»Der letzte Mentsch«

Zu viel gewollt

Szene aus »Der letzte Mentsch« Foto: Emil Zander

Marcus Schwarz behält seinen Stein in der Hand, den er noch mit auf den Weg geben wollte. Bei der Beerdigung einer Bekannten, die sich eine Feuerbestattung wünschte, verschwindet der Sarg einfach zu schnell. Für den über 80-jährigen Einzelgänger wird es selbst langsam Zeit, an das eigene irdische Ende zu denken. Und da er ja eigentlich Menahem Teitelbaum heißt, möchte er als Jude begraben werden.

So begibt er sich auf einen jüdischen Friedhof. Dort wird er jedoch nur verewigt, wenn er beweisen kann, dass er wirklich Jude ist. In der Kölner Synagoge muss er sich mit einem jungen Schnösel herumstreiten. Ohne Geburtsurkunde, ohne Familie könnte da ja jeder als Jude daherkommen. Und die von den Nazis im Lager eintätowierte Nummer hat auch keine Beweiskraft. Es wurden ja nicht nur Juden ins KZ verschleppt ...

identität Mario Adorf spielt in Pierre-Henry Salfatis Der letzte Mentsch diesen alten, würdevollen Mann, der sich plötzlich seiner jüdischen Identität wieder bewusst wird. Als einziger Überlebender seiner Familie ist er nach dem Krieg in Deutschland geblieben, wollte nie die sogenannte Wiedergutmachung annehmen und nichts mehr von der Vergangenheit, von den Schrecken von Theresienstadt und Auschwitz wissen. Und nun muss er zurück in seine Geburtsstadt Vác nach Ungarn, um zu beweisen, dass er Jude ist.

Per Zufall lernt er Gül, eine wütende, mit sich und der Welt unzufriedene junge Frau kennen, die kurzerhand den Wagen ihres russischen Freundes kapert, um den »alten Mann« für 500 Euro plus Spesen nach Ungarn zu fahren. Gül ist eine zickige, schroffe Spätpubertierende, halb Deutsche und halb Türkin, die im Film dann auch mal öfter »Alter«, »Fick dich« und »Respekt« sagen muss, um die Unangepasstheit ihrer Figur zu demonstrieren. Es ist die erste schlechte Idee des Drehbuchautors und Regisseurs Salfati, dieses ungleiche Paar auf eine Reise zu schicken und genremäßig in eine Mischung aus historisierendem Roadmovie mit Elementen einer Buddy-Komödie zu verknüpfen.

selbstfindungswerk Spätestens mit der Ankunft in Ungarn stimmt dann nichts mehr in diesem Selbstfindungswerk. Budapest wird als Postkartenklischee mit obligatorischem Besuch im Gellert-Hotel und Bad abgefilmt. Die aktuelle Situation von Juden in Ungarn, die Mischung aus der Renaissance jüdischen Lebens, Tourismus, den rechtsradikalen Jobbiks und ihrer neofaschistischen »Ungarischen Garde« wird bis auf ein paar beiläufige Fernsehbilder ausgeblendet.

Die ungarischen Rabbiner sprechen alle prima Deutsch, der in Vác sogar völlig akzentfrei, und es tauchen dann jede Menge pittoresker Nebenfiguren auf, die alle irgendein Multikulti-Klischee bedienen. Da ist der sympathische Hallodri und griechische Schrotthändler, der als kleiner Junge für die Teitelbaums als »Schabbesgoj« arbeitete, oder die blinde, weißhaarige Ethel, die in einem jüdischen Altersheim wohnt. Hannelore Elsner verkörpert dieses elfenhafte Wesen mit einer kaum zu überbietenden Peinlichkeit.

Handlungssprünge Spätestens in diesem letzten Drittel des Films überwiegt dann der Ärger. Immer unglaubwürdigere Handlungssprünge wechseln sich mit peinlichen Dialogen und sentimental-kitschiger Musik ab. Der Generationenwechsel wird nicht nur mit der dramaturgisch misslungenen Figur der Deutschtürkin Gül versucht, sondern in Ungarn filmt auch noch ein Gutmenschdeutscher für Steven Spielbergs »Shoa Foundation«. Und Menahem, der sich immer weigerte, von den Schrecken der Lager und des Judenmordes zu erzählen, legt dann doch noch Zeugnis ab. Diese Szenen sind leider nur ein weiterer Beweis für die vielen schlechten Ideen der Drehbuchautoren, die ihren Film rettungslos überfrachten.

Hier ist trotz eines guten Hauptdarstellers eine Chance vertan worden, einen komplexen Film über die Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Identität zu schaffen. Der hauptsächlich für das Fernsehen arbeitende französische Regisseur Pierre-Henry Salfati hat sich schlicht übernommen, viel zu viel gewollt und muss so scheitern.

»Der letzte Mentsch«, Frankreich, Schweiz, Deutschland 2014. Regie: Pierre-Henry Salfati. Mit Mario Adorf, Katharina Derr, Hannelore Elsner. Kinostart: 8. Mai

Lesen Sie das Interview zum Film:
www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19094

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