Interview

»Assad ist Teil des Problems«

Herr Zisser, Syriens Präsident Baschar al-Assad hat Panzer und Soldaten in die Stadt Daraa geschickt. Fast 400 Demonstranten sind auf den Straßen gestorben. Wird das Regime seine Macht retten können?
Ich habe meine Zweifel, auch wenn es darauf derzeit keine klare Antwort gibt. Wir leben allerdings nicht mehr in den 80er-Jahren, als Baschars Vater Hafiz al-Assad seine Armee nach Hama schickte und den dortigen Aufstand mit Tausenden Toten blutig unterdrückte. Heute gibt es Internet und Al-Dschasira, so ein brutales Massaker kann nicht noch einmal – wie damals – vor der Weltöffentlichkeit und der eigenen Bevölkerung verborgen werden. Allerdings hat sich die Mehrheit bisher nicht den Demonstrationen angeschlossen. Sie sitzt am Rand und wartet ab. Wenn sie sich entschließt mitzumachen, ist das Regime am Ende.

Waren Sie überrascht vom Aufstand?
Die Lage schien ruhig und stabil. Gleichzeitig wussten wir alle, dass die gesamte Region ihre diktatorischen Regime satt hat. Insofern waren die Demonstrationen in Syrien nicht total unerwartet.

Kann Assad die Situation durch politische Kompromisse oder Reformangebote noch in den Griff bekommen?
Ich glaube nicht, dass dies noch funktioniert. Die jetzige Lage in Syrien ist vergleichbar mit der in Ägypten Anfang Februar, als Hosni Mubarak dem Volk einige politische Konzessionen angeboten hatte. Den Demonstranten aber geht es längst nicht mehr um einzelne Reformen, es geht ihnen um den Sturz des Regimes. Baschar al Assad ist nicht Teil der Lösung, er ist Teil des Problems – nicht persönlich, sein ganzes Machtsystem. Ein derartiges Regime ist nicht reformierbar.

Welche Optionen bleiben Assad dann?
Die Proteste mit Gewalt zu unterdrücken.

Kann er sich auf das Militär verlassen?
Syrien ist nicht Ägypten. In Syrien steht die Armee eindeutig hinter dem Präsidenten, er kann sich voll auf das Militär stützen – jedenfalls bislang. Einer der wichtigsten Befehlshaber ist sein Bruder, Maher al-Assad. Die alte politische Garde von Vater Hafiz dagegen spielt bei den Entscheidungen keine Rolle mehr. Assad hat sich inzwischen komplett mit Leuten seines Vertrauens umgeben. Alles, was geschieht, ist Ba- shar pur.

Wie werden sich die Soldaten verhalten?
Das kann momentan niemand sagen. Bisher aber ist nicht erkennbar, dass Wehrpflichtige Befehle verweigern.

Welche Folgen hätte ein Sturz des Baath-Regimes für den Nahen und Mittleren Osten?
Es wäre ein schwerer Schlag für den Iran, auch für die Radikalen in der Region. Ein Ende Assads bedeutet aber gleichzeitig eine Bedrohung der Stabilität – zumindest für eine gewisse Zeit. Unter dem Strich jedoch bin ich optimistisch.

Mit dem Professor für Geschichte des Nahen Ostens und Afrikas an der Universität von Tel Aviv sprach Martin Gehlen.

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