Reportage

»Bringt unsere Jungen zurück«

Die Sterne leuchten in dieser Gegend heller als anderswo. Menschenleere Hügel, verlassene Straßen, hier und da ein Dörfchen, einige verstreute Häuser. In der Abgeschiedenheit des palästinensischen Jordanvorlandes außerhalb der großen Städte ist die Natur hübsch anzuschauen. Doch die malerische Idylle trügt. Hinter den Fenstern der jüdischen Siedlungen geht die Angst um.

Vergangenen Donnerstag wurden in dieser Region die drei Jeschiwaschüler Naftali Frenkel, Gilad Shaar und Eyal Yifrach wahrscheinlich in ein Auto gezerrt und irgendwohin verschleppt. In ein vorbereitetes Versteck vielleicht. Obwohl bislang keine Details zu ihrer Entführung bekannt geworden sind, gehen Sicherheitsexperten davon aus, dass dies keine Zufallsaktion, sondern ein geplanter Gewaltakt war – mutmaßlich der Hamas.

Ganz Israel steht in diesen Tagen vereint in der Sorge um die Jungen, die jetzt eigentlich für ihre Abschlussarbeiten büffeln oder sich auf die Sommerferien freuen sollten. Ende dieser Woche ist Schluss mit dem Unterricht, dann springen Zigtausende von Jugendlichen in die Schwimmbäder, bevölkern die Einkaufszentren und Eisdielen. Naftali, Gilad und Eyal werden wohl nicht dabei sein.

Befreiungsaktion Denn obwohl Mannschaften von Polizei und Armee die Gegend der Entführung seit Tagen durchkämmen und bereits an die Hundert führende Hamasmitglieder in der Westbank festgenommen haben, wird dies keine »schnelle Befreiungsaktion«, wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gemeinsam mit den Militärchefs erklärte: »Es wird dauern.« Doch man tue alles, um die Jungen zurückzubringen, sagte er den Eltern am Dienstag bei einem persönlichen Treffen.

Die Bevölkerung fühlt sich in diesen heißen Tagen auf grausige Weise an den von der Hamas im Gazastreifen gefangenen Soldaten Gilad Schalit erinnert. Fünf lange Sommer vergingen, bis der junge Mann wieder nach Hause zurückkehrte. Ausgemergelt und fürs Leben gezeichnet. Bis heute hat Schalit in der Öffentlichkeit so gut wie nichts über die Zeit im Gefängnis der Terrorgruppe erzählt. Still kehrte er zu seiner Familie im Norden des Landes zurück.

Am Ende seiner Geiselhaft wurde Schalit gegen mehr als 1000 palästinensische Häftlinge ausgetauscht. Darunter viele verurteilte Mörder, die Dutzende von Menschen getötet hatten. Eine Tatsache, die für viele Israelis inakzeptabel und unvermeidbar zugleich ist. »Was, wenn der Entführte dein Kind wäre?«, fragen die einen, »Was, wenn die Mörder deine Familie getötet hätten?«, die anderen. An die Antwort wollen die meisten nicht einmal denken.

austausch? Dass sich die Hamas jetzt auf das Kidnapping von Kindern spezialisieren könnte, lässt die Menschen erschaudern. Aus Sorge um die Entführten und aus Angst, was diese menschenverachtenden Aktionen nach sich ziehen könnten. »Es ist ja eine Erfolg versprechende Methode, um das zu erreichen, was sie wollen«, sinniert Schlomi Schalom, der am Zeitungskiosk in Ramat Hascharon die neuesten Schlagzeilen liest. »Für jeden entführten Jugendlichen kriegt die Hamas 1000, vielleicht 2000 Gefangene. Je jünger, desto teurer. Die Befreiten gehen dann wieder auf Kidnappingtour. Eine Rechnung, die für die Terroristen aufgeht. Sie wären ja dumm, da nicht zuzugreifen.«

Die einzige Möglichkeit, nicht in diese Spirale in Richtung Abgrund zu geraten, sei eine harte Haltung der Regierung in Jerusalem. »Keine Verhandlungen mit der Hamas oder ihren mörderischen Kollegen. Punkt, Ende, Aus. Was auch immer geschieht«, meint der Rentner. Dass das Aufgeben von Jugendlichen oder Kindern in den Händen von Entführern und Mördern wie ein Messerstich in die Seele der jüdischen Nation wäre, weiß Schalom. »Es ist unerträglich, natürlich. Aber eine andere Lösung gibt es nicht. Sonst sind wir hier bis in alle Ewigkeit verdammt.«

Auch in der Politik wird das Thema Gefangenenaustausch nach den jüngsten Vorfällen diskutiert. Während Vertreter der Hamas bereits frohlocken und sich ins Fäustchen lachen, wollen einige Knessetmitglieder alles tun, um zu verhindern, dass noch ein einziger Terrorist durch einen Deal die Freiheit wiedersieht. Fieberhaft schreiben sie an Gesetzesvorschlägen, die jegliche Art von Tauschgeschäften von vornherein vereiteln sollen. Manche fordern gar die Todesstrafe für verurteilte Terroristen, die Menschenleben auf dem Gewissen haben. Nach dem Motto: Dann kommt erst gar keiner in Versuchung, sie auszutauschen.

eltern Die Vorsitzende des Knesset-Kinderschutzausschusses, Orly Levi-Abekasis, schrieb am Montag an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon: »Die Entführung stellt das Nichtbeachten von Konventionen und eine eklatante Verletzung des Rechtes von israelischen Kindern auf ein friedvolles Leben dar. Dies sind keine Soldaten, sie schlugen keine Schlachten. Es sind drei junge Menschen, die ihre Zeit mit Schulexamen oder ihren Familien verbringen sollten.«

Es gibt wohl niemanden in Israel, der das nicht so sieht. Das Entführen von Kindern ist selbst für die linksgerichtetsten Aktivisten eine rote Linie, die niemals überschritten werden darf. Prominente Politiker besuchten derweil die Angehörigen, allesamt Bewohner jüdischer Siedlungen, und boten ihren Beistand an. Neben Netanjahu auch Präsident Schimon Peres, der sagte, dass die Eltern ein Symbol für Stärke und eine Quelle der Inspiration seien. »Der Kampf gegen den Terror ist ein weltweiter, wie der Kampf all jener, die das Leben lieben und frei sein wollen. Heute ist die ganze Nation vereint.«

Die Eltern der drei Jungen hielten ihre Tränen vor den Fernsehkameras zurück, gaben sich optimistisch und dankten den Sicherheitskräften für ihren Einsatz. Rachel Frenkel, die Mutter des 16-jährigen Naftali, versicherte, dass die Familie trotz der schrecklichen Nachricht voller Hoffnung sei, dass ihr Sohn und die beiden anderen sicher zurückkehren werden. »Wir sind zuversichtlich, dass Gott die Bemühungen, die Solidarität und die Gebete anerkennt und die Jungen beschützt.« Doch hinter den Worten blitzte aus den Augen der drei Frauen Hilflosigkeit und blanker Horror über das Verschwinden ihrer Kinder hervor.

aktionen
Nahezu 30.000 Israelis versammelten sich Anfang der Woche an der Kotel in Jerusalem, um für die Teenager zu beten. »Wir zeigen unseren Feinden, dass die israelische Nation lebt und niemals entzweibrechen wird«, so der aschkenasische Oberrabbiner David Lau. Bei einer Veranstaltung in Tel Aviv verlas der Chabad-Rabbiner Yosef Garlitzky die Namen von Naftali, Gilad und Eyal und die ihrer Eltern. Dann forderte er die Menschen zum Gebet für sie auf. »Ihr seid nicht allein, wir sind bei euch.«

Diese Botschaft will auch die Internetkampagne »Bring Back Our Boys« tragen – nach Israel und ins Ausland. Noch in der Nacht der Entführung war sie online gegangen und hatte sofort internationales Interesse geweckt. Hunderttausende von Menschen in der ganzen Welt haben bereits auf die Seiten bei Facebook, Twitter und Instagram geklickt, den Link mit anderen geteilt oder Fotos von sich selbst gepostet, wie sie Schilder in den Händen halten, die die sofortige Rückkehr der Schüler fordern. Mehr als 50.000 Facebook-User haben in weniger als 48 Stunden die Seite mit einem »Like« versehen.

Die Internetaktion wurde von Absolventen des Programmes »Botschafter Online« an der Universität Haifa gestartet, die sofort, nachdem sie vom Kidnapping gehört hatten, entschieden, »es muss etwas geschehen«. In Anlehnung an die nigerianische Kampagne »Bring Back Our Girls« wollte Organisator David Gurevitz die Botschaft senden, dass Kinder nicht zum Ziel von Terror werden dürfen, nicht in Nigeria und nicht in Israel.

»Internetnutzer in allen Ecken der Welt identifizierten sich mit dieser klaren Aussage«, ist sich Gurevitz sicher. Bewusst wurde die Initiative international ausgerichtet. »Wir wollen auch ein Publikum erreichen, dessen Medien nicht ausführlich darüber berichten«, sagt Gurevitz. »Und es haben Leute in Marokko, Costa Rica, Südafrika, Deutschland und vielen anderen Ländern Bilder von sich hochgeladen. Auch ein bekannter französischer Radiomoderator hielt ein Schild in die Kamera.« So viel Aufmerksamkeit wie möglich: »Das ist genau, was wir wollen.«

zweifel Auch der Tel Aviver Jungunternehmer Elad hat auf den Link geklickt. Gerade hat er ein Haus für seine Familie gekauft – jenseits der grünen Linie. Bis vor wenigen Tagen freute Elad sich unbändig über das Schnäppchen, zeigte Freunden und Verwandten die Fotos von dem großen Grundstück für den günstigen Preis. Kritikern, die ihn fragten, wie er bloß in die »Schtachim«, die Siedlungen im Westjordanland, ziehen könne, antwortete er, dass sein neues Heim »20 Minuten von Tel Aviv entfernt ist«.

Doch in den vergangenen Tagen ist Elad still geworden, wenn es darum geht, die Vorzüge des Lebens in den jüdischen Siedlungen zu preisen. »Ich habe zwei Kinder, die ich über alles liebe. Ich will ihnen ein tolles Leben bieten, mit einem großen Haus, Platz zum Spielen, Garten und viel Natur. Doch was wird sein, wenn ich mit diesem Schritt ihr Leben in Gefahr bringe?«, grübelt Elad seit Donnerstag.

In Israel, sagt er, könne man nicht nach dem Motto leben, es träfe immer nur die anderen. »Unser Land ist so klein, die politische Situation völlig vertrackt. Du bist immer mit einem Betroffenen bekannt oder verwandt. Also trifft es dich am Ende doch.« Elad überlegt, das Grundstück wieder zu verkaufen. »Natürlich ist das Leben in Tel Aviv zu stressig, zu laut, zu teuer. Doch eigentlich ist das gar nicht so wichtig. Denn es geht um das Leben an sich, das Leben meiner Liebsten, das wirklich unbezahlbar ist.«

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