Kunst

Zentrum der Moderne

Liberté, Égalité, Fraternité! Wer sich als Künstler weiterentwickeln wollte, ging nach Paris, denn auch in der Kunstszene galt diese Parole. So war die Stadt um 1900 zum Mekka der Kunstwelt geworden: Es gab Museen und Galerien sowie zahlreiche Schulen, die allen – Frauen wie Männern ungeachtet ihrer Herkunft – offenstanden. Viele neue Impulse kamen aus der Metropole.

Die Ausstellung Paris Magnétique. 1905–1940 im Jüdischen Museum Berlin (JMB) geht diesen Impulsen nach und eröffnet neue Perspektiven. Dabei zeigt sie die jüdischen Künstler, die die Szene zum Schillern brachten, und erkundet, welche Rolle ihre jüdische Herkunft spielte.

Sie kamen primär aus Mittel- und Osteuropa. Mit anderen zugezogenen Künstlern bildeten sie die sogenannte École de Paris. Diese war weder Schule noch Strömung, sondern die lose Gemeinschaft internationaler Künstler, für die Paris eine Art Schule war und dessen Kunstszene sie nun prägten, unter ihnen Marc Chagall, Amedeo Modigliani und Sonia Delaunay.

publikum Die Schau war 2021 im Musée d’art et d’histoire du Judaïsme in Paris zu sehen, wo Pascale Samuel sie kuratierte. Shelley Harten, Kuratorin am JMB, hat sie nun geschickt für das hiesige Publikum adaptiert. In zehn Kapiteln reist der Besucher durch die Jahrzehnte und erlebt, wie sich die École de Paris entfaltet. Ihn geleiten dabei etwa 140 Werke von 33 Kunstschaffenden.

Den Anfang machten 1903 interessanterweise ein paar deutsche »Expats«: Rudolf Levy und Walter Bondy. Sie waren oft im Café du Dôme in Montparnasse anzutreffen, sodass sich bald Künstlerkollegen zu ihnen gesellten, die wie sie in München studiert hatten.

Darunter der Ungar Béla Czóbel. 1919 ging er nach Berlin, seine Werke sind derzeit auch in der Berlinischen Galerie in der Ausstellung Magyar Modern zu sehen. Im JMB gibt nun sein farbenfrohes, sommerliches, fauvistisches Bild »Maler auf dem Lande« (1906) einen Eindruck aus seiner Pariser Zeit.

JULES PASCIN Eine besonders illustre Figur im deutschsprachigen Kreis war der 1885 in Bulgarien geborene Jules Pascin. Budapest, Wien und München lagen hinter ihm, als er 1905 in Paris eintraf. Seine Arbeiten waren gefragt: Sowohl in Paris als auch bei Paul Cassirer in Berlin stellte er aus. Mit Zeichnungen für Zeitungen verdiente er sein Geld, bevor er Gemälde schuf. Leichte, weiche, fließende Linien kennzeichnen seine Werke wie bei den hier ausgestellten »Les Petites Américaines« (1916).
Seine Bilder fallen aufgrund ihrer hellen Farben und ihres Flirrens auf. Es sind oft schnell gefertigte Skizzen, die auf seinen unruhigen Geist hinweisen.

Alice Halicka reiste 1921 nach Krakau, um das Leben im jüdischen Viertel einzufangen.

Pascin war umtriebig. Nach Paris folgten Brüssel, London und die USA, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Als er 1920 nach Paris zurückkehrte, schwirrte er durchs Nachtleben der Metropole.
Ernest Hemingway nannte ihn den »Prinz von Paris«. 1930 erlag er seinen jahrelangen Depressionen durch Selbstmord. Es überrascht, dass Pascin trotz seiner Produktivität, seines charakteristischen Stils und seiner Verbindungen zu Deutschland hier kaum bekannt ist. Damit ist er eine faszinierende Entdeckung.

Die meisten Emigran­ten hatten es schwerer. Sie zog es ins Künstlerhaus La Ruche, in dessen Welt ein weiteres Ausstellungskapitel blickt. La Ruche bot günstige Ateliers und war bei Neuankömmlingen beliebt. Der aus Russland stammende Michel Kikoïne hat es 1913 in »La Ruche im Schnee« festgehalten. Das Bild strahlt eine angenehme Ruhe aus.

Als der Maler 1912 ins Haus einzog, hatte sich sein Landsmann Marc Chagall da bereits eingerichtet. Dort konnte Kikoïne sich mit vielen anderen auf Jiddisch verständigen und ein Netzwerk aufbauen. La Ruche war ein Hort des Übergangs, bis sich die Künstler in die Pariser Gesellschaft integriert hatten.

AVANTGARDE Die jüdische Herkunft der Künstler floss anfangs selten in ihre Arbeit ein. Stattdessen fanden sich die Strömungen der Avantgarde wie die des Kubismus in ihren Werken wieder, die Ausstellung zeigt mit Gemälden und Skulpturen viele Beispiele. Ein Bild stammt von der in Krakau geborenen Malerin Alice Halicka. Auch sie studierte in München, bevor sie 1912 nach Paris übersiedelte.

Als in den 1920er-Jahren der Zustrom jüdischer Einwanderer wuchs, begannen einige Künstler, sich doch ihrer jüdischen Kultur zuzuwenden. So auch Halicka. 1921 reiste sie in ihre Heimat, um das Alltagsleben im jüdischen Viertel einzufangen. Dazu griff sie für »La Conversation« einen folkloristischen Stil auf.

Im dazugehörigen Abschnitt »La Renaissance Juive« deckt die Schau auf, wie vielfältig die Beschäftigung mit der eigenen Kultur war: Viele Publikationen erschienen, die sich speziell jüdischen Künstlern widmeten.

EXIL Auf die wilden 20er-Jahre in Paris, die mitunter wunderbar durch Lou Albert-Lasards Skizzen aus dem Pariser Nachtleben illustriert werden, folgt hier mit den 1930er-Jahren die Vorahnung auf das drohende Ende der Pariser Schule. 1940 trat es mit dem Einmarsch der deutschen Truppen ein. Die Künstler wurden verfolgt, ihre Ateliers zerstört. Einige gingen ins Exil, andere überlebten im Untergrund, ein Teil wurde deportiert und ermordet.

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Wand mit Schwarz-Weiß-Fotos der Bilder, die den Vernichtungswahn der Nationalsozialisten nicht überstanden. Es ist eine blasse Erinnerung an eine lebendige, glückliche Zeit und für den Besucher, nach all den bereichernden Eindrücken, sehr bewegend.

Die Ausstellung »Paris Magnétique. 1905–1940« im Jüdischen Museum Berlin ist bis zum 1. Mai zu sehen.

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