Porträt

Angekommen in Givat Schmuel

Kein Außenseiter mehr: Eliyah Havemann mit Sohn Levi Foto: Ulrike Schleicher

Eliyah Havemann hat eine Brille, Geheimratsecken, er trägt eine schwarze, gehäkelte Kippa, eine Jeans, aus der links und rechts die Schaufäden heraushängen, sein Hemd ist gestreift, sein Bart ist nicht lang, aber auch nicht kurz, und Havemann ist weder dick noch dünn. Kurzum, der 38-Jährige fällt nicht weiter auf, wenn er durch die Straßen der Stadt Givat Schmuel nahe Tel Aviv geht – und das ist ihm nur recht so. Denn im Gegensatz zu Menschen, die um jeden Preis aus der Masse herausstechen wollen, fühlt sich der Computerfachmann in seiner Anonymität so frei wie nie zuvor.

Vor vier Jahren ist Havemann Jude geworden. Warum, wie lange die Prozedur dauerte, was Judentum bedeutet und woher seine Liebe zu Land und Leuten kommt, darüber hat er ein Buch mit dem Titel Wie werde ich Jude? geschrieben. Es erscheint am 17. März in Deutschland, und der Autor begibt sich dort auf Lesereise. Für kurze Zeit taucht er dann wieder ein in sein ehemaliges Leben, das ihm Lust und Last zugleich war.

dissidenten Als er am 8. Mai 1975 als Felix Havemann zur Welt kam, beschrieb sein Vater die Geburt zwar als »Selbstbefreiung«. Das traf jedoch nur für die physische Ablösung von der Mutter zu. Tatsächlich geriet der Sprössling in eine Familie, die sein Leben in hohem Maße beeinflusste und beeinflusst, aufgrund ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart. Da war zum einen Robert Havemann, der Großvater mütterlicherseits. Der Chemieprofessor und Kommunist kämpfte im Widerstand gegen die Nazis, war später Abgeordneter der DDR-Volkskammer, wurde später zum Dissidenten und stand jahrelang unter Hausarrest.

Und da sind zum anderen die Eltern: seine Mutter Sibylle Havemann und sein Vater, der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann, dessen Ausbürgerung aus der ehemaligen DDR 1976 Furore machte. »Ich bin nicht nur mit meiner eigenen Geschichte aufgewachsen, sondern insbesondere mit der meiner Eltern – meines Vaters. Und ich musste mich permanent mit ihm auseinandersetzen«, schreibt Havemann. Etwa als Schüler, wenn ihm das Konterfei Biermanns im Geschichtsbuch entgegenblickte, das Thema DDR auf dem Lehrplan stand und ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mitschüler, vor allem aber die der Lehrer, gewiss war. »Das war lästig«, sagt er. In ihm selbst löste die Berühmtheit seines Vaters widersprüchliche Gefühle aus: »Einerseits fand ich es cool, andererseits wurde ich aufgrund dieser Besonderheit oft auch ausgeschlossen.«

aussenseiter Die Eltern trennten sich später. Und der Junge musste mit dem Widerspruch zurechtkommen, dass Biermann aus seinem Alltag verschwand, aber auf Plakaten, in Zeitungen und im Fernsehen trotzdem allgegenwärtig war. Als Felix Havemann dann ins Teenageralter kam, nahm neben dem Vater auch der Großvater väterlicherseits im Bewusstsein des jungen Mannes Platz. Dagobert Biermann, Werftarbeiter in Hamburg, Kommunist, Widerstandskämpfer gegen die Nazis – und als Jude in Auschwitz ermordet. Havemann wurde mit dessen Schicksal zunächst innerhalb der Familie konfrontiert: »Großvater und der Holocaust waren sehr präsent«, erinnert sich der gelernte Tontechniker. »Mein Vater hat Gedichte und Lieder darüber geschrieben. Und er hat zum Beispiel das Gedicht von Jizchak Katzenelson Großer Gesang vom ausgerotteten, jüdischen Volk übersetzt.«

In der Schule genügte dieser Part der Familiengeschichte für eine zweite Sonderrolle – »Fremdbewunderung«, wie Havemann es nennt. Wie er sich damit fühlte, beschrieb er im Jahr 2012 in dem Buch Ein Spaziergang war es nicht bei Heyne, eine Sammlung von 18 autobiografischen Texten unterschiedlicher Autorinnen und Autoren, die ihre Kindheiten zwischen DDR und Bundesrepublik erlebt hatten: »Damals waren meine Mitschüler fast alle Enkel von Großeltern, die als Deutsche im Dritten Reich gelebt haben. Juden und Ausländer gab es so gut wie keine.

Ich erinnere mich an einen Iraner, eine Schwarze, ein paar Russlanddeutsche, aber an keinen Juden. Ich war also wieder der alleinige Außenseiter mit meinen beiden Großvätern: der eine ein kommunistischer Untergrundkämpfer, der für Juden Ariernachweise gefälscht hatte; der andere auch Untergrundkämpfer und noch dazu Jude, der in Auschwitz ermordet worden war. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, dass ich es als Kind schwer hatte. In der Schule musste ich mich durchbeißen. Ich war der, über den sich alle lustig machten.«

heimat Nach dem Abschluss der Schule suchte Felix Havemann seinen eigenen Weg, ging wenigstens äußerlich auf Distanz zu seiner Familie – »ins Fahrwasser meines Vaters wollte ich nicht geraten«. Er begann, Mathematik zu studieren, brach ab, lernte Tontechniker, um schließlich in die IT-Branche hineinzurutschen. Doch die Familiengeschichte ließ ihn nicht los. Auf der Suche nach seinen Wurzeln zog er nach Berlin, »wo einst mein Großvater an der Universität lehrte«.

In der Hauptstadt fand der junge Mann so etwas wie Aufgehobenheit, ein Gefühl, das ihm bis dahin fremd gewesen war: »Wir sind oft umgezogen – von Hamburg nach Rheinland-Pfalz in ein kleines Dorf, von dort ins Elsass.« Stets sei er ein Fremder gewesen. Verbundenheit zu Orten kannte er nicht. Heimat war ihm kein Begriff und »Heimweh habe ich nie erlebt«.

Auch Dagobert Biermanns Erbe bestimmte Havemanns Leben weiter. Weil sein Großvater in Auschwitz ermordet worden war, musste er nicht zur Bundeswehr. Mehr aus dem Bedürfnis heraus, »vor dem Berufsleben noch etwas von der Welt zu sehen«, reiste Felix 1995 nach Israel, um in einem Kibbuz als Freiwilliger zu arbeiten. Acht Monate lang blieb er und »genoss Sonne, Strand und schöne Frauen«.

Das Land, seine Geschichte und politische Situation interessierten ihn wenig: »Ich war ganz schön naiv«, sagt der heute 38-Jährige im Rückblick. Erst das Attentat auf Yitzhak Rabin und die große Trauer der Menschen um den ermordeten Ministerpräsidenten rüttelten ihn wach, erinnert er sich. Havemann begann, sich mit Israel ernsthaft zu befassen. Seitdem flog er immer wieder in das Land, schloss Freundschaften und spürte zunehmend, wie befreit er sich hier fühlte. »Ich war niemand Besonderes. Und fast alle hier waren auf der Suche nach ihrer Heimat, bis sie hierherkamen.«

orthodox
Es dauerte jedoch mehr als zehn Jahre, bis Havemann zusammen mit seiner Frau Jenny endgültig nach Israel zog. Für die Verzögerung gab es viele Gründe: die berufliche Ausbildung, ein guter Job, Spaß, Freunde in Hamburg und »ein schicker Alfa Romeo«, grinst er. Doch letztendlich war der Wunsch, eine Heimat zu finden, stärker. Felix entschied sich, nach Israel zu ziehen, und zwar mit allen Konsequenzen. »Es ging darum, wie ernst es mir ist. Auf welche Art ich dort leben will.«

Havemann, ungetauft und atheistisch erzogen, entschied sich, zum Judentum zu konvertieren: »Wenn schon, denn schon.« Drei Jahre lang lernte er bei einem Rabbiner die Grundlagen des Glaubens, ließ sich beschneiden und tauchte schließlich in die Mikwe. Havemann, der als orthodoxer Jude lebt, fasziniert vor allem die Gesprächskultur und das Rationale am jüdischen Glauben: »Man kann über alles diskutieren.« Der Rabbiner sei nicht, wie ein Pfarrer, derjenige, dem die Weisheit allein gehöre: »Er muss sich mit den Fragen der anderen auseinandersetzen.«

Orthodoxie heißt für Havemann nicht Unduldsamkeit gegenüber anderen Strömungen des Judentums. Im Gegenteil. Er und seine Frau haben Freunde, die sich bei der Bewegung »Neshot Hakotel – Women of the Wall« engagieren. Die Organisation kämpft seit 25 Jahren dafür, dass Frauen an der Klagemauer laut beten und dabei auch Tallitot, Tefillin und Kippot tragen dürfen. Sehr zum Ärger des Oberrabbinats. Eliyah Havemann ist da lockerer: »Wir verbringen den Schabbat gemeinsam, und jeder macht das, was der Glaube ihm vorgibt. Und niemand hat ein Problem damit.«

Für Eliyahs Vater Wolf Biermann war es schwer, den Weg seines Sohnes nachzuvollziehen. »Nach Auschwitz kann er nicht mehr glauben, dass es einen Gott gibt. Ich kann das verstehen.« Der 38-Jährige selbst jedoch hat sein Glück gefunden: »Es ist Haschem«, sagt er. Gott habe schon immer in ihm gewohnt. Sagt es, setzt seinen Sohn Levi in den Kinderwagen und macht sich auf den Heimweg. In den Straßen von Givat Schmuel sieht man Männer mit Kippa und Jeans, aus denen links und rechts die Schaufäden hängen, die weder dick noch dünn sind. Eliyah Havemann fällt nicht weiter auf. Er gehört dazu.

Eliyah Havemann: »Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?« Ludwig, München 2014, 240 S., 19,99 €

Lesungstermine:
Leipzig, Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstraße 14:
Donnerstag, 13. März, 21 Uhr

Hamburg, Talmud-Tora-Schule, Grindelhof 30:
Montag, 17. März, 19 Uhr

Zürich, Lüthy + Stocker, Kalanderplatz 1:
Dienstag, 18. März, 20 Uhr

Berlin, Jüdisches Museum, Lindenstraße 9–14:
Mittwoch, 19. März, 19 Uhr

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