ELES

Zweierlei Gedächtnis

Es war eine tiefgreifende Zäsur. Mit dem Beginn der russischsprachig-jüdischen Einwanderung vor nunmehr 25 Jahren endete die Geschichte des alten bundesrepublikanischen Judentums. Damit veränderte sich zugleich das auf die Schoa bezogene jüdische Narrativ in Deutschland, das bis dahin vor allem durch die Erfahrungen der Gründergeneration nach 1945 geprägt war. Fortan rückte eine russisch-sowjetische Perspektive stärker in den Mittelpunkt.

Dass dies vor allem für die Generation der in Deutschland herangewachsenen jungen Juden eine besondere Herausforderung darstellt, davon konnte man sich auf der hochkarätig besetzten Konferenz »Aufbruch? Jüdische Erinnerungen heute« des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) ein Bild machen.

Denn sie mussten sich mit zwei ziemlich unterschiedlichen Narrativen auseinandersetzen. »Schließlich betrachteten sich viele der jüngeren Juden mit russisch-sowjetischem Hintergrund als Enkel von Siegern«, wie es Karen Körber von der Philipps-Universität Marburg auf den Punkt brachte. »Eine Opferidentität, wie sie in der ›alten‹ bundesrepublikanische Gemeinschaft vorherrschte, war ihnen weitestgehend unbekannt.«

Gedächtnis Der Große Vaterländische Krieg bildete für sie die Klammer und dominierte die ansonsten oft heterogenen Erinnerungen. »Das familiäre Wissen stand somit in einem nicht zu unterschätzenden Gegensatz zum an den Schulen hierzulande gelernten Wissen über die Schoa«, so die Kulturwissenschaftlerin weiter. Ihrer Meinung nach führte das zu einer Erweiterung des jüdischen Gedächtnisses. »So wurde der sowjetische Soldat fortan stärker auch als jüdischer Soldat wahrgenommen, was sich zugleich als Widerspruch zum gängigen sowjetischen Geschichtsbild deuten lässt, in dem dieser lange Zeit einfach nicht vorkam«, erklärte Körber.

Dass es reichlich problematisch ist, im jüdischen Kontext überhaupt von einer kollektiven Erinnerung zu sprechen, weil diese wohl eher auf einen Nationalstaat mit seiner Einheit von Raum, Zeit und Bevölkerung verweist, zeigten die Diskussionen. »Darüber hinaus hatte es das sowjetische Judentum mit einer ganzen Serie von Katastrophen zu tun«, so die These von Dmitrij Belkin, Historiker und ELES-Referent. »Auf die Pogrome unmittelbar nach der Oktoberrevolution folgten die stalinistischen Säuberungen, der Zweite Weltkrieg und schließlich der Zerfall der Sowjetunion.« Die Kontinuität der Tragödien konnte kaum spurlos an ihnen vorbeigehen und mündete nicht selten in soziale Apathie.

Moment »Bemerkenswerterweise vollzog sich die Pluralisierung der Erinnerung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hierzulande genau in dem Moment, als die Schoa gerade frisch in das deutsche Gedächtnis eingeschrieben war«, ergänzte Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung. »Das Erinnern an die Verbrechen an den Juden war bis dahin alles andere als ein bundesdeutscher Normalzustand.«

Wie übrigens Erinnerungspolitik nach Gutsherrenart aussehen kann, davon gab Christoph Stölzl, Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums, in seiner Diskussion mit Georg Diez vom »Spiegel« ein Beispiel, das vielen Teilnehmern reichlich Magenschmerzen bereitete: In seinen Ausführungen über die in der Ära Helmut Kohl errichteten Gedenkstätten hatten Juden allenfalls als Statisten einen Platz. Die wie im Falle der Neuen Wache par ordre du mufti errichteten Mahnmale sollten der Welt beweisen, wie man Erinnern vorbildhaft organisiert, und zugleich die eigene Wiedergutwerdung nach außen demonstrieren.

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  08.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026