wieder Ihre Israelphobie«

Im Interview wies der CDU-Politiker mit harschen Worten DLF-Moderator Thielko Grieß zurecht, welcher zuvor Israel scharf kritisiert hatte

von Michael Thaidigsmann  10.04.2026

Washington

Warum jetzt? Melania Trumps rätselhafter Epstein-Auftritt

Melania Trump tritt kaum allein vor die Presse. Doch jetzt spricht sie über ein Thema, das ihr Ehemann so gern umschiffen wollte: den Epstein-Skandal

 10.04.2026

Beirut

Hisbollah-Chef: Machen weiter »bis zum letzten Atemzug«

Während die libanesische Regierung an Verhandlungen mit Israel arbeitet, zeigt sich die Hisbollah unbeeindruckt: Es sei nicht die Zeit, um Zugeständnisse zu machen, betont ihr Anführer

 10.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 10.04.2026

Kiew

Selenskyj: Haben Drohnen über Golfstaaten zerstört

Vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs hat die Ukraine Drohnenexperten in die Region geschickt. Dort hat Kiew laut Präsident Selenskyj seine Erfahrung in der Abwehr iranischer Drohnen demonstriert

 10.04.2026

Video

Aufruf zur Solidarität nach Angriff auf Restaurant

Nach dem Anschlag auf das israelische Restaurant »Eclipse« ist ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Münchens vor Ort und appelliert an die Gesellschaft

von Jan Feldmann  10.04.2026

Halle

Fall Liebich: Tschechische Polizei will Auslieferungsantrag

In Deutschland und später auch europaweit war seit August 2025 nach der verurteilten Rechtsextremistin gesucht worden. Nun wurde sie in Tschechien gefasst. Wie es jetzt weitergehen soll

 10.04.2026

Weimer

Gericht untersagt Demo vor Buchenwald-Gedenkstätte

Die Initiative »Kufiyas in Buchenwald« darf nicht vor der Gedenkstätte protestieren. Was das Verwaltungsgericht Weimar zur Verknüpfung von Holocaustgedenken und aktuellen Konflikten sagt

 10.04.2026

Iran-Krieg

Hält die Waffenruhe?

In Pakistan wollen die USA und der Iran ab heute über eine dauerhafte Friedenslösung beraten. Doch vorab gibt es bereits Streit über wichtige Punkte

 10.04.2026 Aktualisiert