Pro & Contra

Sollten wir die Bilder des Terrors vom 7. Oktober zeigen?

Das Bild der ermordeten Shani Louk, die halb nackt, umringt von johlenden Hamas-Terroristen, auf der Ladefläche eines Pick-ups liegt, ging um die Welt. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

PRO: »Sie bilden die Realität ab, so grausam diese auch ist«, findet Marco Limberg

Darf man das Bild der ermordeten Shani Louk zeigen, die halb nackt, umringt von johlenden Hamas-Terroristen, auf der Ladefläche eines Pick-ups liegt? Sollen wir dem Wunsch der Bibas-Familie nachkommen und das Video veröffentlichen, das die grausame Misshandlung des Familienvaters Yarden Bibas zeigt?

Vor Kurzem ist die Diskussion um die Frage, was man öffentlich zeigen kann, neu entbrannt. So sollte das Bild von Shani Louk in einem Fotowettbewerb einer amerikanischen Journalistenschule prämiert werden. Der Aufschrei war groß. Während sich zahlreiche Stimmen fanden, die sich sehr kritisch äußerten, sprach sich der Vater der Ermordeten explizit dafür aus, das Foto auszuzeichnen.

Fotos können den Lauf der Dinge beeinflussen, indem sie auf die öffentliche Meinung wirken. Wir alle erinnern uns an solche ikonischen Bilder – wie beispielsweise den Jungen mit den erhobenen Händen aus dem Warschauer Ghetto, die Fotos aus dem Vietnamkrieg, Willy Brandts Kniefall in Warschau oder auch die Bilder vom Fall der Mauer oder der brennenden Twin Towers in New York. Sie bilden die Realität ab, so grausam diese auch ist. Sollte man diese Realität ausblenden?

Nein, denn es nützt nichts, davor die Augen zu verschließen. Und das gilt auch und gerade für die Fotos der israelischen Opfer des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 und danach. Wir müssen zeigen, was ist. Und dazu gehört die unvorstellbare Grausamkeit der Terroristen, die Realität und keine Fiktion ist. Genau wie andere Kriege mit Bildern im Kopf verknüpft sind, sollte auch die Ursache für den Krieg in Gaza mit den richtigen Bildern verknüpft sein.

Wir befinden uns schon jetzt in einem Krieg der Bilder. Die Fotos vom Leid der Palästinenser gewinnen Preise – wie zuletzt den renommierten World Press Price. Das Siegerbild wirkt wie eine Pietà von Michelangelo. Ein Zufall? Aber hinterfragt jemand die Ursache des Leids in Gaza? Nein, es wird nur das Siegerfoto im Gedächtnis bleiben.

»Auf diese Weise bewahren wir das Andenken der Opfer.«

Marco Limberg


Aber wir können zeigen, warum palästinensische Mütter um ihre Kinder trauern: weil palästinensische Hamas-Terroristen mehr als 1200 Menschen in Israel ermordet haben. Und das zeigen wir, indem wir die Bilder der israelischen Opfer und ihrer Hamas-Peiniger veröffentlichen.
Wenn wir das nicht tun, wird sich in einigen Jahren das Narrativ vom »palästinensischen Widerstandskämpfer« im optischen Gedächtnis der Menschen durchgesetzt haben, gestützt durch die Flut von Bildern aus Gaza nach dem 7. Oktober.

Durch das Zeigen der realen Bilder des Terrors der Hamas ist es möglich, der gezielten und auch der ungewollten Desinformation entgegenzuwirken. Es wird immer Menschen geben, die behaupten, dass alles Fake ist, und diese werden wir auch nicht erreichen können. Aber Menschen, die sich informieren wollen oder die zweifeln, sollten die Möglichkeit haben, die Realität zu sehen, ohne sich in zweifelhaften Chat-Kanälen oder auf islamistischen Websites umsehen zu müssen.

Denn dass die Bilder der Opfer des Angriffs im Netz zu sehen sind, ist jedem klar. Und ist es dann nicht besser, sie in einem seriösen Medium kommentiert in ihrem Kontext zu zeigen? Und ist es nicht ebenso nötig, ein reales Video der Opfer des Terrors der Hamas einem Video des Schauspielers Dieter Hallervorden entgegenzusetzen, der Hamas-Propaganda zur Illustration seiner Thesen nutzt?

Die ungewollte Desinformation findet dagegen auf einer anderen Ebene statt. Die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz lassen uns komplett neue Bildwelten erschaffen, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben. So hat zum Beispiel Adobe Stock, eine der weltweit größten Fotoagenturen, Bilder im Angebot, die komplett KI-generiert sind, aber unter dem Suchbegriff GAZA gefunden werden.

Der israelische Soldat, der nachdenklich zwischen Trümmern in Gaza sitzt, die palästinensische Mutter mit ihren zwei Kindern inmitten der Trümmer oder das kleine Mädchen vor der brennenden Straße sind komplett frei erfunden. Es gibt keine Realität hinter diesen Dateien. Die Fotos sind als KI-generiert gekennzeichnet und mit dem Hinweis versehen: »Die redaktionelle Nutzung darf nicht irreführend oder täuschend sein.« Aber was bedeutet das, wenn das Bild selbst eine Täuschung ist? Oder die Bilder durch KI generiert, aber nicht als solche markiert sind? Und Medien haben die Bilder übernommen und eben nicht gekennzeichnet. Moralische Skrupel bei den Agenturen? Fehlanzeige, denn offensichtlich verkaufen sich diese Bilder gut. Auch deshalb sollten wir den Angriff vom 7. Oktober visuell besetzen.

Wir sollten mutig sein und das größte Massaker an Juden seit der Schoa realistisch bebildern. Wir sollten nichts weglassen und nichts hinzufügen.

Achten wir den Willen von Angehören der Opfer wie beispielsweise der Bibas-Familie und zeigen die Bilder ihrer Kinder, Eltern und Verwandten, auch wenn sie verstörend sind. Bewahren wir so ihr Andenken.

Marco Limberg ist Artdirector der Jüdischen Allgemeinen.

***

CONTRA: »Sie bedienen einen antisemitischen Voyeurismus«, meint Sharon Adler

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der das Video der jungen Frau vergessen kann, das zeigt, wie sie von einem Hamas-Terroristen brutal an ihren Haaren aus einem Jeep gezerrt wird: mit auf dem Rücken gefesselten Händen, die Hose am Gesäß blutverschmiert. Verängstigt. Vergewaltigt. Verschleppt. Vor aller Augen. Sie hat einen Namen: Naama Levy.

Auch das Video der gewaltsamen Entführung von Noa Argamani dokumentiert diesen Horror, der am 7. Oktober 2023 tausendfach in die Kibbuzim und in das Musikfestival Nova gekommen ist. Sie ist das Mädchen auf dem Motorrad, das verzweifelt um Hilfe ruft, während im Hintergrund noch viel mehr Menschen zu sehen sind, die im gleichen Moment entführt werden.

Das Video wurde seit seiner Veröffentlichung durch die Hamas und seine Helfer Tausende Male angeklickt. Auch das Foto des Frauenkörpers, der reglos und mit verdrehten Gliedmaßen auf einem Jeep liegt, umgeben von johlenden Hamas-Terroristen, die sich und ihre »Beute« selbstbewusst den zahlreichen Kameras präsentieren – in Siegerpose, die Waffen hoch erhoben, den Stiefel auf dem halb nackten Körper positioniert.

Die Terroristen sind sich bewusst, dass diese Bilder um die Welt gehen werden. Sie dürfen sich sicher sein, dass sie dafür gefeiert werden. Die Frau auf den Fotos und Videos hat einen Namen: Shani Louk. Hätte sie zugestimmt, dass Bilder davon verbreitet werden, wie ihr Körper von Bewohnern in Gaza bespuckt wird, als er öffentlich durch die Straßen paradiert wird? Wir können sie nicht mehr fragen.

Es sind nur drei Beispiele von vielen, die Menschen in Todesangst, hilf- und wehrlos zeigen. Wir wissen, dass vor allem Frauen und Mädchen Opfer und Angriffsziel von sexualisierter Gewalt wurden und dass die Täter genau dieses Ziel verfolgten. Wir wissen, dass sie Mütter vergewaltigten und die Familie zwangen, dabei zuzusehen, bevor sie alle ermordet wurden. Die Erniedrigung der Menschen stand für die Terroristen an erster Stelle. Wir wissen das, weil die Täter ihre grausamen Verbrechen selbst mit der Handycam gefilmt haben.

Als Journalistin und Fotografin bin ich der Ansicht, schon aus Gründen der medialen Sichtbarkeit Dinge publik und transparent zu machen, gar keine Frage. Ich selbst habe seit dem 7. Oktober unzählige Testimonials gesehen, gelesen, gehört. Habe kommentiert, geteilt, aufmerksam gemacht. In der Hoffnung, Empathie zu erzeugen, wo das Schweigen und Verschweigen lauter war als Hilferufe. Und genau das ist wohl der Punkt. Ich bin Jüdin. Der Großteil der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft sieht den Terror und die Trauer nicht. Im Gegenteil. Das, was wir heute erleben, ist eine weltweite Entsolidarisierung, eine massive Welle der Gewalt gegen Juden.

»Ich glaube nicht mehr daran, dass diese Bilder etwas ändern können.«

Sharon Adler

Ich bin desillusioniert. Heute glaube ich nicht mehr daran, dass diese Bilder etwas ändern können. Dass sie zumindest ein wenig Empathie oder gar Solidarität hervorrufen. Die Bilder sind lange genug öffentlich zugänglich, ohne genau diese Art von Menschlichkeit hervorzurufen, die doch selbstverständlich sein sollte. In den sozialen Netzwerken werden unter Posts und Fotos der Verschleppten israelhassende und antisemitische Kommentare abgesetzt, ohne dass die Betreiber der Plattformen dies ahnden. Das alte Lied.

Aber klar: In einer Zeit, in der Fake News und KI-generierte, manipulierte Fotos die sozialen Medien fluten und für propagandistische Zwecke produziert und genutzt werden, ist es umso wichtiger, mit Original-Bildmaterial im Sinne der Wahrheit dagegenzuhalten. Wie etwa die Aufnahmen des israelischen Fotojournalisten Ziv Koren. Wir müssen uns eines klarmachen: Die Bilder und Videos, die von der Hamas und ihren Unterstützern veröffentlicht werden, dienen nur einem Ziel – die Opfer zu demütigen, ihre Familien zu quälen, die Täter zu glorifizieren.

Die Welt muss wissen, was geschehen ist und noch immer geschieht. Das stand für mich nie zur Debatte. Aber die Gefahr, mit den Bildern von verstümmelten Menschen einen antisemitischen Voyeurismus zu bedienen, der im Gegenteil dazu einlädt, die Opfer weiter zu verhöhnen, ist groß. Die Grenze verläuft für mich genau da, wo das Foto von Shani Louk für die Zwecke von Nachrichtenagenturen instrumentalisiert wird.

So vor Kurzem geschehen mit der Verleihung des Preises für das »Foto des Jahres« durch das Reynolds Journalism Institute an der Missouri School of Journalism, die gemeinsam mit Associated Press und Nikon als Hauptsponsor ebendieses Foto prämiert hat. Ist es richtig, die nackten Körper von Frauen und Mädchen in dem Kontext öffentlich zu zeigen? Sogar auszustellen? Ich meine, nein. Bei dem Gedanken daran, wie bei den Vernissagen Leute mit einem Glas Schampus in der Hand das Foto begutachten, womöglich achtlos daran vorbeischlendern, wird mir schlecht.

Dass dieses Foto überhaupt nominiert wurde, sehe ich auch als Fotografin sehr kritisch. In meinen Augen ist nicht nur der Fotograf mitschuldig, sondern auch die, die das Foto auszeichnen. Es waren Fotografen, die dafür bezahlt wurden. Die informiert und vor Ort waren. Und ihre Fotos an Associated Press verkauften. Eine Petition fordert seit dem 28. März, als »ein deutliches Zeichen für die Achtung der Menschenwürde und der ethischen Standards im Journalismus den Preis unverzüglich zurückzuziehen«. Dem schließe ich mich an.

Sharon Adler ist Journalistin und Fotografin und lebt in Berlin.

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