Interview

»Auch Clickbait spielt eine Rolle«

Lukas Uwira Foto: Sandra Rokahr

Interview

»Auch Clickbait spielt eine Rolle«

Wie kommt es zu den israelfeindlichen und antisemitischen Narrativen in deutschen Medien? Lukas Uwira hat dazu geforscht

von Chris Schinke  15.04.2026 15:56 Uhr

Herr Uwira, Sie haben zusammen mit Jonas Hessenauer für das Tikvah Institut die Studie »Israel in deutschen Medien« gemacht. Was war dafür der Anlass?
Die Forschung zur Israel-Berichterstattung war zu dem Zeitpunkt, als wir mit der Arbeit an der Studie begannen, weitgehend veraltet. Der Großteil der vorliegenden Untersuchungen thematisiert die Berichterstattung zur Zweiten Intifada, die inzwischen über 20 Jahre zurückliegt. Auch in den letzten Jahren sind keine größeren Untersuchungen mehr dazu erschienen. Unsere Pilotstudie soll klären: Welche problematischen Darstellungsformen gibt es in der aktuellen Berichterstattung? Sind es dieselben wie in früheren Studien oder haben sie sich verändert? In einem zweiten Schritt wird am Tikvah Institut derzeit eine Folgestudie mit qualitativ-quantitativem Schwerpunkt durchgeführt, die auch untersucht, wie häufig diese Phänomene auftreten und in welchen Medien und Zeiträumen sie verstärkt zu beobachten sind.

Welche Medien haben Sie in den Blick genommen?
Wir haben regionale und überregionale Printmedien sowie Onlinemedien untersucht. In erster Linie wollten wir damit Vergleichbarkeit zu früheren Studien herstellen, die sich ebenfalls auf reichweitenstarke Qualitätsmedien konzentriert haben. Zudem haben uns die subtileren Formen des Antisemitismus in diesen Medien stärker interessiert als die offeneren Formen, die sich an den politischen Rändern zeigen.

In der deutschen Israel-Berichterstattung fallen immer wieder Begriffe wie »Gewaltspirale«, »Pulverfass«, »Todesspirale«. Welche Funktion haben diese Bilder?
Die genannten Floskeln dienen vermutlich dazu, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen. Die Gefahr besteht darin, dass dadurch eine Entkontextualisierung und Entpolitisierung stattfindet: Konkrete Vorkommnisse werden über diese Floskeln in das Schema eines vermeintlich ewig existierenden Konflikts eingeordnet, in dem beide Konfliktparteien zudem qualitativ gleichgemacht werden. Zurückzuführen ist das wahrscheinlich auf eine Tradierung dieser Bilder, fehlendes Fachwissen, aber auch auf prekäre Arbeitsbedingungen im journalistischen Alltag, die zu wenig Zeit dafür lassen, komplexe Sachverhalte angemessen einzuordnen. Bei Onlinemedien spielt sicher auch Clickbait eine Rolle.

Ihre Studie zeigt, dass deutsche Medien in Bezug auf Israel immer wieder mit einem NS-artigen Vokabular operieren: »totaler Krieg«, »Sonderkommando«, »Blut und Boden«. Ist diese Form von Israelkritik bereits Antisemitismus?
Vergleiche von israelischer Politik mit dem Nationalsozialismus werden in der Antisemitismusforschung gemeinhin als Indikator für israelbezogenen Antisemitismus herangezogen, weil sie Israel dämonisieren. Für die Bewertung ist dabei unerheblich, ob Journalistinnen und Journalisten dies bewusst oder unbewusst tun, denn die Wirkung der Aussage ist dieselbe.

Wie verhält es sich abseits der NS-Analogien, etwa beim Apartheid-Vorwurf?
Beim Apartheid-Vorwurf ist die Bewertung weniger eindeutig als bei NS-Analogien. Es kommt darauf an, wie er geäußert wird. Zum Beispiel wird der Vorwurf, im Westjordanland herrschten Apartheid-ähnliche Zustände, vielfach nicht als klare Dämonisierung bewertet. Wenn hingegen Israel selbst als Apartheidstaat bezeichnet wird, wird dies als antisemitisch bewertet. Unabhängig davon, ob der Vorwurf im Einzelfall antisemitisch ist, wird er häufig zusammen mit anderen, klar antisemitischen Aussagen geäußert.

Auffällig ist, dass problematische Aussagen oft nicht von den Redaktionen selbst stammen, sondern von israelischen oder jüdischen Stimmen, die als Kronzeugen herangezogen werden.
Wir können nur vermuten, warum Redaktionen häufig Stimmen mit einer besonders kritischen Haltung gegenüber Israel zu Wort kommen lassen. Wahrscheinlich wollen sie vermeiden, selbst problematische Positionen einzunehmen, weil sie sich der damit verbundenen Kritik nicht aussetzen wollen – und delegieren dies dann an Stimmen, die qua ihres Jüdischseins oder Israelischseins vermeintlich unangreifbar sind. Für die Wirkung der Aussagen ist es aber unerheblich, wer sie trifft: Wenn sie in Medien verbreitet werden, besteht immer die Gefahr, dass dadurch Ressentiments gefestigt werden.

Ihre Studie zeigt auch, dass ständig behauptet wird, Kritik an Israel sei in Deutschland tabu, während Ihre Befunde belegen, dass Israel nahezu täglich kritisiert wird. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Die Attraktivität dieser Behauptung dürfte mit ihrer Funktion zusammenhängen. Durch die Skandalisierung des vermeintlichen Tabus kann man Kritik an den eigenen Aussagen abwehren, indem man diese als Versuch der Zensur umdeutet. Auch kann die Behauptung dazu dienen, sich als Verfechter der Meinungsfreiheit oder als mutiger Tabubrecher zu inszenieren.

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Kann fehlerhafte Berichterstattung antisemitische Einstellungen befördern?
Das hängt davon ab, um welche Fehler es sich handelt. Bei einseitiger, verzerrter Berichterstattung ist jedoch davon auszugehen. In einer Studie der Berliner Linguistin Monika Schwarz-Friesel hat sich etwa gezeigt, dass Verfasser antisemitischer Briefe an den Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft selbst auf die Medienberichterstattung verwiesen haben, um ihre Haltung zu legitimieren. Daraus lässt sich schließen, dass Berichterstattung bestehende einseitige Perspektiven verstärken oder sogar antisemitische Haltungen legitimieren kann.

Was muss aus Ihrer Sicht als Nächstes untersucht werden?
Die bereits erwähnte Folgestudie des Tikvah Instituts hat sich der entscheidenden Frage angenommen, wie häufig problematische Darstellungsweisen tatsächlich auftreten. Das ist ein wichtiger Schritt, um beurteilen zu können, wie groß das Problem ist. Finden sich in drei Prozent der Artikel problematische Darstellungsweisen oder in 30? Das wissen wir derzeit noch nicht.

Mit dem Antisemitismusforscher an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sprach Chris Schinke. Die Studie Israel in deutschen Medien wurde vom Tikvah Institut herausgegeben und ist im Verlag Nomos erschienen.

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