Faktencheck

Behauptungen über Selenskyjs Vermögen und die israelische Staatsbürgerschaft

Ukraines Präsident Volodymyr Selenskyi Foto: picture alliance / SvenSimon-ThePresidentialOfficeU

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj steht aufgrund des russischen Angriffs auf sein Land seit fast einem Jahr im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit. Und so kursieren auch vermeintliche Details aus seinem Privatleben, zu seinem Vermögen und seinen wirtschaftlichen Verflechtungen.

In einem Sharepic heißt es, Selenskyj habe »ein Privatvermögen von 1,2 Milliarden Euro« und unter anderem eine Villa in der Toskana. Seine Eltern hätten die israelische Staatsbürgerschaft erhalten und er habe ihnen in dem Land ein mehrere Millionen Dollar teures Haus gekauft. Stimmen all diese Angaben, die das Bild eines schwerreichen Mannes zeichnen?

Bewertung

Mit Ausnahme der Villa in Italien gibt es für die Behauptungen keine glaubwürdigen Quellen oder Belege. Selenskyjs Vermögen wird vom Magazin »Forbes« deutlich kleiner geschätzt.

Fakten

Im Sharepic und auch in begleitenden Beiträgen in den sozialen Netzwerken findet sich für keine der Behauptungen eine Quellenangabe. Zum Vermögen Selenskyjs und zu seinem Einkommen gibt es aber verschiedene Medienberichte. Von Milliardenbeträgen ist darin gleichwohl keine Rede.

Das US-Wirtschaftsmagazin »Forbes« schrieb im April 2022 von einem Vermögen Selenskyjs in Höhe von rund 20 Millionen US-Dollar (18,6 Millionen Euro). »Forbes« veröffentlicht regelmäßig Schätzungen zu wohlhabenden Menschen, darunter Listen der reichsten Menschen der Welt. Zu den sieben Dollar-Milliardären in der Ukraine zählt das Magazin Selenskyj demnach nicht. Es schrieb sogar: »Anders als sein Amtsvorgänger war Selenskyj nie Milliardär.« Der ehemalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko hingegen hatte »Forbes« zufolge zumindest in der Vergangenheit ein Vermögen von mehr als einer Milliarde Dollar.

Selenskyj legte zudem unter anderem für das Jahr 2020 seine Einnahmen offen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Ukrinform im Jahr 2021 berichtete. Als Gehalt bekam er demnach 336 000 Hryna, das ist die ukrainische Währung. Umgerechnet entsprach das damals rund 10 000 Euro. Zudem habe Selenskyj, der vor seiner politischen Karriere Schauspieler war, umgerechnet rund 140 000 Euro durch Lizenzgebühren eingenommen. Durch Immobiliengeschäfte, Beteiligungen und Bankzinsen habe er zudem rund 430 000 Euro erzielt.

Angebliche Zahlen zu Selenskyjs Vermögen kursieren seit der russischen Invasion in die Ukraine immer wieder. Doch auch für andere genannte Summen gibt es keine Belege, wie Faktenchecks zeigen (hier und hier).

Mehrere Berichte über Selenskyjs Ferienhaus in Italien

Eine Villa beziehungsweise ein Ferienhaus in der Toskana soll Selenskyj hingegen tatsächlich besitzen oder besessen haben. Im vergangenen Jahr berichtete die italienische Zeitung »Il Tirreno«, dass Selenskyj das Haus in dem Badeort Forte dei Marmi allerdings vermietet habe - dem Bericht zufolge an Russen. Eine Bestätigung dafür, zum Beispiel durch Selenskyjs Büro, gibt es jedoch nicht. Über den Kauf der Villa hatte ein ukrainisches Medium bereits berichtet, als Selenskyj im Jahr 2019 für das Präsidentenamt kandidierte.

Keine Belege gibt es für die Behauptung, Selenskyjs Eltern hätten die israelische Staatsbürgerschaft erhalten. Auch für das angebliche »Landhaus« in dem israelischen Ort Rishpon, das Selenskyj ihnen geschenkt habe, fehlt eine Quelle. Weder in der Ukraine noch in Israel finden sich dazu Berichte in glaubwürdigen Medien. Das Gerücht kursiert seit Mai 2022 und geht möglicherweise auf russischsprachige Nachrichten auf Telegram und im russischen sozialen Netzwerk VKontakte zurück. Quellen werden dort allerdings nicht genannt.

Berichte über Briefkastenfirmen

An Selenskyjs wirtschaftlichen Aktivitäten als Privatperson gibt es jedoch auch Kritik, die sich auf Belege stützt. Unter anderem die »Süddeutsche Zeitung« berichtete im Jahr 2021, dass Selenskyj Inhaber mehrerer Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen gewesen sei. Die Zeitung beruft sich auf interne Dokumente von Unternehmen, die entsprechende Offshore-Modelle mit Briefkastenfirmen anboten. Selenskyj reagierte damals nicht auf Anfragen der Journalisten zu den Vorwürfen.

Im Bericht der »Süddeutschen Zeitung« wird auch ein enges Verhältnis Selenskyjs zu dem ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomojskyj beschrieben. Selenskyj könnte demnach über Briefkastenfirmen von einer mutmaßlichen Betrugsmasche Kolomojskyjs profitiert haben. Juristisch aufgeklärt sind die Vorwürfe nicht. Ob und wie viel Geld Selenskyj aus solchen Geschäften erhalten hat, ist unklar. dpa

Links

Bericht von »Forbes« (20.4.2022) (archiviert)

Bericht von Ukrinform über Selenskyjs Einkünfte (31.3.2021) (archiviert)

dpa-Faktencheck vom 18.5.2022

dpa-Faktencheck vom 24.5.2022

Bericht von »Il Tirreno« (30.8.2022, Italienisch, Bezahlschranke) (archiviert)

Bericht von »Slidstvo.Info« (28.3.2019, Ukrainisch) (archiviert)

Nachricht in russischem Telegram-Channel (21.5.2022) (archiviert)

Beitrag auf VKontakte (22.5.2022) (archiviert)

Bericht der »Süddeutschen Zeitung« zu Selenskij und den »Pandora Papers« (3.10.2021, Bezahlschranke) (archiviert)

Faktencheck von »USA Today« zu Selenskyjs Eltern (11.11.2022) (archiviert)

Beitrag auf Facebook (archiviert)

Berlin

Ausstellung will Leben in Geiselhaft simulieren

In der Fasanenstraße werden in einem Container die Bedingungen der Geiseln in Gaza simuliert

von Pascal Beck  22.04.2024

Rechtsextremismus

»Höckes Sprachgebrauch ist ein klarer Angriff - und erfolgreich«

Der Soziologe Andreas Kemper zu Strategien des AfD-Politikers

von Nils Sandrisser  22.04.2024

Frankreich

Französischer Bürgermeister zeigt Hitlergruß - Rücktrittsforderungen

Die Präfektur Val-de-Marne will die Justiz einschalten

 22.04.2024

Meinung

Antisemitische Verschwörungen, Holocaust-Relativierung, Täter-Opfer-Umkehr: Der Fall Samir

Der Schweizer Regisseur möchte öffentlich über seine wirren Thesen diskutieren. Doch bei Menschenhass gibt es keine Gesprächsgrundlage

von Philipp Peyman Engel  22.04.2024

Österreich

Vier Deutsche nach Gedenkbesuch bei Hitlers Geburtshaus angezeigt

Die Verdächtigen waren nach Braunau gefahren, um dort weiße Rosen niederzulegen

 22.04.2024

Umfrage

Studie: Für die meisten muslimischen Schüler ist der Koran wichtiger als deutsche Gesetze

Fast die Hälfte der Befragten will einen islamischen Gottesstaat

 22.04.2024

Berlin

Große KZ-Gedenkstätten gegen Schüler-Pflichtbesuche

Die Unionsfraktion hatte sich dafür ausgesprochen

 22.04.2024

Meinung

Erinnert euch an Ägypten

Nur eine Handvoll Mitglieder zählen die Gemeinden in Kairo und Alexandria heute. Jedoch haben die wenigsten Juden ihre Heimat aus religiöser Sehnsucht verlassen – sie wurden gewaltvoll vertrieben

von Mascha Malburg  22.04.2024

Hamburg

Grünen-Außenpolitiker: Islamisches Zentrum schließen

Das IZH sei »ein verlängerter Arm des Mullah-Regimes aus dem Iran«, sagt Max Lucks

 22.04.2024