Meinung

Das Tischtuch ist zerschnitten

Achim Doerfer ist Stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen. Foto: picture alliance / dpa

Meinung

Das Tischtuch ist zerschnitten

Die niedersächsische »Linke« hat auf ihrem Parteitag einen Beschluss gegen den Zionismus verabschiedet. Das schadet dem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Deutschland

von Achim Doerfer  18.03.2026 12:14 Uhr

Der »antizionistische« Beschluss des niedersächsischen Landesverbands der Partei »Die Linke« vom 15. März ist geschichtsvergessen und schadet dem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden. Der Beschluss ist nicht Außenpolitik – in Israel interessiert er keinen –, sondern hat innenpolitische Bedeutung und Wirkung. In skurriler Weise liest sich das bis ins Detail, als existiere die Sowjetunion noch und habe die Feder geführt. Nach dem Motto: aus der Mottenkiste zurück ins Schaufenster.

Lenin lehnte »rassischen« Antisemitismus ab, propagierte aber einen scharfen Antizionismus. Nachdem Stalin klar wurde, dass Israel kein sozialistischer Staat werden würde, trieb er den Antizionismus voran. Kein intellektuelles Spiel: Zu den Justizmorden der angeblichen Ärzteverschwörung führt ein direkter Weg. Stalin: »Jeder jüdische Nationalist ist Agent des amerikanischen Geheimdienstes (…) Unter den Ärzten gibt es viele jüdische Nationalisten.« Ab 1983 wirkte ein »Antizionistisches Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit«. Ein plumper Versuch, antizionistisch und »nicht-antisemitisch« zu sein.

Statt eine Regierung zu kritisieren, schreibt man deren Handeln dem Zionismus zu und greift diesen an.

»Die Linke« Niedersachsen nahm sich daran ein Beispiel und versicherte wenig glaubhaft, sie lehne den »heute real existierenden« Zionismus ab. Die Maske fiel schnell. Antragsteller Erik Uden postete in den sozialen Medien stolz, dass sein Antrag »zur Ablehnung des Zionismus« auf dem Landesparteitag angenommen wurde. »Das macht uns zum ersten antizionistischen Landesverband von Die Linke!«

Statt eine Regierung zu kritisieren, schreibt man deren Handeln dem Zionismus zu und greift diesen an. Warum der Umweg, wenn man nicht generell dem Zionismus schaden will? Die Sowjetunion griff so gesehen auch »nur« den real existierenden Zionismus an; ein Taschenspielertrick schon damals. So ein »Antizionismus« hat üble Folgen für die Situation der Jüdinnen und Juden in Deutschland. An »Die Linke« in Niedersachsen: Das Tischtuch zwischen uns ist zerschnitten.

Der Autor ist Stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen.

Meinung

Die Hertie School ist eine seltene Ausnahme

An der privaten Hochschule wurde die Studierendenvertretung für eine Pro-BDS-Resolution abgestraft. Das ist ein wichtiges Signal. Doch das Problem des Antisemitismus an deutschen Universitäten reicht viel weiter

von Ron Dekel  18.03.2026

Kommentar

Jetzt offenbart die Linke ihr wahres Gesicht

Wer den Zionismus ablehnt, lehnt die Existenz eines jüdischen Staates ab - und damit genau jenen Schutzraum, der für Juden weltweit nach Jahrhunderten der Verfolgung existenziell geworden ist

von Daniel Neumann  17.03.2026

Meinung

Linke: Rotes Fähnchen im antizionistischen Wind

Linken-Parteichef Jan van Aken bagatellisiert den Beschluss seiner Genossen in Niedersachsen zu Israel. Damit dürfte er nicht durchkommen

von Michael Thaidigsmann  16.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026

Kommentar

Chamenei und die VIP-Lounge im Paradies

»VIP?«, fragt ein Engel durch den Türspalt. »Gewiss. Ich bin der Erhabene Führer«, sagt er ungeduldig

von Louis Lewitan  12.03.2026

Lanz und Precht

»Irgendwie so bombt man sich das Ganze am Ende zurecht«

In ihrem wöchentlichen Podcast versuchen sich Talkmaster Markus Lanz und Philosoph Richard David Precht an einer Analyse der Hintergründe des Irankriegs – und scheitern gewaltig

von Michael Thaidigsmann  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Meinung

Die Revolutionsgarde muss jetzt verboten werden!

Trotz Listung auf der EU-Terrorliste kann der verlängerte Arm des iranischen Regimes in Deutschland weiter seine Propaganda verbreiten. Um das zu unterbinden, muss die Bundesregierung endlich ein Betätigungsverbot verhängen

von Sophie Albers Ben Chamo  11.03.2026