Interview

»Antisemitismus nicht durchgehen lassen«

Bodo Ramelow bei seiner Rede in Auschwitz Foto: Jacob Schröter

Herr Ministerpräsident, in Thüringen wurden im vergangenen Jahr 212 antisemitische Vorfälle registriert, darunter auch Schändungen von Gedenkstätten. Jetzt wurden in der Nähe des ehemaligen KZ Buchenwald wiederholt mehrere Gedenkbäume zerstört. Wie reagieren Sie darauf?
Als ich die Meldung der neuerlichen Zerstörung bekam, habe ich beschlossen, an dem wenige Tage später stattfindenden Gedenkmarsch entlang der Buchenwaldbahn teilzunehmen. Dafür habe ich meinen Urlaub unterbrochen. Außerdem habe ich sofort Geld für den Ankauf neuer Bäume gespendet. Meine Botschaft war: Für jeden geschändeten Baum zwei neue.

Gibt es Erkenntnisse zu den Tätern?
Es wird mit Hochdruck ermittelt, und ich habe die Hoffnung, dass wir die Täter kriegen. Aber selbst wenn wir die Täter haben, ist das Gedankengut nicht weg. Es ist dieselbe Geisteshaltung, die schon vor 20 Jahren zu dem Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge oder zu den Anschlägen von Halle und Hanau geführt hat. Ich finde es daher großartig, dass bei dem Gedenkmarsch so viele Menschen mitgelaufen sind.

Rechtsextremismus ist ein zunehmendes Problem in Deutschland und eine große Gefahr für das jüdische Leben. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?
Ich teile die Sorgen von Ran Ronen, der als Vertreter des Zentralrats der Juden bei dem Gedenkmarsch dabei war und davon sprach, dass die Juden in Deutschland die Koffer wieder vom Dachboden holen. Es reicht nicht, noch zusätzlich drei Polizeiwagen vor die Synagoge zu stellen. Wir müssen uns als Mehrheitsgesellschaft klar sein, dass, solange Synagogen bewacht werden müssen, etwas falsch läuft in unserem Land.

Sie haben 2014 Ihre erste Auslandsreise als Ministerpräsident nach Israel gemacht. Warum?
Genau aus diesem Grund. Mein klares Bekenntnis, gerade als Deutscher, zu Israel ist meine Antwort auf alle, die meinen, sie müssten ihr Mütchen an Israel kühlen. Das gilt auch für Vertreter meiner Partei. Bei aller Notwendigkeit, auch über die Realpolitik Israels streiten zu müssen, ist die entscheidende Frage, wie man das macht. Streite ich, indem ich wie BDS sage, Israel ist ein Apartheidstaat? Mache ich das, indem ich eine Malerei anfertige, auf der Israelis als Schweine dargestellt werden? Dafür habe ich kein Verständnis.

Ihre Partei hat die Verurteilung von BDS durch den Bundestag 2019 nicht mitgetragen. War das ein Fehler?
Ich war zu der Debatte nicht eingeladen, sonst hätte ich dort meine Meinung klar formuliert. Die Schwierigkeit ist, dass bei der Zugespitztheit, mit der diese Debatten manchmal geführt werden, berechtigte Kritik vermischt wird mit Fundamentalkritik. Ich sage, jeder, der sich kritisch mit Israel auseinandersetzen möchte, der muss sich erst einmal auf die Seite unserer Verantwortung stellen. Und diese Verantwortung zwingt mich, dass ich Fragen zu Israel an die Menschen in dem Land selbst richte. Aber man kann nicht glauben, man könne sich zu der BDS-Debatte, die in Deutschland stattfindet, neutral verhalten.

Auf der documenta hat sich gezeigt, wie eng BDS und Antisemitismus verbunden sind. Teilen Sie die Forderung, die Kunstschau vorzeitig abzubrechen?
Die documenta hat schon immer provoziert. Aber dieses Mal hat sie ihren Orientierungsrahmen verloren. Spätestens nach dem Auftauchen des Bildes, das einen israelischen Soldaten als Schwein darstellt, hätte jeder sagen müssen, das geht nicht. Einen Juden als Schwein darzustellen, ist die gleiche Sprache, die die SA, die SS, der »Stürmer« benutzt haben. Die Frage, ob man die documenta abbrechen soll oder nicht, ist aber nicht mein Problem. Mein Problem ist, dass die, die dafür Verantwortung tragen, offenkundig nicht wissen, was sie da tun. Antisemitismus, auch als Kunst verkleidet, darf man nicht einfach durchgehen lassen.

Sie waren zum Holocaust-Gedenktag für die Sinti und Roma am 2. August in Auschwitz. Warum war Ihnen die Reise wichtig?
Es gibt eine persönliche Geschichte dazu: Mein erster Arbeitstag als Ministerpräsident 2014 war ein Besuch in der Jüdischen Gemeinde von Erfurt, in der Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, auf Einladung des Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, über die aktuelle Situation der Sinti und Roma gesprochen hat. Und dann hat mir Reinhard Schramm erzählt, dass er seit vielen Jahren zum Holocaust-Gedenktag der Sinti und Roma nach Auschwitz fährt. Da habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann mitfahre. Als ich die Einladung bekam, zum Gedenktag nach Auschwitz zu fahren und dort als Bundesratspräsident eine Gedenkrede zu halten, habe ich sofort zugesagt. Das war mir eine große Ehre.

Mit dem Thüringer Ministerpräsidenten und amtierenden Bundesratspräsidenten sprach Joshua Schultheis.

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Das eingeschaltete Blaulicht ist auf dem Dach von einem Einsatzfahrzeug der Polizei am 28.02.2026 bei einem Polizeieinsatz zu sehen.

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026