New York

Aufwärts in Downtown

Boom Town: Mit dem neuen World Trade Center kommen auch die Firmen zurück ins südliche Manhattan. Foto: getty

Daniel Libeskind lebt in Tribeca, einem hippen Viertel im Südwesten Manhattans. Ein paar Gehminuten entfernt liegt sein Büro in der Rector Street. Wenn der 65‐jährige Architekt zur Arbeit geht, kommt er an der größten Baustelle Amerikas vorbei. Hier im Finanzviertel entsteht nach seinen Plänen gerade der Freedom Tower, auch One World Trade Center genannt.

Ein Großteil der 108 Etagen ist bereits fertiggestellt. Libeskind lässt den Beton‐Stahl‐Glas‐Koloss in der Form eines Obelisken errichten. Er wird der größte Wolkenkratzer der USA. Sechs weitere neue Türme gruppieren sich um das Areal am Ground Zero. Der Architekt hatte im Jahr 2002 die Ausschreibung gewonnen. Damals stand die Nation unter dem Schock von Nine‐Eleven aus dem Jahr zuvor.

Im Dezember vergangenen Jahres besuchte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle Libeskind in dessen Büro. Der Stadtplaner erläuterte dem Gast aus Berlin: »Der Hauptturm ist 1.776 Fuß hoch: das Datum der Unabhängigkeitserklärung.«

Libeskind berichtete Westerwelle auch von seiner Kindheit: Als er als 13‐Jähriger mit dem Schiff in den New Yorker Hafen einlief, weckten ihn seine Eltern um vier Uhr in der Frühe: Er sollte die Freiheitsstatue sehen! Der erste Anblick der kupfernen Dame, die gerade ihren 125. Jahrestag feierte, lässt ihn bis zum heutigen Tag nicht mehr los. Der Immigrant aus Polen, der zeitweise in Israel gelebt hat, schloss die Millionenmetropole in sein Herz. Bis zum heutigen Tag.

wall street Libeskind berichtet, dass und wie die Wall Street gerade eine Renaissance erlebt. Unmittelbar nach den Terroranschlägen zogen Firmen und mit ihnen rund 65.000 Arbeitsplätze nach Midtown, nach Connecticut, nach New Jersey – weg vom Wall‐Street‐Bezirk. Auch 20.000 Einwohner kehrten dem Katastrophengebiet den Rücken.

Gebäude, Straßen und das Nahverkehrssystem lagen in Trümmern. Die Stadtverwaltung musste etliche U‐Bahn‐Haltestellen schließen, in den Röhren bestand Einsturzgefahr. Der verwaiste Bezirk glich einer Geisterstadt. Touristen und die verbliebenen Anwohner fürchteten sich vor dem giftigen Staub, der sich wie eine Glocke über das südliche Manhattan gelegt hatte.

Doch jetzt belebt sich das Viertel südlich der Chambers Street wieder. Während zwischen 2002 und 2006 nur vier Millionen Touristen jährlich kamen, sind es nun doppelt so viele. Verdreifacht hat sich die Zahl der Hotels. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich auf 56.000 binnen eines Jahrzehnts. Der Verein Alliance Downtown New York schätzt, dass es mit dem Wachstum so weitergeht.

Den 400 Jahre alten Stadtkern, wo einst George Washington eingeschworen wurde, schätzen vor allem junge Familien dank der vielen Schulen, der hohen Lebensqualität und der ruhigen, gepflegten Lage. Allein in den vergangenen zwei Jahren eröffneten sechs neue Schulen. Acht Museen runden das Angebot ab.

büros Recht zügig löste sich das Problem der hohen Büroleerstände. Vermieter wandelten die gewerblichen Räume in Wohnflächen um, um schneller an Mieteinnahmen zu kommen. Die oberen Etagen in den Hochhäusern bieten oftmals einen herrlichen Blick auf den Hudson und den East River. Nahezu an jedem Eck ist schicker Wohnraum zu finden.

Vom Fitnessstudio über die Dachterrasse bis hin zum Konferenzraum – alles inklusive. Einer der neuesten Luxustempel ist der silberfarbene Skyscraper nahe dem Rathaus. Dort kostet eine kleine Zwei‐Zimmer‐Wohnung mindestens 3.300 Dollar Kaltmiete im Monat. Nach oben haben die Preise kein Limit.

Zwei Drittel der Mieter gaben in einer Umfrage an, in absehbarer Zeit ein Apartment kaufen zu wollen, was den Marktforschern zufolge ein Indiz dafür ist, dass sich die Menschen wohlfühlen. Das liegt auch an der einflussreichen Downtown Alliance: Alle Hebel setzt sie in Bewegung, um die Attraktivität des Wohnviertels zu erhöhen: Ein kostenloser Busservice existiert, der Verein hat einen privaten Straßenreinigungs‐ und Sicherheitsdienst engagiert, der rund um die Uhr im Einsatz ist, und auf www.downtownny.com gibt es einen Veranstaltungskalender.

Darüber hinaus wurde ein exotisches Ausflugsziel gefördert: Vom Frühjahr bis Sommer können die Anwohner mit der Fähre auf die grüne Insel Governors Island – und zwar kostenlos. Die einstige Militärinsel, die sich etwa einen Kilometer südlich von Manhattan befindet, diente lange Zeit als Schutzschild für die Metropole. Das kleine Idyll war auf Landkarten nicht zu finden, so geheim hielt die Armee den Stützpunkt. Das verlassene Areal nutzen jetzt die gestressten New Yorker zum Entspannen. Es gibt dort keine Autos und keinen Lärm.

Bürgermeister Michael Bloomberg und der Gouverneur helfen bei solchen Initiativen tatkräftig mit. Trotz Finanzkrise sind sich die Behörden sicher, dass sich mittelfristig der Aufwärtstrend fortsetzen wird. So legte die Stadtverwaltung entlang des Hudson und des East River Promenaden für Fußgänger und Radfahrer an. Mehr als 100 Millionen Dollar investierte die Stadt seit dem Jahr 2002 in die rund 20 Parkanlagen.

An der Fulton Street, nahe des World Trade Center, entsteht momentan ein neuer Verkehrsknotenpunkt für U‐Bahnen. Alles in allem investierten private und öffentliche Hände 30 Milliarden Dollar in den Wiederaufbau. Nach wie vor bestimmen Bauarbeiter, Lastkraftwagen, Kräne und Baumaschinen das Straßenbild.

einkommen Über 300.000 Jobs gibt es hier mittlerweile. Es werden immer mehr. 307 Arbeitgeber siedelten sich neu an, darunter die Verlage Condé Nast und New York Daily. Insgesamt haben derzeit am Südzipfel Manhattans mehr als 8.400 Firmen ihren Sitz. Bekannte Adressen wie American Express, Goldman Sachs und Bank of New York Mellon sind mit von der Partie.

Die Deutsche Bank hat rund 10.000 Mitarbeiter, auch die Commerzbank schloss einen Mietvertrag ab. Größter Arbeitgeber ist indes mit deutlichem Abstand die Stadtverwaltung mit 21.600 Beschäftigten. Trotz der Finanzkrise bringt ein Banker im Finanzviertel 143.000 Dollar heim, was dem Doppelten des Durchschnittseinkommens in Manhattan entspricht.

Wenn Libeskinds World Trade Center Nummer eins irgendwann eröffnet wird, dürfte das einen neuen Wachstumsschub auslösen. »Es entsteht hier eine Stadt in der Stadt«, sagt Libeskind. Doch noch mangelt es an einem reichhaltigen Angebot an Bars, Restaurants, Cafés und Discos. Die findet man in Chelsea, auf der Lower East Side, Upper West Side, im Meat Packing District, aber eben nicht an der Südspitze.

Bier und Hamburger Doch immerhin ist die Stone Street an warmen Tagen ein belebter Treffpunkt geworden. Hier haben sich Gastwirte zusammengetan und Bierbänke auf die alten Pflastersteine gestellt. Am Feierabend treffen sich die Banker und Einwohner hier. Sie lassen bei Bier und Hamburgern den Tag ausklingen. An schönen Sommerabenden ist es gar nicht einfach, freie Plätze zu ergattern. Alte, kleine Häuschen säumen die Straße, es ist romantisch. Mehrere 100 Jahre alt sind die Gebäude. Die Pubs sind wie damals, nur die Preise haben sich verändert.

Auch bevölkern die Touristen immer stärker die Wall Street. Wie ein Magnet zieht die Baustelle des World Trade Centers mitsamt der Gedenkstätte die Menschen aus aller Welt an. Der Andrang ist derart groß, dass sich die Besucher vorab im Internet registrieren müssen, um zum National Memorial des 11. September zu gelangen.

Bei Libeskind verzögert sich die Fertigstellung der sieben Türme um einige Jahre. Es gab Finanzierungsprobleme, und er musste Kompromisse schließen. Doch damit kann er leben. Von seinem Megaprojekt ist er nach wie vor hellauf begeistert.

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