Österreich

Anschluss verpasst

75 Jahre nach dem Einmarsch der Wehrmacht liegen »Führer-Sehnsucht« und Fremdenfeindlichkeit im Trend. Zum Glück nicht bei der Mehrheit

von Vladimir Vertlib  13.03.2013 09:58 Uhr

Ein Österreich-Klischee besagt, dass in diesem Land der Schein mehr zählt als das Sein. Foto: dpa

75 Jahre nach dem Einmarsch der Wehrmacht liegen »Führer-Sehnsucht« und Fremdenfeindlichkeit im Trend. Zum Glück nicht bei der Mehrheit

von Vladimir Vertlib  13.03.2013 09:58 Uhr

Macht macht geil, besonders in einem konservativen Land wie Österreich, in dem überkommene Hierarchien oft immer noch als selbstverständlich hingenommen werden und die Sehnsucht nach einer starken Führungspersönlichkeit, die für Ordnung und soziale Gerechtigkeit sorgt, mediokren Gestalten ungeahnte politische Höhenflüge ermöglicht. Der 80 Jahre alte österreichisch‐kanadische Industrielle und Milliardär Frank Stronach gründete im September 2012 eine politische Partei, die er schlichtweg »Team Stronach« nannte.

Bei den kürzlich abgehaltenen Wahlen in Kärnten und Niederösterreich erzielte diese Partei auf Anhieb sehr gute Ergebnisse und wird in die Landtage dieser Bundesländer einziehen. Dass das »Team« weder ein klares Programm noch kompetente Persönlichkeiten in seinen Reihen hat, spielt keine Rolle. Frank Stronach hat es in seinem Leben weit gebracht. Sein Erfolg ermöglicht es ihm, Macht und Einfluss zu kaufen. Und wer es so weit nach oben schafft, wer ein Unternehmen gewinnbringend führt, dem trauen viele zu, auch den Staat auf den rechten Weg zu bringen.

umfrage Eine jüngst von der liberalen österreichischen Tageszeitung Der Standard in Auftrag gegebene Umfrage besagt, dass sich 61 Prozent der Befragten einen starken Mann an der Spitze Österreichs wünschen, 42 Prozent bejahen die Aussage »Unter Hitler war nicht alles schlecht«, und 57 Prozent meinen, Leistungen vom Staat solle es »nur für das eigene Volk«, also nicht für Zuwanderer und »Fremde«, geben.

Nun sind 502 »repräsentativ ausgewählte Wahlberechtigte« eine sehr kleine Stichprobe. Aus meiner Arbeit als Statistiker vor vielen Jahren weiß ich außerdem, dass man durch eine zufällige Auswahl von Befragten oft ein aussagekräftigeres Ergebnis erzielt als durch einen sogenannten repräsentativen Querschnitt, weil im letzteren Fall schon die Kriterien, nach denen die Auswahl getroffen wird, die Haltung jener widerspiegeln, die eine solche Studie durchführen. Das relativiert ein wenig das scheinbar erschreckende Ergebnis dieser Umfrage. Bagatellisieren sollte man es trotzdem nicht.

Frank Stronach zieht in erster Linie jene Wähler an, die einst in Jörg Haider den Erlöser sahen und den durch Spaltungen, Skandale und Intrigen geschwächten »freiheitlichen« Parteien (FPÖ/BZÖ/FPK) unter Haiders Nachfolgern heute nicht mehr viel abgewinnen können. Manche Ideen des neuen »starken« Mannes – zum Beispiel die Abschaffung des Euro‐Raums – hätten Haider sicher gefallen.

NS‐Vergangenheit Österreichs intensive Auseinandersetzung mit der eigenen NS‐Vergangenheit setzte erst spät, nämlich Mitte der 80er‐Jahre im Zuge der sogenannten Waldheim‐Affäre ein. Während dabei eine Zivilgesellschaft entstand und sich organisierte, begann zeitgleich der Aufstieg der Freiheitlichen Partei unter Jörg Haider als »populistische Führerbewegung«, die als Sammelbecken für all jene diente, die den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungsprozess als beängstigenden Niedergang erlebten – Protestwähler und Modernisierungsverlierer in einem wenig urbanisierten Land, in dem bis dahin klare, überschaubare Strukturen herrschten.

Die Ausländerfeindlichkeit und der Antisemitismus von Haiders Freiheitlichen diente in einem Staat, dessen eigene Identität ambivalent und in dem die Verharmlosung oder das Verschweigen von NS‐Verbrechen die Norm gewesen waren, der zusätzlichen Mobilisierung von Wählern.

So entwickelte sich eine Polarisierung der Gesellschaft, die bis heute fortwirkt: Gebildeten, meist jungen Menschen, die eine liberale, weltoffene Haltung an den Tag legen, wie sie vor 20 Jahren noch nicht üblich war, stehen jene gegenüber, von denen viele noch »vor Waldheim« aufgewachsen sind oder deren rückwärts gewandte Kleingeistigkeit der Kleinräumigkeit ihrer Lebenswelt geschuldet ist. In diesem Kontext ist das Ergebnis der erwähnten Befragung zu bewerten. Unter jenen, die sich einen starken Mann wünschen oder Hitlers Herrschaft etwas Positives abgewinnen können, finden sich überdurchschnittlich viele ältere Menschen.

klischee Ein Österreich‐Klischee besagt, dass in diesem Land der Schein mehr zählt als das Sein, die griffige Phrase wichtiger ist als die nüchternen Tatsachen, das Lamento zum Selbstgenuss gehört und nur zum Teil reale Befindlichkeiten widerspiegelt. Wie viele andere Klischees hat auch dieses einen wahren Kern. Österreich gehört zu den Ländern mit den besten Wirtschaftsdaten und der niedrigsten Arbeitslosigkeit in Europa. Die sozialen Konflikte sind schwächer als anderswo, physische Übergriffe gegen Zuwanderer, Juden oder andere Minderheiten selten.

So mancher kommt mit den »Fremden« im Alltag gut aus, stimmt bei Wahlen aber für Stronach oder die FPÖ und gibt bei Befragungen vor, jemand anderer zu sein. Österreich war immer schon ein Land der Inkonsequenzen und Paradoxien. Das ist besorgniserregend und beruhigend zugleich. Vielleicht sollte man sich bemühen, hinter die Kulissen zu schauen, vorausgesetzt natürlich, man erkennt, auf welcher Seite der Kulisse man sich gerade befindet.

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