Meinung

Bedauernde Mütter? Mehr Gleichstellung!

Rabbinerin Alina Treiger Foto: Tobias Barniske

Eine israelische Soziologin hat in einer Studie herausgefunden, dass viele Frauen ihre Mutterschaft bedauern. Darüber wird heftig diskutiert – weniger über den Befund als über die Frage, ob man das sagen darf: Dürfen Mütter bedauern, Kinder bekommen zu haben? Aus der rabbinischen Praxis weiß ich, dass es das Phänomen gibt. Nicht oft und auch immer sehr unterschiedlich, aber: Ja, es gibt Frauen, die glauben, dass die Entscheidung für ein Kind falsch war.

schuld Das geht einher mit großen Schuldgefühlen, denn die Gesellschaft erwartet von Frauen, dass sie in ihrer Rolle als Mutter aufgehen. Schon in den Schriften zeigt sich, dass die Erzmütter mit dem Problem konfrontiert waren, dass die Männer sich in allen anderen Bereichen behaupten konnten, für die Frauen jedoch nur die Mutterschaft übrig blieb. Es gibt zwar etwa die Prophetinnen Mirjam und Deborah: Sie waren Ausnahmen, aber sie zeigen doch, dass ein anderer Entwurf möglich war und ist.

In der rabbinischen Diskussion gibt es viele Stimmen, die Frauen mehr Rechte einräumen. In der Frage, ob Jungen und Mädchen in gleichem Umfang Zugang zu Bildung haben und ob ihnen die gleichen Rechte zustehen sollen, gibt es kaum einen Dissens. Im Talmud geht es auch darum, wann ein Mensch erwachsen ist.

Vier Antworten werden gegeben: dass man selbstständig sein oder dass man die Tora gelernt haben soll, aber auch, dass man dann erwachsen ist, wenn man Kinder hat. Es gibt Rabbiner, die im Falle von Kinderlosigkeit dies so interpretieren, dass man auch als erwachsen gelten kann, wenn man Schüler hat, sich fürsorglich um junge Menschen kümmert.

israel In dieser Perspektive fallen uns viele Jüdinnen ein, die in der Frauenbewegung gewirkt haben, um Emanzipation und Gleichberechtigung zu erreichen. Das moderne Judentum bietet die Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Denominationen zu entscheiden. Das erleichtert auch die Entscheidung für bestimmte Lebensformen. Es dürfte kein Zufall sein, dass die viel diskutierte Studie über »regretting mothers«, aus Israel kommt. Israel ist eine moderne, offene, jüdische Gesellschaft, in der Frauen schon viel für die Verbesserung ihrer Situation erreicht haben.

Bei einer jüdischen Hochzeit wird an den Idealzustand gedacht, ehe Adam und Eva der Fluch ereilt hat. So gut wie den beiden soll es dem Brautpaar gehen. Und das zeigt doch, dass man miteinander glücklich wird, wenn die Ehe von gleichwertigen Menschen eingegangen wird, die sich auf Augenhöhe begegnen.

Die Autorin ist Gemeinderabbinerin in Oldenburg.

Stutthof-Prozess

»Ein Recht auf Antworten«

Die Nebenklage fordert die ehemalige Sekretärin des KZ auf, die Möglichkeit des letzten Wortes zu nutzen und sich zu erklären

 29.11.2022

Berlin

Mehr Tempo im Kampf gegen Antisemitismus gefordert

Aus Sicht der Amadeu Antonio Stiftung und anderer Verbände kommt die Ampelkoalition im Kampf gegen Judenhass zu langsam voran

 29.11.2022

Justiz

Josef Schuster: Urteile bei antisemitischen Straftaten zu oft zu mild

Gerichtsurteile würden zu häufig mit Verweis auf schwierige Kindheit oder Gesamtumstände gemildert

 29.11.2022

Nahost

Zwei-Staaten-Lösung

Vor 75 Jahren beschloss die UNO den Teilungsplan. Warum wurde der arabisch-jüdische Konflikt damit nicht beigelegt?

von Michael Brenner  29.11.2022

Fußball

»Wir spüren Hass, sind von Feindseligkeit umgeben und nicht erwünscht« 

Israelische Journalisten berichten von massiven Anfeindungen bei WM in Katar

von Sara Lemel  27.11.2022

Finanzministerium

Keine »Schuldbremse«

Luise Hölscher über Berichte, dass bei Zahlungen an Holocaust-Überlebende gespart werden sollte

von Detlef David Kauschke, Joshua Schultheis  27.11.2022

Antisemitismus

Rätselhaftes gemeinsames Abendessen

Kaum hat Trump seine Kandidatur fürs Weiße Haus erklärt, macht er mit zwielichtigen Dinner-Gästen von sich Reden. Einen rechtsextremen Nationalisten will er gar nicht gekannt haben. Und Rapper Kanye West, lobt er, habe sich beim Essen nicht antisemitisch geäußert

von Julia Naue  26.11.2022

Extremismus

Deutsch-Iraner soll Brandanschläge auf Synagogen in Bochum und Dortmund geplant haben

Ob der Verdächtige auch für die Schüsse auf die Alte Synagoge in Essen verantwortlich ist, wird nun geprüft

 25.11.2022

NRW

Drei weitere Taten in derselben Nacht nach Schüssen auf Rabbinerhaus

Es habe bereits eine Festnahme gegeben, sagt Innenminister Reul am Freitag im Innenausschuss

 25.11.2022