NSU

Bilanz des Versagens

Vorhang auf: 15 Monate lang hat der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags ermittelt. Foto: dpa

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) hat bundesweit gemordet und geraubt: In allen betroffenen Bundesländern ermittelte die Polizei in die komplett falsche Richtung, beschuldigte Angehörige der Opfer und verrannte sich in teilweise absurde Theorien. Dies war ein »beispielloses und beschämendes Versagen«, urteilt Sebastian Edathy. Anlässlich der letzten Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags, dem Edathy vorsitzt, betonte der SPD-Politiker, das Vorgehen der Behörden sei eines Rechtsstaates unwürdig gewesen.

Was sind die Gründe für dieses Versagen? Edathy benannte vor allem einen »völlig unzureichenden« Informationsaustausch zwischen Polizei und Verfassungsschutz. Zudem hätten die zuständigen Stellen die Militanz der Neonaziszene »massiv unterschätzt«. Diese Erkenntnis dürfte unumstritten sein, doch was daraus folgen soll, bleibt noch offen.

konsequenzen Der Ausschuss arbeitet nun an seinem Abschlussbericht, der auch Vorschläge zur Prävention enthalten wird. Spätestens bei den Konsequenzen aus den V-Mann-Affären und Aktenschreddereien dürfte aber Schluss sein mit der Einigkeit im Ausschuss: Grüne und Linke wollen die Kooperation zwischen Geheimdiensten und Neonazis, die für Geld Informationen dem Staat verkaufen, beenden.

Ein Vorstoß, der keine Mehrheit erhalten dürfte, obgleich auch Unions-Obmann Clemens Binninger den Glauben an das Instrument der V-Leute verloren hat – zumindest im Bereich des Rechtsextremismus: Die mit dem Einsatz solcher Informanten verbundenen Risiken stünden in keinem Verhältnis zum Erkenntnisgewinn, bilanzierte er.

abschlussbericht Während das Gremium in Berlin also an seinem Abschlussbericht formuliert, geht die Arbeit der Untersuchungsausschüsse in Bayern, Sachsen und Thüringen weiter. In Baden-Württemberg wird es vorerst keinen solchen Ausschuss geben, obgleich die Fragen im Mordfall Kiesewetter und zu Verbindungen zwischen NSU und dem Ku-Klux-Klan sowie einer möglichen Verwicklung von Verfassungsschützern weiterhin offen sind. Nach Antworten auf diese Fragen wollen aber auch die Abgeordneten im Untersuchungsausschuss des Bundestags weiter suchen. FDP-Obmann Hartfrid Wolff plädierte dafür, die Arbeit in der nächsten Legislaturperiode fortzusetzen. Die Chancen dafür stehen gut.

Auch die Ombudsfrau für die Opfer und ihre Angehörigen, Barbara John (CDU), äußerte sich anlässlich der letzten Sitzung. Sie forderte eine Stiftung, um die vielen Unterlagen des Gremiums zu archivieren – für Auswertungs- und Weiterbildungszwecke. Zudem solle die Stiftung eine Anlaufstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt werden. Um effektive Maßnahmen gegen fehlende Selbstkritik in den Ermittlungsbehörden zu entwickeln, sprach sie sich dafür aus, in Studien Einstellungen der Mitarbeiter zu analysieren.

nerven Der NSU-Terror wird die Bundespolitik also weiter beschäftigen – auch wegen des Prozesses gegen Beate Zschäpe, den langjährigen NPD-Mann Ralf Wohlleben sowie drei weitere Angeklagte in München. In dem viel zu kleinen Saal liegen die Nerven teilweise blank. Bislang dominiert das Auftreten der mutmaßlichen NSU-Terroristin Zschäpe die Berichterstattung. Ihre Anwälte Heer, Sturm und Stahl versuchen, dem Prozess durch Anträge ihren Stempel aufzudrücken. Die Aufmerksamkeit für die Verhandlung nimmt deshalb bereits deutlich ab, das juristische Hickhack ist denkbar ungeeignet für eine aktuelle Berichterstattung.

Spannend dürfte aber werden, wie die Zschäpe-Verteidiger mit der Anwältin von Wohlleben kooperieren werden: Nicole Schneiders ist eine bekannte NPD-Szene-Juristin. Zudem haben die Angeklagten Holger G. und Carsten S. angekündigt, umfangreich auszusagen. Bislang jedoch ging es weniger um die Terrorserie und um die Opfer, sondern vielmehr um den Sitzungssaal, angebliche Befangenheit der Richter oder vermeintliche mediale Vorverurteilungen der Angeklagten.

Die Vertreter der Opferangehörigen, die vor Gericht als Nebenkläger auftreten, hatten bereits vor dem Auftakt vor überzogenen Erwartungen an den Prozess gewarnt. Es gehe um individuelle Schuld, nicht um eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Verbrechen. Ob sich aus dem Prozess neue Ansätze für die Untersuchungssauschüsse eröffnen, lässt sich bislang nicht abschätzen.

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

Wilko Möller (AfD), Landtagsabgeordneter in Brandenburg, guckt nachdenklich

Rechtsextremismus

Urteil gegen AfD-Politiker wegen Wahlplakats rechtskräftig

Hat der AfD-Abgeordnete Wilko Möller mit einem »Hitlergruß« auf Plakaten Wahlkampf gemacht? Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte ihn zu einer Geldstrafe verurteilt. Dagegen legte der Politiker Revision ein – vergeblich

 26.10.2026

Leerer Klassenraum (Symbolbild)

Hessen

Strafverfahren gegen Lehrer wegen israelfeindlicher Posts eingestellt

Wegen Instagram-Beiträgen, die als »antisemitisch und israelfeindlich« eingestuft wurden, ist ein Gymnasiallehrer seit einem Jahr vom Dienst suspendiert. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde nun eingestellt

 26.10.2026

Krieg

Selenskyj: Warten fast einen Monat auf Hegseth-Unterschrift

Der Ukraine mangelt es nach eigenen Angaben an Raketen zur Abwehr russischer Angriffe. Nun äußert Präsident Selenskyj Kritik am US-Verteidigungsminister Hegseth

 26.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Regierungsbildung

Berliner SPD plant Mitgliederbefragung über Koalition

Die Basis soll über eine Koalition mit Linken und Grünen mitentscheiden. Das haben die Sozialdemokraten vor.

 26.10.2026

Debatte

Zentralrat der Juden warnt vor AfD in Sachsen-Anhalt und nimmt Linke in Berlin Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Präsident Josef Schuster blickt sorgenvoll auf zwei deutsche Bundesländer

 26.10.2026

Berlin

Linke-Kandidat für Neukölln: Recherchen dokumentieren Nähe zu PFLP-Sympathisanten

Ein Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.

 26.10.2026

Berlin

Schuster: Nehme der Linken Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Der Kampf gegen Judenhass erschwert die Gespräche über Rot-Grün-Rot in Berlin. Eine Erklärung der Linken reicht dem Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht

 26.10.2026