Auschwitz-Prozess

Bitte eines Überlebenden

Joshua Kaufman Foto: dpa

Der Auschwitz-Überlebende Joshua Kaufman, den das Landgericht Detmold beim Prozess gegen Reinhold Hanning nicht als Zeugen hören wollte, hat sich vor der Urteilsverkündung, die vermutlich am Freitag, 17. Juni, erfolgt, mit einem offenen Brief an die Richter gewandt. Wir dokumentieren seinen Appell:

»Ich werde das Urteil des deutschen Gerichts über diese Person, die im Rollstuhl sitzt, würdigen und respektieren. Aber ich hätte es sehr begrüßt, wenn es meinen Vorschlag berücksichtigt hätte: Ich würde nämlich Reinhold Hanning nicht ins Gefängnis stecken. Für keinen Tag. Und auch sonst würde ich ihn in keiner Weise bestrafen.

todesmärsche Nur einen Wunsch habe ich: Jedes Jahr nehmen Zehntausende Menschen am ›Marsch der Lebenden‹ teil; am Tag des Holocaust-Erinnerns wird den Menschen gedacht, die in Auschwitz ermordet wurden. Hanning sollte dorthin kommen und sich entschuldigen für das, was er in den Gaskammern sah, wo er ja tätig war. Ich will, dass er aufsteht und sagt: ›Ich, Reinhold Hanning, war hier als SS-Mann. Ich habe die Grausamkeiten gesehen, und gegen all die Leugner stehe ich hier, um zu bezeugen, dass das, was hier stattfand, wirklich passiert ist.‹ Vielleicht würde so eine Tat dazu führen, dass andere SS-Leute auch kommen und auch bezeugen – etwa das, was auf den Todesmärschen von Auschwitz nach Dachau passiert ist.

Ich gehörte zu den Menschen, die auf diese Märsche geschickt wurden; ich wurde Zeuge, wie Menschen in diese Züge verladen wurden und wie die ganze Zeit über Menschen in den Viehwaggons starben.

gaskammern Ich, Joshua Kaufman, würde auch nach Auschwitz fliegen, ihm dort zur Seite zu stehen, und ich würde von meinen Erfahrungen berichten – als Überlebender, der die Grausamkeiten gesehen hat und der zu denen gehörte, die die Leichen aus den Gaskammern transportieren mussten.

Ich ehre und respektiere die deutsche Bundesregierung. Ich unterstütze Kanzlerin Angela Merkel, die eindeutig erklärt hat, dass sie nie ein Embargo gegen Israel zulassen wird, und nicht zuletzt weiß ich auch die Anstrengungen der deutschen Regierung zur Wiedergutmachung zu würden. Ich danke Ihnen vielmals.

Nie kann ich vergeben oder vergessen, was die Nazis im Holocaust taten, aber ich weiß, dass das Deutschland von heute anders ist.«

Nachtrag: Hannings Verteidiger plädierten vor dem Urteil auf Freispruch: Ihr Mandant habe »nie getötet, niemanden geschlagen oder misshandelt«, eine individuelle Schuld sei nicht nachgewiesen. ja

Verhandlungen

Iran pocht auf Freigabe eingefrorener Auslandsvermögen

Die Debatte um blockierte Auslandsvermögen des Iran dominiert zunehmend die Gespräche über ein Abkommen mit den USA. Denn die iranische Wirtschaft steckt in der Krise

 31.05.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Teheran

Irans Machtapparat: Die wichtigsten Köpfe im Überblick

US-Präsident Donald Trump sprach im Zuge des Iran-Kriegs von »neuen und vernünftigeren« Kräften in Teheran. Dafür erntete er Spott. Doch wer sind die neuen (und alten) Entscheider?

von Arne Bänsch  31.05.2026

Washington

Trump ohne Entscheidung – Iran pocht auf eigene Interessen

Ein Durchbruch bei den zähen Verhandlungen zum Iran-Krieg lässt weiter auf sich warten. Teheran widerspricht Trump in drei Punkten

 31.05.2026

Brüssel

Überwachungsbehörde nimmt Europapartei der AfD ins Visier

Verstößt die Europapartei, zu der auch die »Alternative« gehört, gegen Grundwerte der EU? Die zuständige Behörde sieht Hinweise auf problematisches Vorgehen in Mitgliedsparteien. Kommt ein Verfahren?

von Valeria Nickel  29.05.2026

Beirut

Entwaffnung der Hisbollah - ein unmögliches Unterfangen?

Seit mehr als zwei Jahren attackiert die Hisbollah Israel. Die Regierung in Jerusalem will eine Entwaffnung der Terrororganisation. Doch geht das?

 29.05.2026

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Kiel

Mehr als 400 antisemitische Vorfälle im Norden gemeldet

»Die massiven Konsequenzen (...) sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen«, so die Dokumentationsstelle Antisemitismus

 29.05.2026

New York

Streit um Bericht zu sexueller Gewalt: WJC kritisiert UN scharf

Narrative, die Israel pauschal delegitimierten, seien problematisch, so der Jüdische Weltkongress. Die ursprünglichen Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder in den Mittelpunkt rücken

 29.05.2026