Besuch Benedikt XVI.

»Baruch Haba!«

Dieter Graumann Foto: Rafael Herlich

Hochverehrter Papst Benedikt,

es ist uns eine große Ehre und Freude, dass es im Rahmen Ihrer Deutschlandreise, anknüpfend an Ihren bemerkenswerten, historischen Besuch in der Kölner Synagoge im Jahr 2005, der, soweit ich weiß, der aller erste Besuch eines Papstes in einer Synagoge außerhalb von Italien gewesen war, heute hier zu dieser Begegnung zwischen uns kommt.

Sie haben heute hier schließlich ein mehr als anspruchsvolles, ein ehrgeiziges, ein fast schon: sportlich forderndes, intensives und höchst straffes Besuchsprogramm.

Dass Sie dennoch Zeit für dieses Treffen gefunden haben, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben, zeigt uns, dass Ihnen der Dialog mit dem Judentum eine wirkliche Herzensangelegenheit ist.

Wir begrüßen Sie daher ganz besonders herzlich mit dem traditionellen jüdischen Gruß und dem jüdischen Willkommens-Segen: »Baruch Haba!«

Schön ist es, zu Recht feststellen zu können:

Die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum haben sich in den vergangenen Jahrzehnten wirklich ganz dramatisch verbessert.

So viele Menschen auf allen Seiten haben daran ganz großen Anteil.

Und wir wissen sehr wohl, dass gerade Ihnen ganz persönlich die Versöhnung mit dem Judentum immer schon wichtig, ja absolute Herzenssache war und ist.

Mit Freude und großer Erleichterung haben wir Juden in Deutschland daher auch jüngst ihre klaren Worte gehört: Ihre Absage an jede Judenmission und Ihre mehr als deutliche Zurückweisung des jahrhundertealten Vorwurfes des Gottesmords.

Das hat uns allen gutgetan. Denn unter dem Vorwand des Gottesmords wurden Juden schließlich jahrhundertelang verfolgt, vertrieben und getötet. Dem haben Sie nun endgültig den Boden entzogen. Es ist daher gut, dass Sie so klare Worte hier gefunden haben.

Große Schritte sind von der katholischen Kirche im Verhältnis zum Judentum also bereits schon gemacht worden. Schritte, die wir zu würdigen wissen!

Aber: Immer gibt es noch mehr zu tun. Für uns alle.
Und zur Offenheit und Freundschaft, die wachsen und weiter wachsen sollen, gehört auch, dass man einander aufrichtig sagt und bekennt, was einen selbst schmerzt und beschwert.

Gute Freundschaft muss daher auch belastbar sein und sogar auch einmal den Gegenwind von gelegentlicher Differenz aushalten. Vorausgesetzt, diese Winde sind nicht allzu heftig und allzu häufig, versteht sich.

Denn die Brücken, die wir bauen wollen, um Verbindungen zu schaffen, sollen schließlich doch feste Fundamente haben. Fundamente von Vertrauen, von Verlässlichkeit, von Freundschaft. So fest, dass sie auch offene Worte vertragen können.

Deshalb lassen Sie mich in der gebotenen freundschaftlichen Offenheit auch jene Punkte ansprechen, die uns wirklich wehtun:
Das Thema Piusbrüder, die unserer Meinung nach wie vor für Fanatismus, Fundamentalismus, Rassismus, Antisemitismus, ja schlicht für finsterstes Mittelalter und für Unversöhnlichkeit pur stehen, schmerzt uns nach wie vor.

Ebenso wie das Thema Karfreitagsfürbitte.

Und die in Aussicht genommene Seligsprechung von Papst Pius XII., würde uns, aus unserer Sicht und in unserem Empfinden, weiteren Schmerz und Enttäuschung verursachen.
Das gesagt, bleibt freilich ganz sicher:

Der Kurs von Versöhnung zwischen Judentum und Vatikan, den wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, ist uns allen so wichtig und so wertvoll.

Der verstorbene und nunmehr von Ihnen selbst erst ganz kürzlich seliggesprochene Papst Johannes Paul II. hat diesen Kurs mit so viel Herzlichkeit vorangetrieben. Seine Taten und Worte wärmen unsere Herzen bis heute.

Und wir wissen genau, dass Sie selbst diesen Kurs an seiner Seite immer entschlossen mit vorangetrieben, unterstützt und mit getragen haben.

Und wir sehen und spüren, dass Sie den Kurs von Nähe und von Freundschaft nun in eigener Verantwortung weiter fortsetzen und sogar noch weiter verstärken werden.

Die Kontakte zwischen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und der katholischen Kirche hier im Land sind inzwischen ganz besonders vielfältig, vertrauensvoll, verlässlich und eng. Das spüren wir immer wieder besonders deutlich, gerade auch einmal in schwierigen Situationen.

Aber gerade dann soll sich Freundschaft doch schließlich bewähren – und das erleben wir auch immer wieder hier auf wirklich bewegende Art und Weise. Für diese gelebte Solidarität und gewachsene Loyalität will ich mich hier ausdrücklich von Herzen bedanken.

Unser Dialog bleibt uns so wichtig, er ist aber auch kein
Selbstzweck.

Und wir alle müssen uns an dessen Ergebnissen messen lassen.
Und dass unser gutes Verhältnis sogar noch besser, noch enger, noch herzlicher werden möge – das ist es doch, was wir im Innersten eigentlich alle gemeinsam hoffen und wünschen!

Hochverehrter Papst Benedikt, ich möchte deshalb die heutige Gelegenheit nutzen und für einen lebendigen, offenen, vertrauensvollen, temperamentvollen und auch lebensbejahenden Dialog miteinander werben.

Für einen Dialog der kurzen Wege, der engen Freundschaft, der vertrauten Partnerschaft und der freundschaftlichen Herzlichkeit – für einen Dialog, in dem das offene Wort geschätzt und gefordert wird und das tief begründete Vertrauen immer noch weiter wachsen möge.

Ich wünsche mir einen Dialog zwischen Juden und Christen, der unsere Gemeinsamkeiten betont, bekräftigt und bestärkt.

Und in einer Welt, in der, jedenfalls in Europa, die Kraft des Glaubens leider schwächer und bisweilen weniger populär zu werden scheint, haben wir umso mehr an gemeinsamen Zielen und gemeinsamen Interessen, und noch so viel mehr, was uns eint und auch für immer einen muss.

Ich wünsche mir eine Kirche, die ihren »älteren Brüdern« herzlich zugetan ist, ich wünsche mir einen respektvollen Umgang miteinander, einen Dialog auf Augenhöhe und der Freundschaft.
Ich wünsche mir daher, dass der brüderliche Umgang zwischen Judentum und Christentum überall und für alle Zeit alltägliche Selbstverständlichkeit werden möge.

Wir sollten im Geiste wissen und in unseren Herzen auch immerzu spüren:

Uns verbindet doch so viel. Uns verbindet doch so viel mehr, als uns je trennen kann. Wir haben schließlich so starke gemeinsame Wurzeln – vielleicht sollten wir das gelegentlich gemeinsam noch häufiger und noch stärker nach außen kommunizieren.

Denn: Wir haben doch wirklich so starke gemeinsame Wurzeln – wie sollten sie denn nicht gemeinsam Früchte tragen können? Und das wünschen wir uns doch: Dass die Fülle und die Früchte der Gemeinsamkeiten wachsen und blühen mögen.

Sicher: auch dann werden, weil die Welt so ist, wie sie ist, unsere gemeinsamen Bäume noch immer nicht in den Himmel wachsen. Vielleicht kommen wir alle aber denn doch dem Himmel so ein ganz klein wenig näher.

Und wir selbst wachsen vielleicht so gemeinsam an dem, was uns bindet und verbindet – wie schön wäre das doch!

Wir sind hier zusammen, wir glauben zusammen – und wir gehören ganz einfach auch zusammen! Lassen Sie uns daher gemeinsam die Verantwortung dafür tragen, dass dieses gemeinsame Fundament von herzlicher Freundschaft, von verstärktem Vertrauen und von neuer Nähe immer weiter und immer noch mehr gestärkt und gefestigt wird.

Wir jedenfalls wünschen uns das von ganzem Herzen.

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